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Den Klischees keine Chance

Ingolstadt
erstellt am 26.04.2018 um 20:36 Uhr
aktualisiert am 30.04.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Am Donnerstag fand in Ingolstadt und der Region wieder der Mädchen- und Jungen-Zukunftstag, auch Girls'-and-Boys'-Day genannt, statt. Das Ziel: Mit einem Hineinschnuppern in einen Beruf, der für das jeweilige Geschlecht eher untypisch ist, sollen gängige Rollenbilder aufgebrochen werden. Und die Jugendlichen waren mit Begeisterung dabei.
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Girls' und Boys' Day in Ingolstadt

Etliche Firmen legen sich ins Zeug

Begeistert von IT: Bei der Donat-Group stand Informatons-Technologie im Mittelpunkt.
Begeistert von IT: Bei der Donat-Group stand Informatons-Technologie im Mittelpunkt.
Foto: Donat-Group
Ingolstadt

Ein Aktionstag quer durch die lokale Wirtschaft. Einige Beispiele: „Was ist denn bitte eine HoloLens?“, mag in den Köpfen der zehn Schülerinnen vorgegangen sein, die bei der morgendlichen Begrüßung zum Girls’ Day in den Räumen der DONAT group an der Friedrichshofener Straße über ihr anstehendes IT-Abenteuer informiert wurden − auch über diese spezielle Mixed_Reality-Brille. Natürlich begrüßte auch Inhaber Hans Donat die jungen Besucherinnen. Die einzelnen Firmen der Gruppe gaben in Kurzpräsentationen Einblicke in ihre Geschäftsfelder, zudem gab es einen Vortrag über Cyberkriminalität, bevor man sich bei Pizza und Pasta über Ausbildungsgänge unterhielt. 
 

Technik ist auch Mädchensache:  Bei Audi stellten 250 Schülerinnen in verschiedenen Projekten ihr Können unter Beweis und hatten danach Gelegenheit zum Gespräch mit Audianerinnen.
Technik ist auch Mädchensache: Bei Audi stellten 250 Schülerinnen in verschiedenen Projekten ihr Können unter Beweis und hatten danach Gelegenheit zum Gespräch mit Audianerinnen.
Foto: Eberl
Ingolstadt

Bei Audi gab es naturgemäß das breiteste Informationsangebot − schließlich gibt es dort auch die größte Vielfalt an Berufsbildern, sowohl im technischen als auch im kaufmännischen Bereich und im Marketing. Technik sei beim Automobilhersteller „längst auch Mädchensache“, heißt es an der Ettinger Straße, und die tägliche Praxis im großen Werk bezeugt das ja auch. 250 Schülerinnen konnten sich gestern davon überzeugen.  

Dieter Omert, Leiter Berufsausbildung und fachliche Kompetenzentwicklung der Audi AG, betonte: „Mitmach-Aktionen wie der Girls’ Day sind für uns ein wichtiges Instrument, um früh mit jungen Talenten in Kontakt zu treten. Wir konnten auch dieses Jahr wieder vielen Mädchen beweisen, dass Berufe im gewerblich-technischen Bereich großes Karrierepotenzial haben.“  

Bei Edeka Südbayern in Gaimersheim wurden neun Mädchen mit den Feinheiten des Lebensmittelhandels vertraut gemacht. Dabei ging es auch um Technik: Ohne EDV geht bei Lagerhaltung und Disposition gar nichts.


Girls' Day

Beim Löten ist ein bisschen Fingerspitzengefühl gefragt. Sieben kleine Herzen liegen auf dem Werkstatttisch des Fahrzeugtechnikentwicklers BFFT in Gaimersheim, sieben Mädchen sitzen konzentriert drum herum und befestigen kleine LEDs an den Herzplatten. Unter ihnen die 13-jährige Nisa Kirsan, die die 8. Klasse des Christoph-Scheiner-Gymnasiums besucht und verblüffend genau weiß, was sie nach der Schule mal machen will: „Maschinenbau studieren!“, sagt sie ohne zu zögern. Durch Freunde und ihre Familie sei sie darauf gekommen, ihr Vater habe als Ingenieur der Elektrotechnik einen superinteressanten Job, da wolle sie später gerne etwas Ähnliches arbeiten. „Ich habe direkt auf der Girls’-Day-Homepage geschaut, was es so für Angebote für heute gibt, BFFT gefunden und mich gleich angemeldet. Fahrzeuge sind einfach meins, das hat prima gepasst.“

Birgit Gugel, die Ausbildungsverantwortliche bei BFFT, hat die Mädchen morgens begrüßt und ihnen die Firma vorgestellt. „Ich finde es wichtig, dass alle überhaupt wissen, was wir hier so machen. So was lernt man ja in der Schule nicht. Und ich erkläre auch immer, was wir ausbilden und motiviere zu Praktika“. Die Organisation des Tags hat sie in die Hände ihrer Auszubildenden Nadja Hugger gelegt, die das „total selbständig“ hinbekommen habe. Der Girls’ Day fungiert bei BFFT also gleichzeitig als Azubi-Projekt - das laut Teilnehmerinnen höchst gelungen war.

Blick in die Schaltzentrale: Bei Edeka in Gaimersheim stand der IT-Bereich des Lebensmittelhändlers im Mittelpunkt.
Blick in die Schaltzentrale: Bei Edeka in Gaimersheim stand der IT-Bereich des Lebensmittelhändlers im Mittelpunkt.
Foto: Edeka
Ingolstadt

Nisa berichtet von ihrem abwechslungsreichen Tag: „Mit der Frage ‚Wie ist ein Auto so aufgebaut?’ fing es gleich morgens an. Da ist es viel besser, wenn man mal selbst auf dem Fahrer- oder Beifahrersitz sitzen, die Knöpfe drücken und alles live erleben kann, anstatt nur davon erzählt zu bekommen.“ Die Mädchen haben keine Scheu vor angeblich „männlichen Berufsbildern“: Im zweiten Modul testen sie Touchscreens und suchen Fehler im System. „Testing der Dienste mit der MMI Connect App“ heißt das offiziell im BFFT-Programm. „Das war jedenfalls auch toll. Eigentlich hat alles bisher großen Spaß gemacht“, erklärt Nisa. Die sechs anderen Mädels am Tisch nicken bestätigend. Zusammen haben sie in der Firma zu Mittag gegessen und nun steht gleich noch die „Visualisierung der Daten eines Laserscanners“ an. Und ein gemeinsames Abschlussfoto. Aber vorher hoffen alle sehr, dass ihre gelöteten Herzen beim finalen Test auch brav blinken.

Mehr als nur Hämmern:  Die Firma Gebrüder Peters gewährte den Mädchen Einblicke in Handwerksberufe.
Mehr als nur Hämmern: Die Firma Gebrüder Peters gewährte den Mädchen Einblicke in Handwerksberufe.
Foto: Gebrüder Peters
Ingolstadt

Boys' Day

Leon Maric weiß nach dem Boys’ Day nicht nur bedeutend mehr über Brillengestelle, Gläser und Kunden, sondern auch, dass er selbst eine Brille braucht. „Das habe ich schon vermutet und als ich dann auf der Boys’ Day Auswahlliste Apollo Optik gefunden habe, fand ich das doch sehr passend“, sagt der 15-jährige Apian-Schüler lächelnd.

So fing sein Tag gleich mal mit einem Sehtest bei Brillenfachverkäuferin Silvia Mayr im Ladengeschäft in der Ludwigstraße an. „Die Werte von Kindern und Jugendlichen werden normalerweise nur beim Augenarzt bestimmt, aber eine Vormessung konnte ich bei Leon schon mal machen. Und ja, eine Brille ist dringend von Nöten“, erklärt Mayr. Im Anschluss an den Sehtest hat sie ihrem Schützling den Laden gezeigt und die unterschiedlichen Brillenarten und -gläser vorgestellt. Bald schwirren Begriffe wie „Fadengestell“, „Brechwert“, „bifokal“ und „Bohrbrille“ durch den Raum.

„Ich finde es sehr interessant und wirklich vielseitig“, hält Leon fest. Er sieht den Boys’ Day, genau wie Berufspraktika, als ideale Chance, bei verschiedenen Berufen mal hinter die Kulissen schauen zu können – gerade auch bei denen, die sonst eher einen weiblichen Touch haben.

Letztes Jahr war er einen Tag in einem Kindergarten dabei. „Ich weiß noch gar nicht, was ich später mal machen will, deshalb ist es super reinzuschnuppern. Von außen sieht man meistens ja gar nicht, was sich hinter einem Beruf verbirgt und wie ein Tag dort normalerweise so abläuft“, sagt der Neuntklässler. Was ihm definitiv überall gut gefällt: Der Kontakt zu Menschen. Das hat sich bei allem Ausprobieren bisher eindeutig herauskristallisiert: „Die Begegnung mit Menschen und Kunden macht mir große Freude. Also wäre ein sozialer Beruf wahrscheinlich nicht schlecht“, überlegt er. Apollo Optik hat zum Boys’ Day in jeder seiner drei Ingolstädter Filialen einen Tagespraktikanten. „Das ist uns wichtig“, betont die stellvertretende Filialleiterin in der Kaufland-Filiale, Julia Dick. Auch wenn Optiker ja nicht unbedingt eine Männerdomäne sei. Aber das Unternehmen wolle bewusst Jungs an den Beruf heranführen. Den äußerst positiven Nebeneffekt des Boys’ Day erzählt Leon zum Schluss: „Heute wäre mein superlanger Tag in der Schule. Hier fange ich später an und höre früher auf. Und es macht Spaß. Optimal eigentlich!“

Anne Gülich
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