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Warnstreik bei Audi mit Pauken und Trompeten – 4000 Arbeiter der Nachtschicht legen für zwei Stunden die Arbeit nieder

Der Kampf ist eröffnet

Ingolstadt
erstellt am 04.05.2012 um 20:42 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 20:11 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Die IG Metall lässt die Muskeln spielen. In der Nacht auf Freitag legte bei Audi die Nachtschicht für zwei Stunden die Arbeit nieder. 230 Autos weniger als sonst liefen deswegen vom Band. Mit dem Warnstreik bekräftigen die Arbeiter ihre Forderungen im aktuellen Tarifkonflikt der Metallindustrie.
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Ingolstadt: Der Kampf ist eröffnet
Feuer und Flamme für den Tarifstreit: In der Nacht auf Freitag folgten rund 4000 Audianer dem Aufruf der IG Metall zum Warnstreik. Sie fordern 6,5 Prozent mehr Entgelt, ein Mitspracherecht bei Leiharbeit und Werkverträgen und eine unbefristete Übernahme von Azubis - Foto: Rössle
Ingolstadt
Audi probt den Aufstand. Es ist 23.30 Uhr. Noch ist es eine halbe Stunde, bis der Warnstreik beginnen soll, aber über den leeren Platz zwischen der Halle, in der sonst die Autos für ihre neuen Besitzer vorbereitet werden, und dem Werkzeugbau schickt eine Trommlertruppe wilde Rhythmen in die Nacht. Feuerakrobaten probieren ihre Tricks. Auf der Ladefläche eines Lkw stehen Vertreter der IG Metall in roten Jacken und warten. Pünktlich um Mitternacht quäkt es aus einem Funkgerät: „Die Bänder stehen still.“ Die Party kann beginnen.

Zehn Minuten später mischen sich zu den Trommeln die ersten Trillerpfeifen. Einer hat eine Vuvuzela mitgebracht. Mit einem Transparent „Rohbau Süd“ kommt die erste Gruppe langsam über das dunkle Werkgelände gezogen. 50 Kollegen in Arbeitskleidung positionieren sich vor dem Rednerpult. Dann geht es schnell. Aus allen Richtungen folgen die Arbeiter vom Karosseriebau, dem Presswerk, der Montage und allen anderen Bereichen, in denen bei Audi sonst 24 Stunden gearbeitet wird. Um 0.20 Uhr muss Jörg Schlagbauer, Vorsitzender des IG-Metall-Vertrauenskörpers bei Audi, vom Lkw aus die Massen dirigieren. „Kommt weiter nach vorne“, ruft er fast wie bei einem Rockkonzert in das Mikrofon. Noch immer strömen Menschen auf den Platz und Bernhard Stiedl, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Verwaltungsstelle, schwant: „Der Platz wird nicht reichen.“

Um 0.30 Uhr drängen sich gut 4000 Menschen vor dem Rednerpult. Sie tragen Fackeln, Transparente und machen eine Menge Lärm. Fast könnte man meinen, auf dem Platz wird ein Fest gefeiert, aber der Belegschaft ist es ernst. Mit dem Warnstreik bekräftigen die Arbeiter ihre Forderungen nach 6,5 Prozent mehr Entgelt, ein Mitspracherecht bei Leiharbeit und Werksverträgen sowie eine unbefristete Übernahme von Azubis. Zwei Stunden wollen sie streiken. 230 A3, A4 und Q5 werden in dieser Nacht weniger vom Band rollen als sonst.

Unter dem Applaus der Audianer bekräftigen Schlagbauer, Gesamtbetriebsratsvorsitzender Peter Mosch und Johann Horn, erster Bevollmächtigter der IG Metall in Ingolstadt, ihre Ablehnung des aktuellen Arbeitgeberangebotes von 2,57 Prozent mehr Entgelt. „Dieses Angebot hat nichts mit Wertschätzung zu tun“, wettert Mosch. „Dieses Angebot ist schlichtweg eine Unverschämtheit.“

Aus München ist die Tarifexpertin der IG Metall, Sibylle Wankel, angereist. Sie berichtet von den Verhandlungen mit den Arbeitgebern, denen sie „Schizophrenie“ attestiert. Außerhalb der Tarifrunden sei mit ihnen immer wieder vernünftig zu reden, im Arbeitskampf plötzlich nicht mehr. Wankel hat auch gleich die richtige Therapie parat: „Ganz langsam den Druck erhöhen.“ Tarifgespräche seien schließlich kein Kaffeekränzchen, sondern Kampf. „Wer den Tiger IG Metall reizt, darf sich nicht wundern, wenn er gebissen wird“, ruft sie und erntet frenetischen Applaus.

Lisa Törmer, die Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung bei Audi, formulierte es mit Blick auf die Fackeln und Feuerkünstler knapp. „Wir sind heiß auf Streik.“

Am 10. Mai wird in Fürstenfeldbruck die neue Verhandlungsrunde zwischen der Gewerkschaft und den Unternehmern eröffnet. Sollte bis Pfingsten keine Einigung erreicht werden, hat die IG Metall angekündigt, in Bayern zur Urabstimmung und damit zu flächendeckenden Streiks aufzurufen. Die Ingolstädter Audibelegschaft ließ in dieser Nacht keinen Zweifel daran, dass es zwischen Vorbereitung und Werkzeugbau dann wieder eng werden wird.

 

Von Johannes Hauser
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