Donnerstag, 15. November 2018
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Minister Markus Söder lädt zur Verleihung des Heimatpreises in das Ingolstädter Stammlokal der AfD

Ausgerechnet am Auwaldsee

Ingolstadt
erstellt am 13.02.2018 um 20:53 Uhr
aktualisiert am 17.02.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Der bayerische Heimatminister und designierte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wird am 20. Februar in Ingolstadt Künstler mit dem oberbayerischen Heimatpreis auszeichnen. Dass er das ausgerechnet im Gasthaus am Auwaldsee tut - dem Stammlokal der AfD -, wirft Fragen auf.
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Ingolstadt: Ausgerechnet am Auwaldsee
Mahnwache: Auf Einladung der AfD trat im März 2016 Jürgen Elsässer, Chefredakteur des Magazins "Compact", im Gasthaus am Auwaldsee auf. Vor der Tür demonstrierten rund 200 Menschen. Archivfoto: Hauser
Ingolstadt

Am 28. Februar können sich die Gäste ab 19 Uhr in gemütlicher Runde wieder ihr "Land zurückholen" oder andere Ziele verfolgen. Dann findet im Gasthaus am Auwaldsee der nächste Stammtisch der Alternative für Deutschland (AfD) statt. Mitglieder und Sympathisanten der Partei kommen aus ganz Bayern regelmäßig her. Die Gaststätte hat sich als Stammlokal der AfD etabliert. Hier fand ihr erster bayerischer Landesparteitag statt. Hier trat im Mai 2015 Björn Höcke auf - jener Provokateur der AfD, den nach seiner nationalreaktionären "Dresdner Rede" vor einem Jahr eigene Leute aus der Partei werfen wollten. 2016 kam Jürgen Elsässer, Chef des hart rechten Magazins "Compact", in die einstige Reichsautobahnraststätte am Auwaldsee.

Als die AfD 2016 zum Parteitag am Auwaldsee lud, befragte der ZDF-Reporter Lutz van der Horst vor der Tür Mitglieder für die Satiresendung "Heute Show". Nach der Bundestagswahl 2017 feierten mehr als 100 AfD-Anhänger hier das zweitbeste Ergebnis im Wahlkreis Ingolstadt: 14,5 Prozent.

Ja, die AfD kehrt gern am Auwaldsee ein. Mit Folgen für das Image des Gasthauses.

Deshalb hat das bayerische Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat Kopfschütteln ausgelöst, als diese Woche bekannt wurde, dass der Chef des Hauses, Markus Söder (CSU), am Dienstag, 20. Februar, im Gasthaus am Auwaldsee sechs Künstlerensembles mit dem Heimatpreis Oberbayern auszeichnen wird. Auch OB Christian Lösel ist als Gast des Festakts und Redner angekündigt.

Das gehe zu weit, finden die Ingolstädter Grünen. Joachim Siebler, Mitglied des Bezirkstags von Oberbayern, schrieb Minister Söder am Montag: "Es ist eine schöne Sache, Kulturschaffende für ihr Engagement zu ehren. Warum allerdings dieser Festakt ausgerechnet im Stammlokal der AfD stattfindet, ist mir rätselhaft. Sie werden Ihre Gründe dafür haben."

Eigentlich habe das Ministerium nur den Grund gehabt, dass das Lokal wegen seiner Lage und Größe bestens für den Heimatabend geeignet sei, wie Pressesprecherin Carolin Mayr auf DK-Anfrage mitteilte. "Die Ingolstädter Tourismusgesellschaft hat uns dieses Gasthaus empfohlen. Sie hat auch noch den Audi-Sportpark und das Stadttheater vorgeschlagen. Die sind für unsere Veranstaltung aber zu groß." Es sei "alles mit der Stadt abgesprochen". Bedenken habe keiner der Ingolstädter Gesprächspartner geäußert, sagt Carolin Mayr. Dass es sich um ein Stammlokal der AfD handle, "ist uns neu".

Zum Zeitpunkt der Anfrage hatte die Ministeriumssprecherin Sieblers Schreiben noch nicht auf dem Tisch. Der lässt Söder weiter wissen: "Die Parteigänger der AfD sind gern gesehene Gäste im Wirtshaus am Auwaldsee. Natürlich kann man sagen, bei der AfD handelt es sich um eine demokratisch gewählte Partei. Aber wenn eine Partei völkisch-nationalistische Strömungen befördert und Leute wie Björn Höcke, die ihrem Antisemitismus freien Lauf lassen, indem sie das Holocaust-Mahnmal als ,Schande für Deutschland' bezeichnen, in führenden Funktionen zulassen, ist für mich die Grenze der Toleranz überschritten."

IG Metall und DGB haben früher öfter zu Veranstaltungen ins Gasthaus am Auwaldsee geladen. Aber seit 2016 ist Schluss damit, was Johann Horn, der Erste Bevollmächtigte der Ingolstädter Metaller, und DGB-Sekretär Christian De Lapuente damals in einem Brief an den Wirt Christian Walzl begründet haben. Und es bleibt beim Boykott der Gewerkschaften: "Wir gehen nicht in das Stammlokal der AfD!", wiederholte De Lapuente gestern. Man werde wegen des Auftritts Söders "aber auch keinen großen Aufschrei machen". Er ist sich sicher, dass der Wirt kein Sympathisant der AfD sei. Walzl müsse aber wissen: "Wenn er sich mit den AfD-Leuten einlässt, kommen dafür andere Gäste nicht mehr." Auch die SPD, deren Kreisvorsitzender De Lapuente ist, meidet das Gasthaus inzwischen.

Als Walzl es 2013 nach einer Insolvenz übernahm, habe er die AfD "als Kunden geerbt", erzählte er gestern. "Das Lokal war so runtergewirtschaftet, dass ich keine andere Wahl hatte, als die AfD als Gäste zu behalten." Das sei noch die ursprüngliche, von dem Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke gegründete Euro-kritische Partei gewesen. Auch wenn Walzl die Entwicklung der AfD nach rechts "mit Sorge betrachtet", sagt er über seine Gäste: "Das sind sehr vernünftige Geschäftspartner! Die schmeißt man nicht raus." Er könne verstehen "dass es Leute gibt, die das nicht gut finden". Aber er sei ein "neutraler, politisch nicht aktiver Geschäftsführer einer GmbH", der Gewinne erzielen wolle. "Ich hatte nie vor, zu polarisieren." Von den rund 150 Veranstaltungen im Saal pro Jahr "sind höchstens sechs bis acht von der AfD - ich glaube nicht, dass die deshalb so erfolgreich sind". Walzl hat aber inzwischen eine persönliche Grenze gezogen: "Den Björn Höcke möchte ich bei mir nicht mehr sehen!"

Das Bündnis "Ingolstadt ist bunt" hat einige Mahnwachen vor dem Gasthaus gegen AfD-Treffen initiiert und ist auch jetzt wieder alarmiert: "Wir begrüßen den Heimatabend. Aber ihn dort zu veranstalten, ist instinktlos!", sagt Eva Bulling-Schröter, die Sprecherin des Bündnisses, eine frühere Bundestagsabgeordnete. "Bei der Stadt hätte man wissen müssen, dass es das Stammlokal der AfD ist! Man hätte ein Zeichen setzen können, indem man da nicht hingeht! Es hätte viele andere gute Orte gegeben."

Und jetzt das: die Gaststätte am Auwaldsee. Ausgerechnet.
 

Stadt: AfD nur ein Nutzer von vielen

Der Heimatabend am kommenden Dienstag, 20. Februar, im Gasthaus am Auwaldsee mit Minister Markus Söder (CSU) ist eine Veranstaltung des bayerischen Finanzministeriums, nicht der Stadt Ingolstadt. OB Christian Lösel "spricht dort, weil er vom Ministerium eingeladen worden ist", betont Ingrid Schmutzler, die Sprecherin der Stadt.

Das Gasthaus am Auwaldsee werde auf der Homepage der städtischen Tourismusgesellschaft als Veranstaltungsort beworben, "weil es ein traditionsreiches Lokal mit bayerischem Ambiente ist", außerdem verfüge es über eine große Raumkapazität.

Die Stadt Ingolstadt unterscheide konsequent, sagt Ingrid Schmutzler. Es gebe keinen Grund, die Gaststätte als "AfD-Stammlokal" zu bezeichnen. "Dort finden viele ganz unterschiedliche Veranstaltungen statt. Die AfD ist nur ein Nutzer von vielen. Man darf dem Wirt deshalb kein Unrecht tun."
 

 

Kommentar


Meinungs- und Versammlungsfreiheit gelten auch am Auwaldsee. Der Wirt kann in seinem Gasthaus willkommen heißen, wen er mag (sogar, wenn mal der Verfassungsschutz mit am Tisch sitzt). Und die Alternative für Deutschland (AfD) darf sich überall treffen, wo sie hineingelassen wird. Das sind Selbstverständlichkeiten. Darum geht es gar nicht. Es sei der Narrwalla auch unbenommen, hier ihren Kinderfasching zu feiern. Aber die Verleihung eines bayerischen Heimatpreises dient der Landespolitik – zumal, wenn Heimatminister Markus Söder den Zeremonienmeister gibt. Doch als Ort politischer Kundgebungen ist das Gasthaus am Auwaldsee inzwischen eindeutig profiliert: als Stammlokal der AfD; ein unter stramm Rechten und Rechtsradikalen bayernweit beliebter Treffpunkt. Minister Söder – und in seinem Gefolge OB Christian Lösel – senden deshalb mit ihrem angekündigten Auftritt dort ein höchst fragwürdiges Signal. 

Wild agitierende Verschwörungstheoretiker wie Jürgen Elsässer oder Rechtsradikale wie Björn Höcke haben im Gasthaus am Auwaldsee schon ihre Verachtung des politischen Systems der Bundesrepublik in den Saal gehämmert. Vor der Tür fanden deshalb mehrere Mahnwachen statt. Die IG Metall und der DGB boykottieren die Gaststätte aus Überzeugung. Dass die fröhliche Einkehr der AfD in seinem Gasthaus auch Proteste provoziert, musste der Wirt auf der Rechnung haben. 

Ausgerechnet Söder, ein um keine Inszenierung verlegener Symbolpolitiker, tappt völlig unnötig auf dieses Minenfeld. Das ist fast nicht zu glauben. Allerdings steht zu befürchten, dass er als Wahlkämpfer auch thematisch der AfD noch öfter nahekommen wird.
 

 

Von Christian Silvester
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