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Seehofers Abschied als Ministerpräsident: Langjährige Weggefährten erinnern sich

"Ich habe ihn früh vor Söder gewarnt"

Ingolstadt
erstellt am 11.03.2018 um 19:16 Uhr
aktualisiert am 15.03.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Vom Ministerpräsidenten zum Bundesinnenminister: Nach zehn Jahren verlässt Horst Seehofer die Staatskanzlei und geht nach Berlin. Langjährige Weggefährten erinnern sich an den ersten - und auf absehbare Zeit wohl einzigen - Landesvater aus Ingolstadt. Die Bilanz aber ist unterschiedlich.
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Ingolstadt: "Ich habe ihn früh vor Söder gewarnt"
Horst Seehofer mit Ehefrau Karin im Oldtimer bei der Donau Classic. Foto: DK
Ingolstadt

"Ich habe mehr als mein halbes Leben mit ihm verbracht." Außergewöhnlich und einmalig - anders kann man das Verhältnis zwischen Horst Seehofer und Alois Weger nicht beschreiben. Es gibt außerhalb der Familie wohl kaum jemand, der Seehofer über Jahre hinweg so nahe stand wie Weger - und dessen Schmerz umso größer war, als er gehen musste.

Ab 1972 CSU-Mitglied, hat Weger 1980 bei Seehofers erstem Wahlkampf mitgearbeitet, der ihm letztlich zum Einzug in den Bundestag verhalf. Seit 1981 Fahrer und Bodyguard mit Waffenschein und Spezialausbildung beim BKA, haben Weger und Seehofer miteinander rund vier Millionen Kilometer im Auto zurückgelegt - ohne Unfall, wie er betont. "Da kriegst Du viel mit", sagt der 72-Jährige, der sich neben der Familie als den einzigen echten Vertrauten Seehofers betrachtet.

"Ministerpräsident und Parteivorsitzender - das war schon eine große Last für ihn", resümiert Weger. Wie er nach Beckstein und Huber das schlingernde CSU-Schiff übernommen hat, da seien alle froh gewesen. "Und dann hat er 2013 noch die absolute Mehrheit geholt." Doch wie die Landtagsfraktion jetzt mit Seehofer umgegangen ist, das ist für Weger einfach nur schäbig. "Das hat ihn sehr mitgenommen."

Alois Weger macht keinen Hehl daraus, dass er den künftigen Ministerpräsidenten nicht besonders schätzt. "Ich habe Seehofer schon früh vor Markus Söder gewarnt", sagt er: "Aber er hat nicht auf mich gehört." Schritt für Schritt sei Seehofer von Söder demontiert worden. Nicht immer offen, sondern auch indirekt und durch andere Personen. Ein Prozess mit einem fatalen Ausgang für "den Horst": "Er konnte sich auf niemanden mehr verlassen." Wie auch andere hat Weger beobachtet, dass Seehofer im Laufe der zehn Jahre als Ministerpräsident erheblich nachdenklicher geworden ist.

Einen Menschen zu beurteilen, das ist schon schwierig genug. Umso schwerer sei es für Normalsterbliche, sich ein Leben als Spitzenpolitiker vorzustellen: Immer unter Beobachtung und dabei gleichzeitig abgeschirmt. Natürlich habe auch Seehofer Fehler gemacht, sagt der langjährige Wegbegleiter. Unüberlegte Aussagen wie etwa zur Dauer seiner politischen Karriere. Oft sei er auf Demonstranten zugegangen, habe mit ihnen gesprochen und unbedachte Äußerungen getan. "Das sind nicht Deine Wähler", hat Weger dann zu ihm gesagt. Bisweilen habe Seehofer Probleme, zu unterscheiden, wo er besser nachgeben oder beharrlich bleiben sollte.

Und jetzt wieder der Wechsel nach Berlin. "Ich habe ihm geraten, aufzuhören", sagt Weger: "Aber er ist halt ein Vollblutpolitiker. Und er braucht die Öffentlichkeit und die Medien wie andere die Luft zum Atmen." Als Bundesminister sei er jedoch in die Kabinettsdisziplin eingebunden. "Und was will er dann noch als Parteivorsitzender ausrichten"

2010 dann ein Wechsel in der Büroleitung, und Weger musste nach fast 30 Jahren gehen. "Das war sehr schmerzhaft. Er hat sich um 2 Uhr in der Nacht nicht einmal verabschiedet, obwohl er gewusst hat, dass wir uns am nächsten Tag nicht mehr sehen." Einige Jahre wollte er dann nichts mehr von ihm hören. Zu seinem 70. Geburtstag schrieb ihm Seehofer einen Brief, jetzt sind die beiden ab und zu in Kontakt miteinander. Das Urteil des langjährigen Weggefährten über das politische Alphatier Seehofer: "Im allerengsten Kreis, da hat er keine Kraft."

Einen Shuttle-Bus nach Berlin wird INVG-Prokurist Hans-Jürgen Binner wohl nicht einrichten, wenn Seehofer Mitglied des Bundeskabinetts wird. "Aber vielleicht gibt's dann ja mehr ICE-Anbindungen", spekuliert das langjährige CSU-Mitglied mehr im Scherz. Denn Seehofer fliegt nicht so besonders gerne. Binner kennt Seehofer seit Beginn der 70er-Jahre, als er in der CSU-Zentrale (damals noch in der Friedenskaserne) seinen Mitgliedsantrag abgab. "Ich hab' geläutet, und Seehofer und Manfred Hochstatter haben mir die Tür aufgemacht", erinnert sich der Vorsitzende des BZA West.

Sein Verhältnis zu ihm beschreibt der einige Jahre jüngere Binner als freundschaftlich. "Man kann mit ihm über alles reden", sagt er, wenngleich man sich privat nicht mehr so oft trifft wie früher. "Ich bin so verschämt und melde mich auch ungefragt. Und wenn man Kritik in der richtigen Form vorträgt, hört er auch zu", attestiert Binner. Bisweilen rufe Seehofer auch bestimmte Leute in seiner Umgebung an und wolle wissen, was sie über bestimmte Themen denken.

Zehn Jahre als Ministerpräsident haben Spuren hinterlassen. "Er ist ernster geworden", sagt Binner: "Man merkt ihm das Amt und die Bürde an." Für Ingolstadt und die Region hat der 68-Jährige nach Einschätzung Binners viel gebracht. "Aber nicht im Sinn von Gefälligkeiten, sondern wenn die Argumente dafür sprechen", sagt er und verweist als Beispiele auf die jüngste Erhebung Ingolstadts zum Regionalzentrum oder auf die THI.

Dass er jetzt als Innen- und Heimatminister nach Berlin geht, hat für Binner viel mit Pflicht zu tun. "Er will die CSU in Berlin stärken, und er ist der Einzige, der die nötige bundespolitische Erfahrung hat."

Udo Ellermann kennt Seehofer nicht nur von der politischen, sondern von der sportlichen Seite her. Anfang der 70er spielten sie zusammen Handball beim MTV und später Tennis - auch noch, als er längst Gesundheitsminister war. "Ich hätte damals nicht gedacht, dass er so eine Karriere macht. Aber dass er kein unbeschriebenes Blatt bleiben wird, war klar", erinnert sich Ellermann. Seehofer zeigte großes Interesse an der Politik, und beide haben damals viel diskutiert. Gesprächsstoff gab es genügend, denn Ellermann ist nun wahrlich kein CSUler. "Wir sind Freunde auf menschlicher Basis, der Kontakt hat bis heute gehalten. Ich schätze an ihm, dass er Menschen nicht vergisst", sagt Ellermann, der Seehofer persönlich Bescheidenheit attestiert und die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen. Sein neues Amt traut er ihm trotz des Alters noch zu: "Ich denke, er wollte halt nicht von 100 auf Null zurückfahren."

Leo Mittermüller war in den 70er-Jahren ein Arbeitskollege Seehofers bei der Ingolstädter Dienststelle des Landratsamts Eichstätt. "Er ist immer schon aufgefallen als intelligent, zielstrebig und selbstbewusst", erinnert sich Mittermüller, der in den Ruhestand ging, als Seehofer Ministerpräsident wurde. Mit dem damaligen Eichstätter Landrat Konrad Regler habe Seehofer so manchen Strauß ausgefochten. "Die waren nicht immer einer Meinung, aber Seehofer hatte keine Angst." Der scheidende Ministerpräsident war Mittermüllers Nachfolger als Geschäftsführer des regionalen Planungsverbands, obwohl er damals überhaupt kein Freund der Regionalplanung gewesen sei. "Da wurde anfangs schon viel Papier produziert", weiß Mittermüller noch heute.

"Als Ministerpräsident hat er seine Sache gut gemacht, wenn man sieht, wie Bayern heute dasteht", bilanziert Mittermüller. Den Sprung nach Berlin heißt er gut: "Da dürfen ruhig auch ältere Herrschaften dabei sein", sagt Mittermüller, der selber gerne noch ein paar Jahre weitergearbeitet hätte." Nur eines sollte Seehofer bedenken, der im Jahr 2002 lebensgefährlich erkrankt war: "Die Gesundheit muss mitspielen."

Von Bernhard Pehl
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