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Naturphänomen vor 450 Jahren: Als am Himmel über Ingolstadt sechs Sonnen erschienen

erstellt am 05.03.2004 um 17:10 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 12:25 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Am 6. März 1554, also vor genau 450 Jahren, ereignete sich zu Ingolstadt ein Naturschauspiel, das die Menschen in Angst und Schrecken versetzte. Zwischen acht und neun Uhr, so genau ist es überliefert, erschienen plötzlich am Morgenhimmel mehrere Sonnen, manche mit Kometenschweifen, dazu Regenbögen und helle Lichtsäulen. Für die entsetzten Beobachter gab es nur eine Erklärung: Das ist ein Zeichen Gottes, die letzten Tage der Menschheit nahen.
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So sieht der Einblattdruck aus, der das Halophänomen vom 6. März 1554 zu "Ingelstatt" zeigt: Sechs Sonnen erscheinen am Himmel.

Die Nachricht von dem schrecklichen Schauspiel, das nicht nur in Ingolstadt, sondern auch in Regensburg und Nürnberg am Himmel gesehen wurde, verbreitete sich überall wie ein Lauffeuer. Und weil es die Menschen schon damals nach Sensationen dürstete, fertigte ein gewisser Theobaldus Berger in Straßburg, vermutlich nach den Schilderungen eines Augenzeugen, einen Einblattdruck an mit einer Darstellung des Geschehenen und einer äußerst detailierten Beschreibung: "Neüwe Zeyttung und Warhaffte geschicht", so lautete die Schlagzeile. Solche Blätter wurden damals auf Märkten verkauft.

In Vergessenheit geraten

Aufschlussreich ist, wie die Himmelsfiguren gedeutet wurden: "Gott woell das wirs erkennen/ vnser leben darnach besseren/ vnd soviel gnaden erwerben/ das wir inn einer seligen stund besseren/ abscheyden/ vnd das ewig leben/ durch Jesum Christum vnsern lieben Herren erlangen moegen/ Amen." So viel Angst und Aufsehen das Himmelsspektakel im 16. Jahrhundert erregte · im Laufe der Zeit geriet die Geschichte vollkomen in Vergessenheit. Und es ist nur purer Zufall, dass ausgerechnet jetzt, 450 Jahre später, eine Abbildung des Holzschnitts auftauchte, die jahrelang im Archiv des Donaukuriers geschlummert hatte. Es handelt sich um einen Ausschnitt aus der Stuttgarter Zeitung vom März 1986: Man hatte einen Artikel über die Kulturgeschichte der Zeit mit dem besagten Holzschnitt bebildert, ohne allerdings genauer auf dessen eigentliche Herkunft einzugehen.

Ein Stochern im Nebel

Es galt also, das 450 Jahre alte Sonnenrätsel zu lösen. Die umfangreichen Recherchen begannen im hiesigen Stadtarchiv und führen bis zum Max-Planck-Institut für Astronomie nach Heidelberg. Zunächst ohne Erfolg: Niemand, nicht einmal Stadthistoriker Dr. Siegfried Hofmann, konnte erklären, was es mit der "Ingolstädter Zeitverwirrung" (Stuttgarter Zeitung) auf sich hat.

Der entscheidende Hinweis kam vom Astronomischen Arbeitskreis Ingolstadt. Dessen Vorsitzendem Dieter Leistritz fällt beim Betrachten des Holzschnitts die Ähnlichkeit mit einem so genannten Halophänomen auf. Dieses äußerst seltene Naturschauspiel tritt bei großer Kälte auf, wenn sich in den atmosphärischen Schichten das Sonnenlicht in Eiskristallen spiegelt oder bricht. Auf diese Weise können mehrere Nebensonnen erscheinen.

Hobbyastronom Leistritz verwies aufs Internet, wo unter www.meteoros.de/halo.htm Näheres zu erfahren sei. Und tatsächlich: Ein paar Mal geklickt, und der alte Einblattdruck erscheint auf dem Bildschirm.

Die erste und älteste wissenschaftliche Beschreibung eines Halophänomens übrigens stammt · und hier führt die Spur wundersamerweise wieder nach Ingolstadt · von Christoph Scheiner, der diese Beobachtung im Jahr 1630 bei einem Aufenthalt im Rom machte. Sie ging denn auch als "Römisches Phänomen" in die Geschichte und Fachliteratur ein (nachzulesen in einem Aufsatz von Ernst Goercke im Katalog zur Ausstellung "Die Jesuiten in Ingolstadt", 1991).

Dass bereits rund 80 Jahre zuvor ein Halophänomen zu Ingolstadt beschrieben wurde, wertet Dr. Siegfried Hofmann als kleine Sensation. "Der Umstand, dass dieser Druck im fernen Straßburg erschien, zeigt, dass man dieses Phänomen damals als Bedrohung der ganzen Welt angesehen hat."

Hofmann kann sich lebhaft vorstellen, welche Emotionen das seltene Spektakel im Jahr 1554 in der Ingolstädter Bevölkerung freigesetzt haben muss. Etwa 4000 Einwohner zählte die Stadt zu dem Zeitpunkt, die Jesuiten hatten ihr bereits 1552 den Rücken gekehrt: "Petrus Canisius hat die religiösen Verhältnisse als katastrophal geschildert. Er war total enttäuscht von Bürgern und Studenten," so der Geschichtsforscher. "Es war keine sehr fromme Zeit."

"Zeit der Orientierungslosigkeit"

Zudem standen vor den Toren der Stadt die Belagerer. "Die Landesfestung war noch nicht vollendet, Kriegsgefahr und Kriegsangst warendemnach besonders groß." Der Historiker fasst das Stimmungsbild zusammen: "Es war eine Zeit der Orientierungslosigkeit und der Unsicherheit. Alle waren voller Angst und Unzufriedenheit über die ausbleibenden Reformen · fast wie heutzutage."

Ob das Himmelszeichen die Menschen bekehrt haben mag? Auf alle Fälle erkannte der Bayerische Hof die desolate Situation, in der sich die Universitätsstadt befand, und sorgte dafür, dass die Jesuiten 1556 nach Ingolstadt zurück kehrten. Dr. Hofmann: "Das war die Rettung."

Donaukurier
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