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"Man darf Waffen nicht einfach toll finden"

Ingolstadt
erstellt am 31.01.2010 um 20:35 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 19:47 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Ansgar Reiß, der neue Direktor des Bayerischen Armeemuseums, tritt heute sein Amt an. Im Gespräch mit Christian Silvester berichtete der 44-jährige Historiker über seine Pläne und sein Verständnis von moderner Geschichtsvermittlung. Dabei kam er am Afghanistan-Krieg und den Untaten des berüchtigten Feldherrn Tilly nicht vorbei.
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Ansgar Reiß
Der neue Schlossherr vor den Toren: Heute tritt Ansgar Reiß sein Amt als Direktor des Bayerischen Armeemuseums an.
Herbert
Ingolstadt

Herr Reiß, welche militärische Leistung bewundern Sie?
Ansgar Reiß: Die bewundernswerten militärischen Leistungen sind meistens die Friedensschlüsse, zu denen die Militärs wichtige Beiträge liefern. Man darf das nicht unterschätzen. Ein Friedensschluss kommt nicht dadurch zustande, dass das Militär völlig in den Hintergrund gedrängt wird, sondern es muss in der Lage sein, die Grundlagen dafür zu schaffen.

Als Herr über ein stattliches Kampfmittelarsenal unterliegen Sie ab heute dem Kriegswaffenkontrollgesetz. Was ist das für ein Gefühl?
Reiß: Das ist natürlich ein eigenartiges Gefühl, das einen dazu veranlasst, Dinge besonders korrekt zu betreiben. Aber das ist ja auch gut so.

Der Verein der Freunde des Armeemuseums hat Ihre Ernennung mit Kriegsgeheul begleitet, weil er einen Historiker aus den eigenen Reihen favorisiert hat. Wie ist derzeit die Lage an der Front?
Reiß: Die Lage ist entspannt und freundschaftlich. Ich freue mich darauf, mit den Freunden des Armeemuseums zusammenzuarbeiten. Es besteht inzwischen auch ein guter Kontakt zum Vorsitzenden, Herrn Manfred Dumann. Es gab sicher anfangs Irritationen um die Bekanntgabe meiner Ernennung, aber das ist jetzt Geschichte.

Was kann ein Armeemuseum den Menschen heute sagen? Was muss es den Menschen heute sagen?
Reiß: Ein Armeemuseum konfrontiert uns mit vielen unangenehmen Seiten der Vergangenheit. Es gehört zum Wesen der Erinnerung, dass man Unangenehmes auszublenden versucht, was oft fatale Folgen hat. Die Aufgabe eines Armeemuseums ist zweifellos in erster Linie eine aufklärerische. Wir müssen darüber Auskunft geben, welche Rolle militärische Strukturen und staatlich organisierte Gewalt in unserer Geschichte spielen.

Die Faszination für Waffen ist unleugbar weit verbreitet. Die Versuchung, einen Kriegskult zu betreiben, ist groß. Wo liegt für Sie die Grenze?
Reiß: Ich glaube nicht, dass es möglich ist, hier ein allgemeines Prinzip zu formulieren. Ich sehe viele Gegenstände aus der Geschichte, mit denen der Umgang problematisch ist. Ein Armeemuseum muss sich darüber besonders sorgfältig Gedanken machen. Ich denke da etwa an das Problem der Gewaltdarstellung. Man kann Waffen nicht einfach naiv als schön präsentieren, sondern muss bedenken: Was erreiche ich mit dieser Emotion, die ich durch ein Ausstellungsstück auslöse? Diese Emotion ist ganz wichtig. Es ist eine Tatsache, dass Waffen Besucher anziehen – das zu leugnen, wäre verkehrt. Aber man muss sich bemühen, das in die richtigen Bahnen zu lenken, denn man darf Waffen nicht einfach nur toll finden.

Welche weiteren Erfahrungen möchten Sie in Ihre Arbeit einbringen?
Reiß: Das Spannende an Ausstellungen ist ja das Konkrete. Man geht immer von einem Objekt, einer konkreten Geschichte aus. Da kann ein Museum auch der Forschung viel bieten, weil man als Ausstellungsmacher gezwungen ist, das Allgemeine, die großen Prinzipien der Geschichte, im Konkreten wiederzufinden, es an einzelnen Beispielen zu erzählen. Was wir in hohem Maße brauchen, ist die Urteilskraft. Es geht um die Frage: Welches Stück kann für allgemeine Prinzipien stehen? Das ist meine große Leidenschaft.

Zu Ihren nächsten Aufgaben dürfte es gehören, einen Starfighter F104 und ein Mini-U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg zu präsentieren. Haben Sie schon eine Idee, was man da machen könnte?
Reiß: Wie man U-Boote in Ausstellungen einbindet, ist sicher eine schwierige Sache. Grundsätzlich finde ich es faszinierend, großformatige Objekte zu haben, um die herum man Ausstellungsepisoden aufbaut. Und auch der Starfighter wird sicher seinen Platz finden. Er ist ein hervorragendes Exponat, um den Kalten Krieg zu thematisieren. Und wir werden auch an die tragischen Ereignisse der vielen Starfighter-Abstürze erinnern müssen.

Ernst Aichner, Ihr Vorgänger, hat eine große Sammlung zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der Bundeswehr zusammengetragen. Wie stehen die Chancen, dass die Exponate bald gezeigt werden?
Reiß: Die Chancen stehen sehr gut. Einen konkreten Zeitplan kann ich aber leider noch nicht nennen; das ist zurzeit in der Politik immer das Problem. Es ist der erklärte Wille da, der auch im Ministerium zum Ausdruck gebracht wurde. Es ist eine alte Planung, die Herr Dr. Aichner immer vorangetrieben hat. Es wird sicherlich in längerer Sicht eine Dauerausstellung zum Zweiten Weltkrieg geben. Die muss man gründlich vorbereiten, und zwar nicht nur, indem wir uns in der Studierstube Gedanken machen, sondern wir sollten eine Diskussion darüber führen und uns bemühen, in ganz Europa Partner zu finden, die mitarbeiten und Ideen geben. Das ist auch ein Teil unseres Bildungsauftrags.

Welche Ihrer Pläne wollen Sie schon verraten?
Reiß: Ich habe vor, wenn alles abgeklärt ist, einen Plan zu veröffentlichen. Jetzt kann ich bereits sagen, dass wir in drei Jahren ein Projekt dazu machen, was in der Forschung der "zweite Kalte Krieg" genannt wird, also die Nachrüstung in der Folge des Nato-Doppelbeschlusses 1979, der 1983 aktuell wurde. Es wird also 2013 im Armeemuseum eine Ausstellung zur Geschichte der Friedensbewegung geben.

Kritiker sagen, die Sammlung im Neuen Schloss sei museumsdidaktisch auf dem Stand der sechziger Jahre, also ziemlich veraltet. Inwieweit ist diese Kritik berechtigt?
Reiß: Bei der technischen Ausstattung liegt natürlich immer viel an finanziellen Mitteln. Es wird jeder Ausstellungsmacher ein Lied davon singen können, wie aufwendig es ist, etwas schön zu gestalten. Da würde ich keinem einen Vorwurf machen. Ich möchte etwas zur ursprünglichen Konzeption sagen: Das Bayerische Armeemuseum sollte bei der Gründung vor über 100 Jahren ein Denkmal für die bayerische Armee sein. Es entstand in der besonderen historischen Situation, als der bayerische Staat unter König Ludwig II. immer mehr Souveränität verlor. Das Museum ist somit zugleich ein Versuch, Erinnerung zu formen. Dieser Gedanke sollte auch langfristig im Konzept des Museums zur Geltung kommen. Das Museum war für Ludwig II. ein Symbol für das Fortbestehen seiner Monarchie – und auch diese Tradition gilt es zu pflegen, denn das ist selber wieder etwas Historisches.

Zur Gegenwart: Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg spricht von "kriegsähnlichen Zuständen in Afghanistan". Wie beurteilt ein Historiker diese Formulierung?
Reiß: Er hat Recht.

Aber wieso sagt Guttenberg nicht: "Es ist Krieg."?
Reiß:
Das ist eine Folge der politischen Kultur in der Bundesrepublik. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man den Gedanken möglichst weit von sich weisen, Deutschland könne wieder Krieg führen. Aber es scheint wirklich problematisch, wenn man sich die Ereignisse in Afghanistan ansieht. Es ist dort eine Form von Krieg, zwar ein irregulärer, aber wir dürfen den Begriff nicht darauf beschränken, dass zwei souveräne Staaten Krieg miteinander führen. Es hat in der Geschichte schon immer Bürgerkriege und Aufstandsbewegungen gegeben. Jedoch: Wie man das dann rechtlich beurteilt, ist ein anderes Thema.

Welche Auswirkungen hat es auf die Arbeit eines Armeemuseums, dass sich jetzt wieder deutsche Truppen im Fronteinsatz befinden?
Reiß:
Es wird sicher Auswirkungen haben, weil das erneut zu einer anderen Stellung von Militär und Krieg in der Gesellschaft führt. Da erwarte ich markante Verschiebungen. Die Bundeswehr spielt bereits eine andere Rolle in unserer Gesellschaft. Das große, stehende Heer des Kalten Krieges vorher, jetzt mit allen Mitteln auf Mobilität getrimmte Einsatzkräfte. Damit verändern sich auch die Aufgaben des Armeemuseums. Es gibt jetzt wieder Menschen, die Erfahrungen mit Krieg haben, sei es, weil sie Teilnehmer waren, sei es, weil sie Angehörige sind. Es gibt wieder Gemeinden, aus denen Soldaten kommen, die Opfer geworden sind. Das ist eine ganz neue Situation. Da soll das Armeemuseum ein Ansprechpartner sein, der den Menschen hilft, so etwas zu formulieren. Wir wollen dazu beitragen, diese Erfahrungen in Bahnen zu lenken, um rational verstehen zu können, was hier vorgeht.

Noch etwas Ernstes: Die Ankündigung, dass eine neue Ingolstädter Realschule nach dem Feldherrn Tilly benannt werden soll, hat zu Protesten geführt. Wie beurteilen Sie als Historiker diesen gefürchteten alten Krieger?
Reiß:
Es sind in Ingolstadt ja viele Dinge nach Tilly benannt und auch in ganz Europa. Man kann es tun, doch ob es besonders glücklich ist, möchte ich in Frage stellen. Vermutlich ist es dadurch zustande gekommen, dass Tilly in Ingolstadt eben ein bekannter Name ist. Vielleicht aber wäre es besser gewesen – zumal man sich im Bildungsbereich bewegt –, sich einen Vertreter der großen und wichtigen Ingolstädter Universität als Namenspatron zu suchen. Da gibt es zahlreiche bedeutende Gelehrte, die sicher einfachere Identifikationsobjekte wären als der Feldherr Tilly.

Donaukurier
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