Dienstag, 22. Mai 2018
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Beim bundesweiten Auftakt des Weltgästeführertags erzählen bekannte Persönlichkeiten aus ihrem Leben

Wenn Fleißer auf Eck und Shelley trifft

Ingolstadt
erstellt am 15.02.2018 um 16:15 Uhr
aktualisiert am 19.02.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Die bundesweite Eröffnung des Weltgästeführertags findet heuer in Ingolstadt statt. "Menschen, die Geschichte schrieben" lautet das Motto. Ab 13.30 Uhr erzählen am Samstag Marieluise Fleißer, Adam Weishaupt, Mary Shelley und andere an historischen Stätten aus ihrem Leben.
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Ingolstadt: Professor Johannes Eck und Marieluise Fleißer alias Helmut Fertsch und Maria Luisa Görge.
Professor Johannes Eck und Marieluise Fleißer alias Helmut Fertsch und Maria Luisa Görge. Die beiden machen am Samstag beim Weltgästeführertag mit.
Eberl
Ingolstadt

Wenn Helmut Fertsch in eine Rolle schlüpft, dann richtig. So, wie er sich am Samstag seinen Zuhörern präsentieren wird, könnte Johannes Eck tatsächlich ausgesehen haben. "Das lange G'wand ist aus dem Fundus vom Stadttheater", erzählt der 64-Jährige. Die Mitarbeiterinnen der Maske des Theaters haben dem Laien-Schauspieler Fertsch die Haare an das Birret genäht. Und Gebetbuch und Brustkreuz dürfen natürlich auch nicht fehlen. "Ich habe mir einen Haufen alte Zeichnungen angeschaut", erzählt Fertsch über seine Vorbereitungen für seine Rolle als Eck, die er im Vorjahr schon gespielt hat. "Da war ja 500 Jahre Reformation, und wir haben ein paar Eventführungen gemacht."

Johannes Eck (1486-1543) war bekanntlich Professor an der Ingolstädter Universität und als einer der bekanntesten Gegenreformatoren einer der größten Widersacher von Martin Luther. Begraben wurde er im Münster, wo er als Pfarrer wirkte. Fertsch hat zahlreiche Texte und Briefe von und über Eck gelesen, der sich nicht nur mit Theologie, sondern auch mit damals so brisanten Themen wie beispielsweise dem Zinsverbot der Kirche befasste.

Doch auch ganz profane Dinge waren dem Universitätsprofessor und Geistlichen sehr wichtig, wie Fertsch weiß. Eine amüsante Episode ist durch einen Eintrag in das Senatsprotokoll der Universität am 7. Oktober 1517 erhalten. Eck als Vizerektor klagte, dass der Wein gerade in diesem Jahr sehr teuer sei und das Bier so schlecht, dass es niemand trinken möge. Man müsse Abhilfe schaffen, wenn man die Universität in Kraft erhalten wolle, ist in den alten Protokollen zu lesen. Der Senat beschloss die Einsetzung einer Kommission. Diese sollten mit der Stadtvertretung unterhandeln sollte, damit die Bierbrauer sich mit besseren Stoffen in größerer Menge versehen möchten, auf dass nicht etwa die Studenten wegen Mangel am Trunk abwandern müssten ("ne studentes ob penuriam potionis compellerentur discedere").

Es sind Anekdoten wie diese, die die Führungen von Fertsch so plastisch und amüsant machen. Genügend Wissen und Erfahrungen hat der 64-Jährige, der seit 2001 Stadtführer ist und auch Themenführungen, Radtouren und Busbegleitungen organisiert. "Geschichte hat mich schon immer interessiert, da hab' ich immer einen Einser gehabt", erinnert sich der in der Hackenschwaige (Knoglersfreude) Geborene. Fertsch mag es, den Gästen Ingolstadt zu zeigen: "Jede Führung ist anders. Da ist man geistig immer gefordert und lernt auch dabei." Auch die intensive Vorbereitung, da ist er sich sicher, hält fit. "Und solange es mich interessiert, bringe ich es auch gut rüber."

Maria Luisa Görge ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Stadtführungen und die Ingolstädter Geschichte nicht nur informativ sind, sondern auch Spaß machen. "Ich setze immer wieder andere Schwerpunkte und lerne dazu", erzählt die im portugiesischen Porto Geborene, die aber seit über 40 Jahren in der Schanz lebt. Mit der Landesgartenschau 1992 fing sie als Stadtführerin an und ist es bis heute geblieben. "Ich bin gerne unter Menschen", nennt sie eine weitere Voraussetzung dafür.

Maria Luisa Görge wird am Samstag Marieluise Fleißer darstellen - und sich natürlich auch in Kleidung und Schuhen der Ingolstädter Schriftstellerin nähern, über die sie viel gelesen hat. "Die Führung wird leicht, aber zugleich informativ sein", verspricht sie. "Als Fleißer werde ich über mein Leben und meine Männer erzählen, aber auch über meine Rückkehr von Berlin nach Ingolstadt, meine Heirat und Erlebnisse und die Verleihung des Kunstpreises." Es dürfte also durchaus interessant werden.

Neben Fleißer und Eck warten am Samstag noch weitere bekannte Schanzer auf Zuhörer: Isabell die Bavière, die Tochter Herzog Stephans III. von Bayern-Ingolstadt und spätere Königin von Frankreich, Mary Shelley, Autorin des Romans "Frankenstein", Adam Weishaupt, Gründer des Geheimbundes der Illuminaten, sowie Adolf Scherzer, Komponist des Bayerischen Defiliermarschs, und eine Ingolstädter Bürgerin. Sie alle werden von Stadtführern dargestellt. 51 sind derzeit in Amt und Würden und in einem Verein organisiert, dessen Vorsitzender Andreas Freytag ist. Seinen Angaben zufolge bieten sie mit der Ingolstadt Tourismus und Kongress GmbH (ITK) im Jahr rund 1300 Führungen an. Wer Stadtführer werden will, muss bei der ITK eine Ausbildung samt Prüfung durchlaufen. Stadtgeschichte, Didaktik und die Praxis der Führungen müssen die Teilnehmer beherrschen.

Ingolstadt wurde heuer vom Bundesverband der Gästeführer erstmals als Auftaktort anlässlich des Weltgästeführertags auserkoren. Das Programm gibt es als Faltblatt in der Tourist-Information am Rathausplatz sowie an den Infoständen.
 

Vorträge

  • Aus ihrem Leben erzählen am Samstag, 17. Februar:
  • Isabeau des Baviere: 13.30 und 14 Uhr im Herzogskasten.
  • Marieluise Fleißer: 13.45 und 14.15 Uhr im Herzogskasten.
  • Mary Shelley: 14.15 und 14.45 im Gasthaus Daniel.
  • Johannes Eck: 14.30 und 15.15 Uhr in der Hohen Schule.
  • Adam Weishaupt: 14.45 und 15.30 Uhr in der Hohen Schule.
  • Ingolstädter Bürgerin: 15.15 und 15.45 Uhr im Kreuztor.
  • Adolf Scherzer: 15.45 und 16 Uhr im Stadtmuseum.

Darüber hinaus stellen die Stadtführer am Alten Rathaus, am Ickstatthaus in der Ludwigstraße und am Münster weitere Persönlichkeiten der Ingolstädter Stadtgeschichte vor und beantworten die Fragen der Gäste. Alle Veranstaltungen der Stadtführer sind kostenlos. | peh

Bernhard Pehl
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