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Scheidung mit Ansage

Ingolstadt
erstellt am 04.05.2017 um 22:07 Uhr
aktualisiert am 08.05.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Bürgermeister Sepp Mißlbeck und Gerd Werding verlassen die FW. Beweggründe für den Paukenschlag im Rathaus und Reaktionen der wichtigsten Beteiligten.
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Sepp Mißlbeck:

Starkbierfest,Freien Wähler,Holledauer Randstoasutzler,Anstich Peter Springl,Kabarett,Chris Böttcher
Tischtuch zerschnitten: Fraktionschef Peter Springl (links) und Bürgemeister Sepp Mißlbeck (rechts)
Schuhmann Jürgen
Ingolstadt

Der Bürgermeister und FW-Stimmkönig landete bei der Kommunalwahl vor drei Jahren mit 17 308 Stimmen deutlich vor allen anderen Bewerbern auf der Liste. Zuletzt kam nach 27 Jahren bei den UW/FW immer wieder der Satz von "der fehlenden Wertschätzung" in den eigenen Reihen. Dabei, so sagte er, wäre er 2014 nach der krachenden Niederlage der von acht auf fünf Stadträte geschrumpften Freien Wähler für einen Neuanfang zu haben gewesen. Bürgermeister hin oder her. Doch der Posten des Fraktionschefs war besetzt, der des Vereinsvorsitzenden auch. "Und einen Hinterbänkler mache ich nicht." Also blieb er (mit guten Argumenten aus dem Wahlvolk) im Rathaus, auch wenn zuletzt FW-intern wegen einer angeblichen "Verjüngungskur" vehement an seinem Stuhl gesägt wurde. Doch spätestens mit Horst Seehofers erneuter Kandidatur fühlt sich der 73-Jährige bestätigt. Sein Freund Seehofer lebe es vor. Mißlbeck macht ohne Fraktion und Vereinigung als "objektiver, neutraler Bürgermeister, zu dem die Leute kommen können" die drei Jahre der Amtsperiode weiter. Was er in den letzten Monaten an CSU-Nähe, Alleingängen und Angriffen auf die Opposition bei den FW erlebt habe, so lässt er durchblicken, das "widerspricht einfach meinem persönlichen politischen Empfinden und der Erwartungshaltung des Bürgers". Am Ende blieb ihm nur der Austritt. Begleitet von den Worten: "Ich will keinen Krieg."

 

Gerd Werding:

Gerd Werding Christian Lösel
Auch Gerd Werding (rechts) verlässt die Fraktion. Der heute 77-Jährige nahm 2014 als Alterspräsident des Stadtrats die Vereidigung von OB Christian Lösel vor.
DK (Archiv)
Ingolstadt

Der 77-Jährige kam gestern auf Anfrage unverblümt zur Sache: "Ich habe in der FW-Fraktion bei verschiedenen Anlässen gesagt, dass ich nicht einverstanden bin. Aber das hat niemanden interessiert." Außer Sepp Mißlbeck. "Irgendwann ist eben der Punkt erreicht, wo es nicht mehr zusammen geht und ich sage: Das war's." Vor allem zwei Ärgernisse hätten ihn zum Austritt veranlasst: "Der Stil von Herrn Springl - denn der ist zum größten Teil an der Schärfe im Stadtrat schuld! Und fehlende Wertschätzung für meine Person. Die haben mir zu verstehen gegeben, dass sie auf mich gut verzichten können." Vergangenen Dezember habe er während Springls Haushaltsrede die Sitzung verlassen, weil er es nicht mehr ertragen habe, erzählt der 77-jährige Arzt im Ruhestand. "Während der Rede meines eigenen Fraktionsvorsitzenden!" Das würde schon was heißen.

Werding will sein Stadtratsmandat auf jeden Fall behalten, ebenso seine Aufsichtsratsposten. Was aus den Ausschusssitzen werde, müsse man sehen. "Möglich, dass sich da jetzt einige an mir rächen werden." Es ärgert ihn auch, dass seine fraktionsinternen Widersacher "immer sagen, der Sepp und ich seien zu alt". Markus Reichhart und Peter Springl sind Anfang 50. "So jugendlich sind die auch nicht mehr." Werding will weiter seine "Kompetenz einbringen", vor allem im Klinikum, und seine "Unabhängigkeit bewahren". Er schließt daher einen Wechsel etwa zur CSU aus, "obwohl ich keine CSU-Phobie habe; Hauptsache, kein Fraktionszwang mehr".
 

Christian Lösel und Albert Wittmann:

Mißlbecks Bürgermeisterkollegen zeigten sich gestern zumindest nach außen hin "überrascht" über seine Entscheidung. Der 73-Jährige teilte sie OB und Finanzbürgermeister gestern früh im Rathaus persönlich mit. Wie Lösel und Wittmann mitteilen ließen, "respektieren" sie seinen Entschluss, wollten die Entwicklung bei den FW aber nicht kommentieren. In der Stadtspitze werde sich mit einem fraktions- und parteilosen Mißlbeck nichts ändern. Man arbeite schon seit jeher (2008) "gut, eng und vertrauensvoll" zusammen. Auch an der Aufgabenverteilung ändere sich nichts: Der MTV-Ehrenpräsident bleibt Sportbürgermeister.

 

Peter Springl:

Der FW-Fraktionsvorsitzende meldete sich mit einer kurzen schriftlichen Mitteilung zu Wort. Die Fraktion nehme "zur Kenntnis", dass die beiden Mitglieder austreten, hieß es darin. Es folgte der Hinweis, dass FW und CSU nach wie vor über eine Mehrheit verfügen, sodass man die seit 2008 bestehende Zusammenarbeit mit der Union fortsetzen werde, als "zuverlässiger, aber auch kritischer Partner". Eine einzige Stimme (inklusive Oberbürgermeister) beträgt die Mehrheit. "Welche etwaigen Konsequenzen aus der neuen Lage zu ziehen sind", so Springl, werden Fraktion und Vorstand der FW heute beraten.

 

Patricia Klein:

Die Vorsitzende der CSU-Fraktion hat es "befürchtet", dass Mißlbeck und Werding die FW verlassen, "obgleich ich gehofft habe, dass man sich innerhalb der Fraktion noch einigen kann". So einen "deutlichen Schritt" nehme man "schwer zur Kenntnis", sagte sie gestern auf Anfrage. Die Beweggründe für den Austritt seien "intern zu suchen", so Klein, "da habe ich als CSU-Stadträtin keinen Einblick, wir wissen nicht, was da genau angelaufen ist". Die Fraktionsvorsitzende vertritt den Standpunkt: "Wenn es in einer Partei unterschiedliche Vorstellungen gibt, ist es wichtig, darüber zu reden. Man darf Meinungsverschiedenheiten nie unter den Teppich kehren. So etwas muss man durchstehen und austragen können - aber immer mit gegenseitigem Respekt." Die CSU-Fraktion werde bald darüber beraten, wie man auf den Paukenschlag reagieren soll. "Wir werden aber weiter im Stadtrat unsere Überzeugung und unsere Ideen vertreten, denn wenn man gute Politik macht, bekommt man auch die Mehrheit dafür."

Von Christian Rehbergerund Christian Silvester
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