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Die Ingostädter Straßenambulanz hilft beim Kampf gegen soziale Kälte und Minusgrade

Wärme für Körper und Seele

Ingolstadt
erstellt am 03.02.2012 um 21:41 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 20:08 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Wer derzeit ohne Obdach ist, riskiert sein Leben. In Magdeburg ist Donnerstagnacht ein Mann auf der Straße erfroren. Das Klohäuschen, in dem er die Nächte zuvor verbracht hatte, war plötzlich verschlossen. In Ingolstadt finden Bedürftige in der Straßenambulanz Essen, ein Bett und wärmende Worte.
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Ingolstadt: Wärme für Körper und Seele
Zwischenstation: In der Notschlafstelle der Ingolstädter Straßenambulanz hat der 18-jährige Mike vorübergehend eine Bleibe gefunden. Gerade bei den aktuell tiefen Temperaturen sind sozial Schwache und Wohnungslose auf Hilfe angewiesen - Foto: Strisch
Ingolstadt
Mike ist seit zehn Tagen unterwegs. Zuletzt hat der 18-Jährige in Würzburg als Maler gearbeitet. Bis ihn sein Chef rausgeschmissen hat. „Es hat Ärger gegeben“, sagt er und zieht an seiner Zigarette. Aus Würzburg wollte er so schnell wie möglich weg. „Sonst bin ich tot“, ist er überzeugt. Eine Gruppe Jugendlicher habe ihm nach einer handfesten Auseinandersetzung Schläge angedroht. Bei seinem Bruder in Manching konnte Mike nicht bleiben, seine Mutter lebt von Hartz IV und kommt selbst kaum über die Runden. Mike telefoniert regelmäßig mit ihr. Seine Habe passt in einen Rucksack.

Mit seinen Kumpels hat er früher manchmal im Wald übernachtet, erzählt der 18-Jährige. Auch im Winter. „Man muss sich mit Laub und Reisig zudecken“, sagt er. „Das geht schon.“ Bei den derzeitigen Temperaturen allerdings sei das zu gefährlich. „Ich bin ja nicht verrückt.“ Und so stand Mike schließlich vor der Tür der Straßenambulanz in der Moritzstraße. Hier fand er in der Notschlafstelle einen Platz zum Bleiben und ein offenes Ohr. Bruder Martin, der die Einrichtung leitet, sucht jetzt eine neue Heimat für den jungen Mann. „Bis wir was gefunden haben, kannst Du bleiben“, verspricht er.

Mike ist nicht der einzige, der auf die Hilfe der Straßenambulanz angewiesen ist. In den vergangenen Jahren seien es immer mehr geworden, erzählt Bruder Martin. „Die Gesellschaft wird egoistischer.“ Im Gemeinschaftsraum gibt Johannes Löhlein das Mittagessen aus. Er leistet ein Freiwilliges Soziales Jahr ab. Es gibt Würstl, Kraut und Kartoffelbrei. „Es ist Anfang des Monats, da sind weniger Leute da“, sagt Johannes. „Ab dem 10. werden es mehr, wenn den Leuten langsam das Geld ausgeht.“ An diesem Tag kommen etwa 25 Hungrige in die Straßenambulanz. Manchmal sind es doppelt so viele.



An einem Tisch sitzen Elisabeth, Peter und Herbert. Nach dem Essen rauchen sie und unterhalten sich über das Wetter. Auch sie müssen nicht draußen schlafen. Peter und Herbert wohnen im Wohnheim der Stadt am Franziskanerwasser, Elisabeth in einer WG im Piusviertel. Allerdings träumt die 60-Jährige von einer eigenen Wohnung. Bruder Martin gibt ihr einen Zettel mit einer Telefonnummer. Vielleicht ergibt sich etwas. „Ohne Bruder Martin wären einige Menschen richtig aufgeschmissen“, sagt der 55-jährige Peter.

Auch Boris kommt regelmäßig. „Ich kümmere mich hier auch um den Müll“, erklärt der 50-Jährige. Bruder Martin steckt ihm dafür immer wieder eine Packung Tabak zu. Obwohl Boris gar keine selbst gedrehten Zigaretten raucht. „Ich schenke den Tabak meistens Bernd“, erzählt Boris. Bernd kennen alle hier. Er ist der einzige, der auch bei den derzeitigen Temperaturen partout nicht in der Notschlafstelle übernachten will. Nachts tingelt er durch die Kneipen und legt sich schließlich für ein paar Stunden in eine Tiefgarage. „Im Sommer machen das einige so“, sagt Bruder Martin. „Bernd ist der einzige, der das auch im Winter so will.“ Sorgen muss man sich um ihn trotzdem nicht machen, ist Bruder Martin überzeugt. Er hat den Obdachlosen mit Schlafsack, Jacke, Schuhen und langer Unterwäsche versorgt. Ab und zu kommt Bernd zum Essen und Duschen vorbei. Bruder Martin kennt ihn seit sieben Jahren.

Am Nachmittag sitzt Mike mit den Älteren zusammen. Es wird gespielt. Lust, raus zu gehen, hat er nicht. „Viel zu kalt“, sagt der 18-Jährige. Bernd ist zu diesem Zeitpunkt längst schon wieder draußen unterwegs.


 

Von Johannes Hauser
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