Dienstag, 11. Dezember 2018
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Mitglieder von Ludovicia erklären im Christoph-Scheiner-Gymnasium die Bräuche ihrer Studentenverbindung

Der Aufstieg des Ikarus

Ingolstadt
erstellt am 05.08.2013 um 23:12 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 20:23 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) „Zu Beginn stehen wir auf, das ist bei uns so üblich.“ Auch wenn wir das sonst auch tun, hat dieser Beginn der Deutschstunde etwas Eigenartiges. Die Aufforderung kommt nicht von unserem Deutschlehrer, sondern von einem Herrn mit Bart, dessen Mütze mit Flicken übersät ist wie die Weste eines Bikers. Auf der Brust trägt er dreifarbiges Band, das seines Nachbarn ist auch noch mit einem zweifarbigen gekreuzt.
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Ingolstadt: Der Aufstieg des Ikarus
Eine Stunde lang stellten sich die Herren Tag (links) und Huber-Nischler den Fragen der Klasse - Foto: oh
Ingolstadt
Die Szenerie hat ihren Ursprung in unserer Teilnahme am KLASSE!-Projekt. Auf der Suche nach einem spannenden Thema für einen Zeitungsartikel fiel uns im Schaukasten gegenüber unserer Cafeteria ein Plakat auf, auf dem sich eine Studenten- und Absolventenverbindung Ludovicia vorstellt. Keiner von uns konnte damit etwas anfangen. Also beschlossen wir, herauszufinden, wie diese Verbindung mit unserer Schule zusammenhängt. Unser Deutschlehrer Richard Fischer stellte den Kontakt zu der Gruppe her, sodass wir uns aus erster Hand informieren konnten.

Der Bärtige stellte sich uns als Herr Tag, Sprecher der Verbindung, vor, sagte aber dann, dass er in Verbindungskreisen selten so genannt werde. Ikarus, so nenne man ihn für gewöhnlich in der Ludovicia. Wir fragten uns alle, warum, und dachten an den Ikarus, der zur Sonne flog. Der Ikarus von Ludovicia erläuterte uns, dass dies weniger Decknamen als vielmehr Kneipnamen seien, die man sich gebe, damit jeder einen unverwechselbaren Namen trägt. Jede Bezeichnung dürfe nur einmal vorkommen. In Zeiten der Verfolgung von Verbindungen im Dritten Reich seien diese Kneipnamen aber auch als Decknamen benutzt worden, erzählt er. Durch die unterschiedlichen Namen unterscheide sich jeder von jedem und doch gehörten alle zusammen. Grundlage für Namenswahl sei oft die antike Mythologie.

Dass dies aber nicht immer so ist, belegt die Geschichte, die sein Nebenmann Martin Huber-Nischler, der den Kneipnamen Putsch trägt, erzählt. „Den Namen habe ich zu Ehren meines Großvaters gewählt, der auch schon in der Ludovicia war und so genannt wurde. Zu Zeiten des Kapp-Putsches in der Weimarer Republik sei dieser einmal in voller Uniform ins Kneiplokal gekommen ist und von seinen Bundesbrüdern fortan Putsch genannt worden.“ Was Bundesbrüder seien, will einer von uns wissen. „Eine Verbindung ist ein Lebensbund,“ erklärt Putsch, „man ist grundsätzlich sein Leben lang Mitglied.“ Und ein Kneiplokal? „So nennen wir unseren Gemeinschaftsraum, den Peterskeller in der Fußgängerzone, in dem wir uns zu unseren Veranstaltungen treffen.“ Neben ihren traditionellen Zusammenkünften hat die Verbindung aber auch moderne Veranstaltungen im Programm. So wird zum Beispiel für die Sportbegeisterten alljährlich ein Triathlon veranstaltet.

Bei der Beschreibung des Verbindungsalltags kommt Ikarus wieder auf seinen Namen zu sprechen. Ähnlich wie sein mythologischer Namensvetter hat auch er einen Aufstieg in der Verbindung hingelegt, nur ist er nicht ins Meer gefallen. Mitglied bei Ludovicia können junge Männer werden, die mindestens die mittlere Reife haben. Dann fängt man erst einmal als Fuchs an. Vor der Aufnahme auf Lebenszeit wird man Brandfuchs. „Das kommt daher, dass die Fuchsen früher durch eine Gasse der Burschen gehen mussten, die mit brennenden Holzstäben versucht haben, den Fuchsen die Haare anzubrennen. Das wird heute nicht mehr so gemacht, nur der Name ist erhalten geblieben,“ erläutert Ikarus. Danach werde man Bursche. Als solcher könne man Ämter übernehmen, wie Fuchsmajor und sich um die neuen Mitglieder kümmern. „Das ist eine schöne Aufgabe, weil man so immer den tieferen Sinn der Rituale erklären kann und auch selbst immer wieder nachdenken muss,“ erzählt uns Putsch, der dieses Amt gerade innehat.

Wie fast alle Verbindungen hat aber auch die Ludovicia mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen. In den vergangenen zwei Jahren sind nur zwei Mitglieder dazugekommen und das, obwohl die verschiedenen Veranstaltungen gut besucht sind. Einen Grund dafür sehen unsere Gäste in der Angst der Menschen vor Bindungen, mit der auch andere Vereine zu kämpfen hätten. „Natürlich haben auch viele Menschen Vorurteile gegen Verbindungen, was uns auch die Nachwuchsarbeit erschwert,“ bekennt Ikarus. Wie viele andere Verbindungen nimmt auch Ludovicia keine Frauen auf „Das kommt bei uns einfach aus der Tradition und das werden wir nicht ändern. Aber Frauen sind gern gesehene Gäste bei den meisten Veranstaltungen und kommen auch gerne,“ so Ikarus. Muslime können gerne Mitglied werden, wie uns Ikarus auf Nachfrage bestätigt.

Grün und Weiß, die Farben der Studentenverbindung Ludovicia, gehen auf die alten Schulfarben des Christoph-Scheiner-Gymnasiums zurück. Das Violett stammt aus dem Wappen der Stadt Ingolstadt. Die Verbundenheit zum Scheiner-Gymnasium hat mit der Gründung der Ludovicia zu tun, denn dort haben die Verbindungsväter ihren Abschluss gemacht. Damit sie sich ihr Leben lang nicht aus den Augen verlieren, hatten sie 1921 die Idee für eine Verbindung. Der Name nimmt Bezug auf die ehemalige Bezeichnung „Königliche bayerische Ludwigsrealschule“.

Klasse 8f, Christoph-Scheiner-Gymnasiums, Ingolstadt

 

Donaukurier
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