Freitag, 16. November 2018
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Digitales Gründerzentrum wird eröffnet

"Machen. Machen. Machen."

Ingolstadt
erstellt am 02.03.2018 um 15:24 Uhr
aktualisiert am 07.03.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Das digitale Gründerzentrum Brigk ist am Freitag an den Start gegangen. Aufbruchstimmung erfüllte den Koboldblock, das Übergangsquartier, bis das Kavalier Dallwigk auf dem Gießereigelände saniert ist. Der Ehrengast, Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, beschwor den bayerischen Pioniergeist.
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Franz Glatz von brigk im Interview
 
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Das WLAN funktioniert schon mal. Bester Empfang hinter alten Mauern. Im Koboldblock Am Stein, einst Sitz des Koboldbräus, zuletzt 1976 grundsaniert, soll die Zukunft einziehen. Das Ambiente: schick bis hip. Belüftungsrohre laufen an der Sichtbetondecke entlang. Kabelstränge kreuzen. An den Wänden hängen Fotos. Sie zeigen die Brigk-Pioniere zu Aphorismen, die einen neuen Geist, eine neue Ära in der Geschäftswelt beschwören. Zum Beispiel: „Konzerne schauen auf den Kalender, Start-ups auf die Uhr.“ Oder: „Die Antwort auf alle Fragen hat immer der Kunde.“ Auf dem T-Shirt des Brigk-Geschäftsführers Franz Glatz prangt Weiß auf Schwarz das Leitmotiv der Unternehmung: „Machen. Machen. Machen.“ Es gibt das Kleidungsstück gratis in allen Größen . Immer mehr junge Digital-Unternehmer und ihre Unterstützer werden dieses Versprechen für die Zukunft bald auf der Brust tragen. Machen. Machen. Machen. Gründerzeit in Ingolstadt.

„Liebe Start-ups!“ Mit dieser Begrüßung trifft Glatz den Ton des Nachmittags, denn die Firmengründer, ihre Förderer, die Vertreter der Gesellschafter des Zentrums und alle Gäste sind von Beginn an in gelassener, fröhlicher Aufbruchstimmung vereint. Die Baristas der Rösterei District V schenken Kaffee aus. Lockerheit und Liebe zum Unkonventionellen – das wird gleich deutlich – gehören fest zur Geschäftskultur der jungen Gründer. Jedoch ganz ohne jede Überheblichkeit gegenüber der Unternehmenswelt des sogenannten Alten Markts, wie sie noch viele Protagonisten des sogenannten Neuen Markts in der wilden Jungsteinzeit des Internets um das Jahr 2000 gepflegt haben (auch diese das Alte belächelnde Haltung hatte damals mit dazu geführt, dass zig Internetpioniere für immer den Stecker ziehen mussten). Optimismus und Enthusiasmus – unbedingt! Aber bitte kein Übermut. So startet man im Jahr 2018 als Unternehmer in die digitale Welt. „Jedes Start-up geht immer durch eine Beta-Phase“, sagt Glatz in seiner Rede. „Erst, wenn man weiß, was die Kunden wollen, startet man den großen Markteintritt.“ Und jetzt ist es so weit. Glatz hatte die Idee für den Namen Brigk: eine Kombination aus englisch brick (Ziegelstein) und Dallwigk. So heißt der historische Festungsbau, der nach der Sanierung die Gründer und noch einiges mehr beheimaten wird.

Gemeinschaft und Teamgeist beflügeln die Kreativität – das Credo der Brigk-Truppe. „Wir haben eine Coaching-Struktur aufgestellt“, erzählt Glatz. „Wir sind ein großes Netzwerk, denn nur so können große Dinge entstehen.“ Mit der Members Card erhalte man Zugang zur Community, zu den Coaching-Veranstaltungen „und zum besten Kaffee der Stadt!“ Das Parterre des Gründerzentrums bleibt ein öffentlicher Raum; man muss also nicht erst einen Business-Plan entwickeln, um hier mal bei District V einen Cappuccino trinken zu können. Jeder ist eingeladen, herzukommen und in entspannter Atmosphäre mit Start-up-Leuten ins Gespräch zu kommen. Sie setzen sich gern dazu. Und wenn eine nette Kaffeerunde Inspiration für eine Geschäftsidee gebiert, wäre das ganz im Sinne der Gründer – Machen. Machen. Machen. Das Shirt-Motto ist für Glatz das „Mantra“ des Brigk. „Machen bedeutet nicht, irgendetwas zu tun, sondern einfach mal anzufangen. Und nach Fehlern wieder aufzustehen.“

Oberbürgermeister Christian Lösel genießt das Grand Opening, wie die Eröffnungsfeier im Jargon der Branche heißt. Das Gründerzentrum liegt ihm sehr am Herzen, was er in vielen Reden und Grußworten deutlich gemacht hat. Ihn treibt eine große Sorge um: Dass seine Stadt den Anschluss an die Zukunft verpassen könnte. Denn die Entwicklung rast dahin. Die Digitalisierung wartet nicht auf die Ingolstädter. Aber die kennen so was schon: „Unsere Stadt hat viele Momente des Wandels erlebt.“ Glanz und Wegzug der ersten Universität Bayerns. Bau, Teilabriss und Neubelebung der Landesfestung (das Kavalier Dallwig könnte diesen Prozess krönen). Das (kurze) Goldene Zeitalter der Raffinerien. Dann der Aufstieg Ingolstadts zu einer Metropole der Automobilindustrie von Weltrang. „Jetzt geht es darum, die nächste Welle zu reiten“, sagt Lösel. „Wir müssen sichergehen, dass unsere Nachkommen den Standort Ingolstadt in einem guten Zustand vorfinden.“

Fotostrecke: Eröffnung Digitales Gründerzentrum brigk
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Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner hat auf der Fahrt nach Ingolstadt „über das Rätsel mit dem Namen Brigk gegrübelt“, erzählt sie. „Da denke ich sofort an Pink Floyd und ihren Song ,Another Brick in the Wall’“. Die CSU-Politikerin zitiert daraus die berühmte Anfangszeile „We don’t need no education.“ Wir brauchen keine Bildung. Heiterkeit im Saal. Gut, das passe jetzt nicht direkt zu einem Gründerzentrum, fügt Aigner an. Aber Pink Floyd sind ja auch gar nicht gemeint.

Das Brigk ist für sie „ein weiterer Baustein der wichtigen Strategie ,Bayern digital’“, in die der Freistaat insgesamt 5,5 Milliarden Euro investiere. Das digitale Gründerzentrum in Ingolstadt (andere Städte in Bayern bekommen auch eines) habe von allen den höchsten Zuschuss erhalten. „Das Brigk ist ein gewaltiger Schritt nach vorn für die unglaublich leistungsfähige Region Ingolstadt!“

Aigner setzt sich nach ihrer Rede mit den Unternehmern Michael Bültmann (Geodatendienst HERE, ein Gesellschafter des Brigk), David Neuhaus (Social Hub) und Peter Stahr (Mirrads; siehe den Text unten) in einer Diskussionsrunde zusammen; Marc Erras moderiert. Zuvor verdeutlicht sie noch mit einer Anekdote, wie die Entwicklung dahinrast. Es könne passieren, dass Kinder ältere Menschen fragen: „Wie seid ihr bloß früher ohne Laptop ins Internet gekommen?“ Aigner: „Ja, es gab ein Leben vor dem Internet. Aber das ist lange vorbei.“ Auch deshalb ist eines wichtig: Machen. Machen. Machen.

ZWEI START-UPS ALS BEISPIELE

Die Toilettenspiegel-Bespieler: Leonie Morich, Peter Stahr, Markus Seitle und Andreas Kerscher (v. l.) von Mirrads.
Johannes Hauser
Ingolstadt
Sich nach dem Toilettenbesuch in einem Lokal die Hände zu waschen ist wichtig, gehört aber nicht zu den alleranspruchsvollsten Tätigkeiten. Hier setzt das Ingolstädter Start-up Mirrads an: Es überrascht die Gäste am Becken mit einem Hologrammeffekt. Auf dem Spiegel erscheint Werbung – mit lebendiger Grafik, originell animiert. „Die Werbung erreicht einen genau dort, wo man keine Werbung erwarten würde, bei einer Tätigkeit, für die man keinerlei Gedanken braucht“, erzählt Mirrads- Mitbegründer Markus Seitle. „Man muss sich beim Händewaschen nicht groß konzentrieren. Es gibt auch keine Möglichkeit, vor dem Spiegel zu stehen und die Werbefläche nicht zu bemerken. Man wird heutzutage so mit Werbung zugeballert, dass man das meiste ausblendet.“ Aber nicht vor den von Mirrads bespielten Spiegeln. „Da stehen die Leute fasziniert davor, machen Fotos und Videos.“ Werbekonsumenten, die Werbung filmen. So etwas könnte Werbeagenturen gefallen. „Eine coole Firma!“, sagt Mirrads-Praktikantin Leonie Morich.

Klassische Druckerzeugnisse aus der digitalen Welt: Peter (r.) und Thomas Stiller, die Gründer von Printano.
Johannes Hauser
Ingolstadt
In der digitalen Welt muss nicht alles digital sein. Die Brüder Peter und Tomas Stiller, die ihr Start-up im Brigk Printano nennen, bieten zum Beispiel Druckerzeugnisse an: Visitenkarten, Broschüren, Briefpapier, Flyer, Mappen, Blöcke und ähnliches: „Die klassische Geschäftsausstattung also“, sagt Peter Stiller. Der Kunde kann alles online gestalten und dann bestellen. „Wir schicken die Produkte – je nach Umfang – nach einem bis maximal fünf Tagen zurück. Geschwindigkeit und Qualität sind bei uns besonders wichtig.“ Die Stillers sehen „ein Riesenpotenzial in der Branche“, entsprechend optimistisch gehen sie im Gründerzentrum Brigk an den Start. Im November wird Printano dann richtig loslegen, „aber wir haben bereits jetzt erste Umsätze.“ Partner drucken. „Unsere Kompetenz ist die Internetseite.“ Tomas Stiller ist Informatiker, Peter ist Kaufmann. „Wir haben also eine ganz gute Mischung.“ Auf www.printano.de gibt es übrigens Tipps für die gelungene Gestaltung von Visitenkarten. Mit Praxisbeispielen. "Sehr wichtig ist eine gute Wiedererkennung."
 
Von Christian Silvester
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