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Die Gutsherren bitten zum Kongress

erstellt am 02.08.2016 um 21:46 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 20:58 Uhr | x gelesen
Wie in Ingolstadt mit dem schnellen Abriss der historischen Reste der Eselbastei handstreichartig ein Stück Stadtgeschichte aus dem Weg geräumt wird - wegen eines Hotels und Planungspannen.
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0l-Eselsbastei (5), Hauser, 02.08.2016
Nur fünf Tage nach dem von CSU und Freien Wählern eilig gegen die überrumpelte Opposition durchgesetzten Stadtratsbeschluss rückte gestern der Abrissbagger an und machte die sichtbaren Relikte der Eselbastei auf dem Gießereigelände platt. Dabei hatte sich der Stadtrat vor vier Jahren noch einstimmig für den Erhalt ausgesprochen.
Hauser
Man kann die Geschichte schon platt beginnen. Zum Beispiel so: Selten hat ein Bauwerk die Ingolstädter Bevölkerung so sehr gespalten wie das Kongresshotel/-zentrum. Das wäre aber in den Jahrhunderten reicher Ingolstädter Geschichte sehr vermessen. Es reicht der Blick auf die vergangenen 20 Jahre. Das ist überschaubar und deckt den Zeitraum ab, in dem das hier passiert ist: nichts. Das Gießereigelände, Filetstück Ingolstadts zwischen Neuem Schloss und Donau, lag brach.

Doch dann brach Bauhektik aus. Sinnvollerweise konnte die Technische Hochschule erweitern und bekam auch eine Crashtesthalle. Audi platzierte seine Bildungs-Akademie in die Mitte. Die Gießereihalle wird zum Konkreten Museum umgebaut. Und ein Digitales Gründerzentrum im Kavalier Dallwigk ist im Anflug; aber das ist eine andere Geschichte. Denn alles gipfelte jetzt in einem – zumindest für die jüngere Ingolstädter Epoche – wohl einmaligen Vorgang: Die Stadtspitze lieferte im Kampf um die sogenannte Eselbastei auf dem Gießeigelände eine Sternstunde der Demokratie. Nur gefühlt Stunden nach einem handstreichartigen Stadtratsbeschluss rückte gestern der Bagger an und räumte die historischen Steine aus dem Weg, um dem Kongresshotel mehr Raum für ein Mülllager und andere sicher unverzichtbare Einrichtungen zu verschaffen.
 

FEHLENDE GARAGENZUFAHRT


Was war also passiert? Nun sollte man gar nicht mehr so weit zurückblicken. Ob das geplante Kongresszentrum samt Hotel an dieser exponierten Stelle und mit dieser Architektur den richtigen Standort haben, über die Grundsatzfrage schauen wir hinweg. Hier und jetzt – darauf hatte sich der Stadtrat parteiübergreifend mit großer Mehrheit geeinigt. Das Klagen darüber, die anhaltende Diskussion in Teilen der Schanzer Bevölkerung dazu, mag vielleicht richtig sein, ist aber doch müßig. Obwohl, wie wir in diesem Ingolstädter Paradefall lernen werden, selbst einstimmige Stadtratsbeschlüsse eine stark bröselnde Halbwertszeit besitzen.

Wie es dazu kam? Für Hotel und Kongresszentrum waren letztlich neue Investoren und Betreiber gefunden, nachdem die Alpine-Pleite die Baustelle zum Stillstand gebracht hatte. Die Stadtspitze und die Stadttochter IFG wischten sich den Schweiß von der Stirn: Mit Maritim und dem regionalen Geldgeber VIB Vermögen an Bord sollte es doch was werden mit dem Kongressstandort. Also liefen die Planungen weiter. Für die Tiefgarage bohrten sich die Arbeiter tiefer in den Untergrund. Doch beim Blick in die Baupläne fiel es irgendjemandem siedend heiß ein: Sappralott, da fehlt ja eine direkte Tiefgaragenzufahrt von der Hotelanfahrt aus. Der geneigte Hotelgast denkt doch, er sei in Schilda gelandet, wenn er nach dem Einchecken seinen Wagen noch einmal ums Karree in die reguläre Tiefgarageneinfahrt steuern muss. Wenn er noch selbst fährt: Denn mindestens bei Menschen mit Bezug zu Audi, das sich ein festes Zimmerkontingent im Hotel sicherte, wird – so ist zumindest den Erzählungen der Initiatoren nach zu erwarten – fast jeder Gast mit einem autonom parkenden (Audi-) Wagen kommen. Die fehlende Zufahrt schien folglich überlebensnotwendig.
 

EIN MÜLLLAGER FÜRS HOTEL


OB Christian Lösel als oberster Hotelbefürworter lächelte die Panne weg. Ja gut, kann ja passieren, einfach vergessen diese Zufahrt in den jahrelangen Vorbereitungen. Also den Plan geändert und eine Einfahrt reingezeichnet. Muss eben die große Fußgängeraußentreppe, die für die Bevölkerung als repräsentativer und einladender Weg vom Campus auf dem Gießereigelände hinunter zur Donau dienen soll, ein bisschen kleiner werden. Das wird schon. Bleibt ja noch genug Platz, um daneben auch jene herausragenden Steinfinger in Szene zu setzen, die als Aufbau der historischen Eselbastei ein Stück Ingolstädter Geschichte erzählen können. Denn von jener Stelle hier soll der Legende nach die Kanonenkugel abgefeuert worden sein, die weiland Schwedenkönig Gustav Adolf seines Schwedenschimmels beraubte. Eine nette Geschichte, die in diesem Umfeld, mit einem zusammenhängenden Blick auf 500 Jahre Stadtgeschichte, vor Ort präsentationswürdig gewesen wäre. Auch in echtem Stein.

Bis kürzlich die Herren von der Stadttochter IFG als oberste Planer wieder mit gekräuselter Stirn auf den Plan traten und Vorstand Norbert Forster einem Kreis von Stadträten über Platzprobleme berichtete: Also das historische Festungsrelikt mit der tollen Tiefgarage zu „verzahnen“, könnte doch nicht ganz einfach sein. Ganz ohne Mauerreste ginge es einfach einfacher. Dann seien für den Hotelbetrieb ja jetzt auch noch ein Mülllager und elektrische Schaltkästen nötig. Und wie es mit dem hölzernen Fundament der Eselbastei, die seit Jahrhunderten trutzig steht, aussieht? Oh, oh, oh, da könne ja keiner etwas Verlässliches sagen, meinte Forster. Weitere Untersuchungen und geänderte Pläne würden mindestens ein halbes Jahr dauern (Verzögerung! – nach aber 20 Jahren Planungsphase) und vielleicht Mehrkosten (möglicherweise eine Million! – bei rund 40 Millionen Euro Gesamtkosten) hervorrufen.

Das sagte Forster dann auch im IFG-Verwaltungsrat – und er fand ein bereitwillig besorgtes Publikum. Peter Springl zum Beispiel. Der Fraktionschef der Freien Wähler (FW) schritt also allein zur Donau und sagte danach mit vermeintlichem Kennerblick: „Des werd nix G’scheits!“ – wie er auch ebenso bereitwillig in der letzten Stadtrats(marathon)sitzung kundtat.
 

SUCHE NACH UNTERLAGEN


Und während seine Stadtratskollegen (besonders die der Opposition) vergangenen Donnerstag vergeblich eine aussagekräftige Sitzungsvorlage mit detaillierten Plänen, Varianten, Zahlen, Fakten oder Kompromissvorschlägen suchten, schritt Springl zur Tat: Als Eilantrag – weil ja doch erst seit 20 Jahren geplant wird – ergänzte er den Tagesordnungspunkt „Sachstandsbericht Eselbastei“, der erst dank der Opposition den Weg auf die Tagsordnung gefunden und in dem Forster mündlich seine Erkenntnisse heruntergerattert hatte, um nichts weniger als die sofortige Abrissgenehmigung.

Dabei musste der Fraktionsführer den Antrag gefühlt ein halbes Dutzend Mal wiederholen und genau formulieren, weil eben schriftlich rein überhaupt nichts vorlag und nicht einmal alle Mitstreiter aus der regierenden CSU/FW-Rathauskoalition in der Sitzung genau mitbekommen hatten, was er da forderte. Nach dem Motto „Ist das Geschichte – oder kann das weg?“ beantragte Springl: Wenn sie es für nötig erachteten, können die Stadttöchter die historischen Steine beiseiteschieben. Wenig überraschend hielt dann die Bastion aus CSU und Freien Wählern (außer Gerd Werding) dem entsetzten Aufjaulen der überrumpelten Opposition stand und quetschte mit 28:23-Stimmen den Springlschen Antrag durch, auf den sich die Koalitionäre vorher im stillen Kämmerlein verständigt hatten.

Wie an Teflon perlten die Gegenargumente, Vermittlungsversuche und Kompromissvorschläge der Oppositionssprecher an der Regierungsbank ab. Wenigstens ein bisschen was erhalten? Experten fragen? Die wirklichen Kosten ermitteln? Konstruktiv im Stadtrat zusammenarbeiten, statt durchpeitschen? CSU und FW wollten aber zu sehr mit dem Abrisshammer sofort Fakten schaffen, ehe bei ihrem Kongressprestigeobjekt noch jemand weiter zum Nachdenken kommt. Und nun das: Vorigen Donnerstag beschlossen, gestern am Dienstag schon platt. Noch 2012 hatte der Stadtrat übrigens tatsächlich sogar einstimmig für den Erhalt der Relikte der Eselbastei gestimmt.
 

DIE STEIGBÜGELHALTER


Als habe es nie existiert, scheint dabei das große Aussöhnungsgespräch von vor ein paar Wochen, als sich im Ältestenrat die verstimmten Seiten über Stunden zusammensetzten, um über eine bessere Diskussionskultur im Stadtrat zu sprechen. Weg von juristischen Klagen, Polemik, persönlichen Angriffen. Hin zu mehr Miteinander. Klang zunächst gut. Doch dieser Ansatz ist spätestens mit der Abrissbirne pulverisiert.

Wie verflogen scheint auch bei den Freien Wählern schon seit Monaten ihr eigener großer Wahlkampfslogan, als sie unaufhörlich die „Gutsherrenart“ der Mehrheitspartei CSU gegeißelt hatten. Inzwischen können sich der OB und die anderen „Gutsherren“ sicher sein, dass sie ihrem frauenfreien Koalitionspartner als bereitwilligem Steigbügelhalter vertrauen können.

Ach ja, da wäre noch die Bürgerbeteiligung, auf die Lösel scheinbar bei jedem geplanten Gullideckel in der Stadt setzt. Außer offenbar, wenn es um ein umstrittenes Prestigeprojekt mit Investorenbeteiligung geht. Wie hätte es denn der Ingolstädter gerne mit dem historischen Erbe am Gießereigelände? Die Antwort hat die Stadtspitze mit der Abrissbirne vorgegeben.
 
Von Christian Rehberger
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