Samstag, 15. Dezember 2018
Lade Login-Box.

Der Tod als letzter Ausweg

Ingolstadt
erstellt am 28.12.2017 um 20:36 Uhr
aktualisiert am 06.12.2018 um 12:34 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Heribert Fastenmeier hat sich in der Untersuchungshaft das Leben genommen. In einem seiner Abschiedsbriefe betonte der frühere Geschäftsführer des Ingolstädter Klinikums noch einmal, sich nicht schuldig zu fühlen, was die Untreuevorwürfe und andere Punkte der Anklage betrifft. Zurück bleiben offene Fragen und eine Familie im Schmerz.
Textgröße
Drucken
Fastenmeier schwarzweiß
Ein Bild aus guten Zeiten: 2014 zeigte sich Heribert Fastenmeier für ein Porträt anlässlich seines 60. Geburtstags vor seiner Arbeitsstätte, dem Ingolstädter Klinikum. 2016 später leitete die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen ihn ein, jetzt ist er tot.
Hauser
Ingolstadt

Es ist der Tropfen, der das Fass möglicherweise zum Überlaufen gebracht hat: Vier Tage vor Heiligabend bekommt Heribert Fastenmeier, der seit 22. April in der Justizvollzugsanstalt Gablingen bei Augsburg in Untersuchungshaft sitzt, vom Landgericht Ingolstadt einen sogenannten Arrestbefehl zugestellt. Was in dem formellen Schreiben steht, ist alles andere als eine frohe Botschaft zur Weihnachtszeit. Sein früherer Arbeitgeber, das Ingolstädter Klinikum, sichert sich damit zivilrechtliche Ansprüche gegen Fastenmeier in Höhe von maximal 600 000 Euro – und legt vorsorglich das Privatvermögen des früheren Geschäftsführers auf Eis. Sämtliche Konten sind gesperrt. Der vom Aufsichtsratsvorsitzenden, Ingolstadts Oberbürgermeister Christian Lösel, unterzeichnete und am 29. November gefasste einstimmige Beschluss des Aufsichtsrats der Klinikum GmbH liegt unserer Redaktion vor. Darin wird eine Anwaltskanzlei beauftragt, den Arrest gerichtlich zu beantragen.

Die Verfügung wird Fastenmeier am 20. Dezember kurz nach 9 Uhr persönlich ausgehändigt. Es ist der Anfang vom Ende im Untreueverfahren gegen den einst so erfolgreichen Klinikmanager, der bis zu seinem tiefen Fall im Oktober 2016 das viertgrößte Akutkrankenhaus Bayerns 14 Jahre lang geleitet hatte. Genau eine Woche nach dieser Hiobsbotschaft ist Heribert Fastenmeier tot. Der 63-Jährige nimmt sich das Leben, er erhängt sich in der Zelle.

"Hier wird jemandem ganz schwer unrecht getan."

Andreas Szesny, Anwalt von Heribert Fastenmeier

Wie verlassen Fastenmeier sich in der U-Haft gefühlt haben muss, und wie verzweifelt er war, zeigt ein handgeschriebener Brief, den er an unsere Redakteurin Ruth Stückle geschickt hat (nebenstehend ein kleiner Auszug). Er schildert darin in Kurzform seine Sicht der Dinge, schreibt aber auch von „bekannten Haftbeschwerden“ wie „Angst, Depression, Herzrasen, Schweißausbrüche, Bluthochdruck, Schlaf- und Essstörungen, Einsamkeit“. Er lebe „als Unschuldiger (Beschuldigter) unter Mördern, Totschlägern, Drogendealern, Drogenabhängigen, Räubern, Sexualstraftätern“, getrennt von seiner Familie. Und von „Entsozialisierung“ als dessen Ergebnis. In dem Brief, den er mit einem selbst gezeichneten Adventsmotiv versehen hat, wünscht er frohe Weihnachten.


 "Verurteilt ohne Gericht - Kommentar von DONAUKURIER-Chefredakteur Stefan König
"Unendlich traurig" - Reaktionen zum Tod von Heribert Fastenmeier 
"So sozialverträglich wie möglich" - Richterin Andrea Titz über die Untersuchungshaft

Es gibt einen weiteren persönlichen Brief Fastenmeiers an die DK-Redakteurin. Einen, den er bereits Anfang November verfasst und seinem Verteidiger übergeben hat, der das Schreiben, falls ihm etwas zustoße, weiterleiten solle. Es ist ein Abschiedsbrief mit brisanten Inhalten und der Feststellung, er fühle sich absolut unschuldig.

Wie sehr die U-Haft den ehemaligen Klinikchef belastet hatte, hat auch sein Düsseldorfer Anwalt, André Szesny, mitbekommen. „Ich bin bestürzt und   geschockt“,  sagt  er über den Tod seines Mandanten. Über ein Jahr haben er und die Mitarbeiter seiner Kanzlei daran gearbeitet, die gegen Fastenmeier erhobenen Vorwürfe zu entkräften. Der Anwalt ist überzeugt, dass Fastenmeier bei einem Verfahren gute Chancen gehabt hätte. Und traurig, „dass ich es nicht geschafft habe, ihm ausreichend Mut zu machen, die Verhandlung durchzustehen“. Szesny ist der Meinung, hier werde jemandem ganz schwer unrecht getan. „Es ist das Schlimmste, was einem in einer Verteidigung passieren kann“, sagt er über den Freitod seines Mandanten. Der Jurist hat Fastenmeier am 22. Dezember zum letzten Mal besucht. Er war sein Draht zur Außenwelt. Seine Familie durfte viermal im Monat mit drei Besuchern 30 Minuten lang bei ihm sein.

Brief Fastenmeier
In einem persönlichen Brief (hier ein kurzer Auszug) an unsere Redakteurin Ruth Stückle schreibt Fastenmeier, was ihn in der U-Haft bewegt. Das Schreiben schickte er kurz vor Weihnachten an die Redaktion. Bereits im November hatte er einen Abschiedsbrief bei seinem Anwalt hinterlegt.
Ingolstadt

Als Schuldeingeständnis, betont der Jurist im Gespräch mit unserer Zeitung, dürfe Fastenmeiers Freitod nicht gewertet werden. Im Gegenteil: „Während des gesamten Verfahrens hat Herr Fastenmeier sich bis zuletzt gegen die ihm gemachten Vorwürfe gewehrt – ausführlich, inhaltlich und detailliert“, so Szesny in einer sechsseitigen Stellungnahme an unsere Zeitung. Etwa 50 Leitzordner an Papierakten haben sich in der Zelle Fastenmeiers gestapelt. Von den 99 Fällen von Untreue, die Fastenmeier vorgehalten werden, seien 88 Vorträge.

Doch das Strafverfahren gegen den 63-Jährigen ist mit seinem Tod beendet. Das bestätigte Wolfram Herrle, Chef der Ingolstädter Staatsanwaltschaft, gestern gegenüber unserer Zeitung. „Wie wir mit dem übrigen Komplex und den anderen Beschuldigten verfahren, haben wir noch nicht geklärt.“ Das Landgericht Ingolstadt bestätigte die anstehende Einstellung der Strafsache, verweist gleichzeitig jedoch auf die noch offenen zivilrechtlichen Ansprüche des Klinikums Ingolstadt gegenüber Fastenmeier „in erheblicher Höhe. In einem der Klageverfahren erfolgte bereits durch Pfändungen der Zugriff auf sein Vermögen“, heißt es in einer Erklärung.

"Heribert hat seine Familie und Heimat geliebt, er wäre nie weggelaufen!"

Fastenmeiers Schwester

Fastenmeiers Familie erstarrt derweil im Schock. Sie hatte am Mittwochabend von seinem Tod erfahren, ein Kriseninterventionsteam war zur Stelle. Seine Frau und ein Sohn hatten ihn wenige Stunden zuvor noch besucht. Es gibt erhebliche Vorwürfe gegen die Justiz, etwa dass Heribert Fastenmeier sich monatelang in Isolationshaft befunden habe. Der stellvertretende Gefängnisleiter stellte gestern gegenüber unserer Zeitung fest, dass dem nicht so gewesen sei. Der 63-Jährige habe wie alle anderen seine Zelle vier bis fünf Stunden am Tag verlassen und sich in freigegebenen Zonen bewegen dürfen, sagte er. „Wir wollen die Leute hier nicht kaputtmachen.“ Es war der zweite Suizidfall seit Eröffnung der JVA im Februar 2016.

Die Kritik der Familie gilt ohnehin eher der Staatsanwaltschaft Ingolstadt, sie sprach von „Mobbing“. Man habe Fastenmeier menschenunwürdig behandelt, obwohl noch die Unschuldsvermutung galt, und ihm nicht ausreichend Gelegenheit geboten, sich zu verteidigen. Ihn so lange einzusperren und Fluchtgefahr als Grund zu nennen, sei völlig absurd. „Heribert hat seine Familie und Heimat geliebt, er wäre nie weggelaufen“, sagt seine Schwester.

Ruth Stückle und Horst Richter
Kommentare
Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
es werden nur die letzten 3 Kommentare angezeigt
alle 6 Kommentare anzeigen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!