Dienstag, 16. Oktober 2018
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Horst Seehofer mit letzten öffentlichen Auftritt als Ministerpräsident

Schön war die Zeit

Ingolstadt
erstellt am 08.03.2018 um 14:25 Uhr
aktualisiert am 12.03.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Horst Seehofer absolvierte am Donnerstag seinen letzten öffentlichen Auftritt als bayerischer Ministerpräsident. Der führte ihn in seine alte Schule: die Ickstatt-Realschule. Die feierte sehr unterhaltsam ihr 60-jähriges Bestehen. Der Gast blickte nostalgisch zurückund die Schulfamilie voller Zuversicht nach vorn.
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Ingolstadt: Horst Seehofer kehrte gern in die Freiherr-von-Ickstatt-Realschule zurück , die am Donnerstag ihr 60-jähriges Bestehen mit einem schwungvollen Festakt feierte.
Horst Seehofer kehrte gern in die Freiherr-von-Ickstatt-Realschule zurück.
Hammer
Ingolstadt

Ja, dieses Leben. „Es schreibt die eigenartigsten Geschichten. Die kann man nicht planen.“ Horst Seehofer betont es in seiner Rede. Und erwähnt es im Laufe des Festakts immer wieder; als könne er es wirklich nicht glauben. „Ausgerechnet mein letzter öffentlicher Auftritt als Ministerpräsident führt mich in meine alte Schule zurück! Das ist der schöne Zirkelschluss eines Lebenskreises.“ Nein, das sei nicht lange so geplant gewesen. Bevor er am nächsten Dienstag aus dem Amt scheidet (und danach sehr wahrscheinlich als Innenminister in die Bundesregierung eintritt), wird Seehofer einige öffentliche Termine als CSU-Vorsitzender wahrnehmen. Aber an diesem strahlenden Tag (CSU-Wähler würden sagen: „Ministerpräsidentenwetter“) hebt er einmal mehr das Besondere an seinem Besuch hervor: „Das hier ist meine letzte Rede in der Funktion als Ministerpräsident.“

Cornelia Hammer
Ingolstadt
Sie beginnt kurz nach 10 und endet um 10.27 Uhr. Dieser Moment bewegt ihn, das bleibt den Gästen der Feier in der Aula der Ickstatt-Realschule nicht verborgen. Nostalgie dürfte ein Übriges bewirken. Denn er blicke gern zurück, sagt Seehofer. Im Juli 1949 geboren, wuchs er mit drei Geschwistern an der Ingolstädter Parkstraße auf. Sehr bescheidene Verhältnisse. Der Vater arbeitete als Lasterfahrer. „An einen Übertritt auf das Gymnasium war überhaupt nicht zu denken, auch wenn die Grundschullehrerin das meiner Mutter empfohlen hat.“ Ferne Zeiten. „Es gab kein Fernsehen. Und Radio nur mit schlechtem Empfang. Wir waren für unseren Bildungsgrad ausschließlich auf den DONAUKURIER angewiesen.“

Und nicht zu vergessen: die Ickstatt-Realschule. Seehofer besuchte die Realschule (damals wie üblich ab der siebten Klasse) anfangs im Ausweichquartier an der Kupferstraße; das Gebäude an der Von-der-Tann-Straße kam erst später. „Ich verbinde mit dieser Zeit schöne Erinnerungen, auch wenn ich damals nicht jeden Tag der Meinung war, dass die Schule ein schöner Abschnitt im Leben ist.“ Die Turbulenzen zu Beginn spart Seehofer nicht aus. Als ein Lehrer den Buben wissen ließ, dass die Eltern bald einen Brief erhalten werden, „habe ich mich viel vor der Tür aufgehalten, um den Postboten abzufangen“. Aber er verpasste ihn. In dem Brief stand: „Nachhilfe wird empfohlen!“ Bald wurden seine Leistungen besser, „weil ich gemerkt habe, dass man hier wirklich für das Leben lernt“. Die Mittlere Reife erwarb er 1965 – ohne Ehrenrunde. Mit den alten Klassenkameraden trifft sich Seehofer bis heute regelmäßig. Die Anekdotendichte wird dabei offenbar immer höher: „Je älter man wird, desto mehr erinnert man sich an seine Schulzeit.“ Die Knaben in der bis in die 90er-Jahre mädchenlose Schule hätten sich oft mit „Lausbubeneigenschaften“ hervorgetan. „Wir waren stolz auf jede Woche, in der uns was Originelles eingefallen ist.“

Trotz der Albernheiten sei die Persönlichkeits- und Herzensbildung, wie sie die Bayerische Verfassung festschreibe, „bei allen gelungen“. Das sehe man auch bei ihm. „Bei meinem Bruder Dieter hatte ich damals nicht so viele Hoffnungen.“ Riesengelächter im Saal. Dieter Seehofer lächelt souverän; er kennt solche kleinen Sticheleien schon. Es kommt noch mehr. Einige Programmpunkte später bittet Schulleiterin Johanna Mödl beide Seehofers auf die Bühne. Überraschung. „Davon habe ich nichts gewusst“, bekennt der Ministerpräsident. Da sitzt er an einem Tisch, Auge in Auge mit seinem Bruder Dieter. Der ist ebenfalls ein Ickstatt-Absolvent. Zum großen Amüsement der Gäste werfen sich die zwei munter die Bälle zu.

Gut, es sind auch ein paar Schmetterbälle dabei. Brüder halt. Sie haben oft gegeneinander Schach gespielt. „Immer, wenn der Dieter gewonnen habe, was nur selten vorgekommen ist“, so der Horst, „haben gewalttätige Auseinandersetzungen gedroht.“ „Du hast aus Wut sogar mal eine Vase aus Porzellan zertrümmert!“, verrät der Dieter. Seine Detailausführungen gehen im Gelächter unter. „Mei, die Vase ist halt vom Tisch gefallen“, erwidert der Horst. Dieter Seehofer packt eines seiner Schulzeugnisse aus und liest daraus vor: „Sein Verhalten war stets tadelfrei!“

Doch dann das: „Der Schüler zeigte zu wenig Ehrgeiz.“ Immerhin: Bis zum Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Ingolstadt hat es noch gereicht; 2016 ist Seehofer in den Ruhestand gegangen. „In Religion hatte er nur ein befriedigend“, petzt Bruder Horst. „Eine Drei haben in unserer Klasse sogar die Letzten erreicht!“ – „Er wollte ja nicht Pfarrer werden!“, flicht ein vorlauter Ehrengast in der zweiten Reihe ein. Stimmt auch wieder. Nach der mitreißenden Feier (siehe den Kasten) erzählt Seehofer im Pausenhof von seiner schönsten Erinnerung an die Schulzeit: „Unsere Klassenfahrt ins Steinerne Meer nach der Mittleren Reife.“ Mit viel Gaudi und Alkohol. „Im Riemannhaus haben wir unsere Lehrer nachgespielt – vor den Lehrern! Das war wie am Nockherberg.“ Seehofer gab den Mathelehrer Pfeifer. „Was für ein Spaß!“ Nachdenklich fügt er an: „Bei aller Nostalgie: Heute haben es junge Leute trotzdem besser als wir damals. Diese vielen Möglichkeiten! Die neue Technik!“ Ein letzter, fast wehmütiger Blick zurück auf die bunte Fassade seiner alten Schule. Dann muss Seehofer weiter.

 

Ein Glanzstück 

Impressionen aus 60 Jahren Schulgeschichte sind in der Aula ausgestellt.
Cornelia Hammer
Ingolstadt

Der Weg zur Jubiläumsfeier im dritten Stock führt durch sechs Jahrzehnte. Schülerinnen und Schüler erzählen in der Jugendmode der jeweiligen Zeit von früher: Lederjackenschick in den 50ern, Hippie-Stil in den 70ern, Baseballkappen in den 90ern. So geht es weiter, bis 60 Jahre Ickstatt-Realschule erreicht sind. Eine überaus geschichtsbewusste Einstimmung.
Und unterhaltsam. Die jungen Akteure beeindrucken die Gäste mit einer einfallsreichen wie mitreißenden Feier. Ohne Grußwortlitaneien, dafür mit viel Musik von der rockigen Schulband, den Gesangsensembles und sehr talentierten Solisten. Alles eloquent und – angesichts der Phalanx an Ehrengästen vor ihnen – ohne jedes Unbehagen moderiert von den Neuntklässlerinnen Sandra und Christina. Sie bekommen viel Beifall.
Im ernsten Teil seines Auftritts würdigt Horst Seehofer das gegliederte bayerische Schulsystem: „Die Realschule ist ein Juwel in der Bildungslandschaft! Realschüler sind vor allem in der Wirtschaft und in der Verwaltung sehr gefragte Kräfte. Der Beitrag des Bildungswesens zum wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand in Bayern ist nicht hoch genug einzuschätzen! Die Realschulen können stolz sein auf das, was sie den jungen Leuten mitgeben fürs Leben. Für ein gutes Leben!“
Kulturreferent Gabriel Engert ahnt, wie schwer es ist, „nach dieser historischen letzten Rede des Ministerpräsidenten“ das Wort zu ergreifen, aber mit Lob für die Ickstatt-Realschule liegt er gewiss nicht falsch: Das für zwölf Millionen Euro aufgestockte und generalsanierte Haus habe belastende Baustellenjahre hinter sich. Dafür sei es heute „ein Glanzstück!“ Multimedia in jedem Klassenzimmer. Und ebenfalls überall anzutreffen: „Optimismus, Zuversicht und Jugendlichkeit.“
Auch das Kollegium hat einen großen Aufwand für das Gelingen der Feier betrieben. „Es war alles klasse!“, ruft Seehofer zum Abschied. Er wisse, wovon er spreche. „Ich habe schon Tausende Veranstaltungen erlebt.“ Damit lässt er nicht nur Schulleiterin Johanna Mödl beseelt zurück. 

Doch nicht nur seiner alten Schule stattete Seehofer einen Besuch ab. Er schaute auch beim Ingolstädter Autobauer Audi vorbei. 

Christian Silvester
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