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Linken-Vorsitzender Bernd Riexinger richtet vor dem Café Tagtraum auch lodernde Worte an die CSU

Grillen gegen Rechts

Ingolstadt
erstellt am 18.09.2018 um 21:54 Uhr
aktualisiert am 22.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Bernd Riexinger, Bundesvorsitzender der Partei Die Linke, war am Montagabend vor dem Café Tagtraum am Paradeplatz Gast einer unkonventionellen Wahlkampfbegegnung. Motto: "Chill & Grill". Das bedeutete: "Keine standardmäßige Veranstaltung, kein Skript, sondern ein lockeres Gespräch", erklärte Moderator Christian Pauling. Und erst mal Seit an Seit mit Genossen im Lichterzauber vor dem Café entspannt etwas Gutes essen. Aber sobald es politisch wurde, verflüchtigte sich alle Romantik umgehend.
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?Chill & Grill? am Montagabend vor dem Café Tagtraum am Paradeplatz: Bevor es politisch wurde, ließ sich Linken-Bundesvorsitzender Bernd Riexinger (M.) von Grillmeister Roland Keller (l.) und Moderator Christian Pauling bei der Wahl des Essens beraten.
"Chill & Grill" am Montagabend vor dem Café Tagtraum am Paradeplatz: Bevor es politisch wurde, ließ sich Linken-Bundesvorsitzender Bernd Riexinger (M.) von Grillmeister Roland Keller (l.) und Moderator Christian Pauling bei der Wahl des Essens beraten.
Hammer
Ingolstadt
Es ist schon ein bisschen her, dass Linke der reinen Lehre dem Bayerischen Landtag angehörten. Streng genommen war Kurt Eisner der letzte; vor bald 100 Jahren. Der Sozialist aus Berlin hatte in den an Wirren reichen Tagen kurz vor Kriegsende 1918 mit rebellischen Soldatenumzügen in München die Flucht der Wittelsbacher beflügelt und den Freistaat Bayern proklamiert; so lautete Eisners volksnahe Übersetzung des arg bourgeoisen, da aus dem Lateinischen abgeleiteten Begriffs Republik. Am 7. Februar 1919, dem Tag der konstituierenden Sitzung des Landtags, wurde Eisner ermordet.

Seither spielt sich sozialistisches Wirken in Bayern außerparlamentarisch ab. Die Rolle der Linken übernahmen (jedenfalls in der Wahrnehmung der CSU) die Grünen; sie zogen 1986 in den Landtag ein. Und blieben.

Aber jetzt sind die Linken in Bayern einer Revolution wieder sehr nah: Der Bayerntrend sieht ihre Partei derzeit bei fünf Prozent. Entsprechend geschichtsbewusst-beseelt ziehen die Parteimitglieder in den Wahlkampf. "Lasst uns Historisches schaffen!", appelliert Christian Pauling, der Conferencier des Politikergesprächs vor dem Café Tagtraum. Der Verfassungsschutz kann unbesorgt sein (er beobachtet die Linkspartei seit wenigen Jahren ohnehin nicht mehr): Hier lodern keine Flammen des Aufbegehrens; dafür glühen gutbürgerlich zwei Grills. Auf einem liegen vegane Würstl.

Paulings Blick geht nicht nur zurück zu Kurt Eisner. Der junge Ingolstädter nimmt auf dem roten Sofa neben Riexinger auch bedrohliche Tendenzen der Gegenwart ins Visier: "Lasst uns gemeinsam dem Rechtsruck entgegentreten!" Für den Linken-Bundesvorsitzenden beschleunigt die CSU diese Entwicklung: "Die will die AfD erledigen, indem sie daherredet wie die AfD!" Stichworte "Asyltourismus und Asylgehalt" (Markus Söder hat seinen Parteifreunden vor Kurzem nahegelegt, auf derlei AfD-Jargon zu verzichten). Der Linken-Chef glaubt: "Damit macht die CSU die AfD nur stärker."

Riexinger, 62, Schwabe, sieht in Bayern jedoch ermutigende Signale: 50000 Bürger sind im Juli bei der Münchner #ausge-hetzt-Demo für die Werte des Rechtsstaats, gegen Rechtsradikale auf die Straße gegangen. "Die CSU ist auch rechts!", zetert er. "Die Mehrheit der Deutschen will mit Migranten gut zusammenleben." Horst Seehofer , der die "Migration als Mutter aller Probleme" bezeichne, solle nur mal ein deutsches Krankenhaus besuchen. Riexinger musste letzthin wegen einer Knie-OP in eines. "Ohne Migranten ginge da gar nichts mehr!" Sämtliche Physiotherapeuten, die ihn behandelten, hätten Wurzeln im Ausland. Ebenso ein großer Teil des Pflege- und Küchenpersonals. "Wo soll da die Mutter aller Probleme sein? Seehofer ist der Großvater des Rechtspopulismus! Selbst konservative CSU-Landräte können sein Gerede nicht mehr ertragen. Und Söder streichelt Katzen, aber es ist ihm völlig wurscht, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken."

An diesem heiklen Punkt eine Klarstellung: "Es stimmt nicht, dass wir Linken alle Flüchtlinge ins Land lassen wollen. Wir wollen, dass sie sich gar nicht erst auf den Weg machen müssen! Aber dazu darf man keine Waffen in Bürgerkriegsländer exportieren. Und man darf nicht die Existenzgrundlage von Millionen Kleinbauern zerstören", wie es die EU-Politik befördere.

Eva Bulling-Schröter, die Ingolstädter Landtagsdirektkandidatin der Linkspartei, streut ein parteiübergreifendes Lob in die Runde: Bis zu 700 Bürger haben an diesem Montag in Pfaffenhofen gegen einen Auftritt des AfD-Manns Jörg Meuthen protestiert (der dann nicht kam), rund 1200 Demonstranten waren zur selben Stunde - und aus dem gleichen Anlass - in Eichstätt unterwegs; auch dort ließ sich Meuthen doch nicht blicken. "Das ist richtig toll!", sagt Bulling-Schröter. "Da bewegt sich was!"

In ihrer Partei habe sich "wegen des Rechtsrucks viel getan", berichtet die frühere Bundestagabgeordnete. Etwa ein markantes Plus bei den Parteieintritten, darunter zahlreiche junge Leute. "Wir sind attraktiver geworden." Mit jetzt 3300 bayerischen Linken bei 13 Millionen Einwohnern im Freistaat, fügt sie sinngemäß an, sei die Zahl potenzieller neuer Parteifreunde aber definitiv noch steigerbar.

Christian Silvester
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