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Studentischer Börsenverein an der WFI vermittelt realitätsnah Grundwissen über den Aktienhandel

Kaufen, halten oder verkaufen?

Ingolstadt
erstellt am 02.11.2017 um 19:46 Uhr
aktualisiert am 05.11.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Konkrete Anlagetipps dürfen sie aus rechtlichen Gründen nicht geben. Aber sonst vermitteln die jungen Mitglieder des Finance Network Ingolstadt (FNI) der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Eichstätt-Ingolstadt alles, was angehende Aktionäre grundsätzlich wissen sollten.
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Erkläre bitte noch einer diese Deutschen! Lieben ihre Wälder ebenso wie ihre Autos. Mögen Kreditkarten nicht besonders, dafür Cash umso mehr (im Gegensatz zu den Schweden, die das Bargeld am liebsten ganz abschaffen würden). Obwohl überdurchschnittlich wohlhabend, wohnen die Deutschen mehrheitlich zur Miete (rund 55 Prozent). Völlig anders etwa die Spanier: Sie leben fast zu 80 Prozent, wie man bei uns so schön sagt, "im Eigentum" (beziehungsweise dem ihrer Bank). Geht es um die Börse, präsentiert sich die große Mehrheit der Deutschen als vereintes Volk der Zauderer und Bedenkenträger: Nur 14 Prozent der Bundesbürger besitzen Aktien.

Warum eigentlich? Was hält so viele Deutschen von der Börse fern? Angst vor Pleiten? Mangelndes Wissen? Oder ist es eher Desinteresse? Jonas Walter und Michael Kosch haben sich lang mit dieser Frage beschäftigt. Sie kommen zu dem Schluss: "Das ist historisch erklärbar. Viele Deutsche sind noch mit anderen Anlageformen aufgewachsen, die lange Zeit ohne Risiko enorme Renditen eingebracht haben." Etwa Schatzbriefe. Die winkten bis Ende der 1980er-Jahre mit Zinsen von sieben Prozent und mehr. Doch diese Zeiten sind definitiv vorbei.

Geblieben ist eine kollektivpsychologische Konstante: "Die Deutschen sind insgesamt sehr risikoavers", sagt Jonas Walter. Das bedeutet: Sie lieben die Sicherheit und altvertraute Formen der Geldvermehrung; auch wenn die Inflation schon längst ihre Sparguthaben annagt.

Also doch an die Börse? "Nur Mut!", sagen die Mitglieder des studentischen Vereins Finance Network Ingolstadt (FNI) an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Eichstätt-Ingolstadt (WFI). Sie vermitteln ehrenamtlich und ohne jegliche kommerzielle Absichten Basiswissen über den Aktienhandel, heben die Vorteile hervor und nennen die Risiken deutlich beim Namen.

Der Münchner Jonas Walter, 22 Jahre alt, studiert im fünften Semester Betriebswirtschaftslehre (Bachelor) an der WFI. Der 25-jährige Michael Kosch aus Paderborn ist im dritten Semester seines BWL-Masterstudiums. Sie engagieren sich gern im gemeinnützigen Börsenverein ihrer Universität, der in der heutigen Form seit 2015 besteht und ca. 250 Mitglieder hat. Die Gründung verdankt sich der Initiative des Lehrstuhls für Finanzierung und Banken. Das FNI bietet geschäftlich-gesellige Treffen (im Fachjargon Business-Events) und andere Kontaktplattformen für Studenten. Die Vereinsmitglieder erhalten - sofern immatrikuliert - auch kostenlos Fachmagazine.

Auf großes Interesse stößt der "Börsenführerschein", ein Zertifikat, das man beim FNI in vier Lehrveranstaltungen erwerben kann. Hier erfährt man Grundlegendes über die Geschichte des Aktienhandels, die Anlageformen (was ist ein Swap) und die unterschiedlichen Anlagephilosophien. "Es ist unser Ziel, die Theorie mehr mit der Praxis zu verknüpfen", sagt Walter. Das bedeute jedoch nicht, dass die FNI-Mitglieder Anlagetipps geben. Das dürfen sie nicht und sie hatten es auch nie vor. Aber Skeptiker von den Vorteilen der Börse zu überzeugen und - falls nötig - Abenteurer zu besänftigen, ist schon Arbeit genug.

Ein Investor hat genau drei Optionen: Kaufen, halten und verkaufen. Das bläue WFI-Professor Max Götsche seinen Studenten energisch ein, erzählen Jonas Walter und Michael Kosch - doch was so strukturiert klingt, erzeugt in der Realität ein starkes Spannungsfeld, in dem man vieles richtig und noch mehr falsch machen kann. Hier Ratschläge der BWL-Studenten:

 

  • Ist das schon eine Blase? Die Deutschen und ihre Angst. Das ist so eine Geschichte. Denn mit einem DAX-Kurs jenseits der 13 000-Punkte-Marke steigt das Unbehagen der Börsenskeptiker rapide. Sie fragen ängstlich: "Ist das schon eine Blase? Wenn ja, wann platzt sie" Diese Diskussion sei "schwierig", sagen Walter und Kosch diplomatisch. Sie meinen eher: müßig. Denn: "Wenn wir eine Blase früh erkennen könnten, hätten wir keine Krisen. Wirtschaftliche Zyklen gibt es immer. Mal eine Rezession ist nicht schlimm." Ein Auf und Ab der Kurse: normal. "Das Basisprinzip lautet: Emotion und Investment gehören nicht zusammen. Man sollte nicht gleich vor Schreck davonlaufen, wenn die Aktien fallen." Auch davor gelte es, noch einiges zu beachten.

 

  • Die ersten Schritte Richtung Börse: Regel Nummer eins: Das Geld diversifiziert anlegen, also gut gestreut, das mindert das Risiko. "Bevor man investiert, muss man sich klarmachen: Wo verläuft meine Schmerzgrenze? Wie viel will ich investieren? Wie viel kann ich investieren? Muss ich Geld zurücklegen? Denn was mache ich, wenn ich in einem Jahr plötzlich Geld brauche" Wichtig sei auch: "Nicht gleich alles investieren." Den Markt beobachten. Geschäftsberichte lesen. Wer an der Börse Erfolge feiern will, "muss Engagement mitbringen und immer Zeit aufwenden - dann kommt man peu à peu rein. Das ist ein Lernprozess." Die beiden WFI-Studenten bezeichnen ihr Börsenengagement übrigens interessanterweise als "Hobby".

 

  • Verluste rechtzeitig akzeptieren! Das koste selbst erfahrene Händler Überwindung, sei aber sehr wichtig. "Es ist eine große Herausforderung sich einzugestehen, dass Aktien, die man mit hart erarbeitetem Geld gekauft hat, auch mal tief fallen. Diese Verluste muss man früh akzeptieren!" Und die Aktien schnell abstoßen. "Danach bewertet man das Investment retrospektiv und lernt daraus." Ein kleiner Trost könnte diese Grundregel sein: "Es gibt nie die eine richtige Strategie."

 

  • "Hätte-hätte-Fahrradkette": Wer kurz vor der Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 Anteile von EnBW oder E.on erworben hat, erlitt bald einen der größten anzunehmenden finanziellen Unglücksfälle, denn der abrupte (erneute) Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft traf die Energiekonzerne hart. Wer aber 2011 in die junge Elektromobilitätstruppe von Tesla eine vierstellige Summe investierte und im Sommer 2017 verkauft hat, kann sich von dem Gewinn einen edlen Mercedes kaufen. Doch hadern in dem Stil "Hätte ich damals doch! Hätte-hätte-Fahrradkette" bringe gar nichts, sagen Kosch und Walter. "Rückblickend sieht immer alles einfach aus. Aber wer über einen längeren Zeitraum eine Aktie hält, muss auch alle Tiefen mitnehmen! Er muss sein Geld so lang liegenlassen und hat es in der Zeit nicht zur Verfügung." Das sei meist leichter gesagt als getan. Natürlich kennen die Börsianer auch für diesen Fall eine Maxime: "Kein Gewinn ohne Risiko."
Von Christian Silvester
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