Donnerstag, 21. Juni 2018
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Polizist Den Lovric und der Gehörlose Denis Jukovskiy spielen für die deutsche Nationalmannschaft

Zwei mit dem Adler auf der Brust

Ingolstadt
erstellt am 12.06.2018 um 21:29 Uhr
aktualisiert am 16.06.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Morgen startet die Fußball-WM in Russland.
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Als Polizei-Europameister beziehungsweise als Teilnehmer bei den ?Deaflympics? sowie Welt- und Europameisterschaften vertraten der Den Lovric (links) und Denis Jukovskiy die deutschen Farben. Der frühere slowenische Jugendnationalspieler ist als Spielertrainer des FC Gerolfing und der Gehörlose als Zucheringer Kreisklasse-Kicker in der regionalen Fußballszene gut bekannt. Beim WM-Talk für den DONAUKURIER trafen sie aber erstmals aufeinander.
Als Polizei-Europameister beziehungsweise als Teilnehmer bei den "Deaflympics" sowie Welt- und Europameisterschaften vertraten der Den Lovric (links) und Denis Jukovskiy die deutschen Farben. Der frühere slowenische Jugendnationalspieler ist als Spielertrainer des FC Gerolfing und der Gehörlose als Zucheringer Kreisklasse-Kicker in der regionalen Fußballszene gut bekannt. Beim WM-Talk für den DONAUKURIER trafen sie aber erstmals aufeinander.
Foto: Hauser
Ingolstadt
Wie viele Fans fiebern dem auch zwei Männer aus der Region entgegen, die wissen, wie es ist, im deutschen Trikot aufs Feld zu laufen. Der Großmehringer Den Lovric (28) ist einer der Kapitäne der Polizei-Nationalmannschaft, der Ingolstädter Denis Jukovskiy gehört mit 41 noch zu den Leistungsträgern der Gehörlosen-Nationalelf. Ein Gespräch über Fußball-Anhänger im WM-Rausch, Maßanzüge, Privaturlaub, Überstunden, Leroy Sané und Russland.


Herr Lovric, Herr Jukovskiy, wo waren Sie am 13. Juli 2014?

Den Lovric: Beim WM-Sieg? Ich war hier in Ingolstadt im Dienst und es war ein riesiges Chaos (lacht). Wir sollten in der Innenstadt am Le Café den Verkehr regeln, waren aber hoffnungslos unterbesetzt. Wir haben dafür dann mit den Fans einfach La Ola gemacht. Wir wollten keine Spaßverderber sein und haben uns auch riesig gefreut. Den Auftrag konnten wir nicht erfüllen, weil so viel los war.
Denis Jukovskiy: Da muss ich wirklich überlegen. Ich war damals bei der Vorbereitung auf die Gehörlosen-EM unterwegs. Ich glaube, wir haben es mit der Mannschaft gesehen. Für uns war es auch ganz wichtig, dass der WM-Titel kam. Eine ganz große Motivation.


Ist der Sieg 2014 der ganz persönliche WM-Moment für Sie? Oder gibt es aus den anderen Turnieren eine große Erinnerung?

Lovric: Also für 2014 auf alle Fälle. Da waren wir beim Public Viewing am Volksfestplatz im Einsatz. Als dann das Tor für die Deutschen in der Verlängerung fällt, hieß es nur: Schnell, schnell, die Positionen einnehmen. Dann ist es auch schon losgegangen. 2006 mit dem Sommermärchen ist auch noch ganz gut präsent bei mir.
Jukovskiy: Für mich ist eine WM immer Spannung, mit tollen Spielen. Ich habe einen Gänsehaut-Moment, wenn die Spiele losgehen.


Welches Gefühl erzeugt es, wenn sie selbst das Nationaltrikot überstreifen?

Lovric: Schon geil! Man weiß, wie viele Polizisten es gibt. Aus Bayern bin ich der einzige im Kader. Und es sind wirklich die besten dabei. Sehr hochklassig, zum Teil mit Bundesligaspielern. Das ist schon sehr professionell. Mit Original-Nationalmannschaftstrikots, Ausgehanzügen, Physiotherapeuten, Polizei-Mannschaftsbus. Man ist in ganz Deutschland unterwegs und kommt auch in Europa herum. Das ist schon was Besonderes.
Jukovskiy: Ich habe schon das Trikot mit meiner Stammnummer 15 bekommen. Es ist schon eine Herausforderung und Verpflichtung, die Leistung auch zu zeigen. Es geht für unser Land. Da muss ich stark sein für Deutschland im Trikot. Die große WM der Hörenden bringt uns da auch Aufmerksamkeit. Es ist aber noch ein langer Weg für uns, bekannter zu werden.


Werden die deutsche Polizei- und die Gehörlosen-Nationalmannschaft ebenso gefürchtet, wie die DFB-Profis?

Lovric: Es ist eine Nationalmannschaft, da schauen alle genau hin, wenn wir mit Bundesliga- oder Regionalliga-Spielern kommen. Unsere Gegner wissen schon, was da auf sie zukommt. Wir schießen die zum Teil einfach weg. Ist so (lacht). Unser Trainer ist Badener wie Jogi Löw. Und er spricht auch so.
Jukovskiy: Das klingt sehr interessant. Nationalmannschaft ist ein guter Begriff, aber bei den Hörenden hat man einfach mehr Kontakte. Es sind bei uns oft auch nur Freundschaftsspiele. Unser Trainer ist sehr gut in der Gebärdensprache. Ohne ging es auch nicht. Ganz stark ist die türkische Mannschaft. Die wird vom Staat stark unterstützt. Wir leider nicht so. Wir haben drei Tage Vorbereitung und nicht drei Monate und ein großes Budget.
Lovric: Die Franzosen hätten bei uns vor vier Jahren vom Staat eine Woche Mauritius-Urlaub bezahlt bekommen, wenn sie den EM-Titel gewonnen hätten. Die haben wir im Halbfinale 3:0 geschlagen. Nach unserem Titel wurden wir schon geehrt und haben Medaillen bekommen. Politisch ist das auch bekannt. Viele Polizisten sind ehemalige sehr gute Spieler oder Schiedsrichter, wie auch Bibina Steinhaus, die einzige Frau in der Bundesliga.


Hat es statt Mauritius wenigstens für Mallorca gereicht?

Lovric: Das hätten wir als Team zahlen müssen und nicht vom Staat bekommen (lacht). Geld ist aber bei uns auch da. Das ist schon hoch angesehen. Wir haben jetzt zum Beispiel Maßanzüge bekommen. Die deutsche Elf ist durchaus gefürchtet: Von 17 Europameisterschaften hat Deutschland elf gewonnen. In der Qualifikation haben wir Russland 10:0 abgeschossen.
Jukovskiy: Bei uns gab es früher zumindest Sonderurlaub für die Nationalmannschaft. Das gibt es jetzt nicht mehr. Ich muss Privaturlaub nehmen, was ich aber natürlich trotzdem mache. Fußball ist mein Leben.
Lovric: Bei mir ist das kein Urlaub, das ist Dienstzeit. Ich bin für die Zeit abgeordnet.


Und wenn es beim Turnier in die Verlängerung geht, schreiben Sie dann Überstunden?

Lovric: Nein, das dann doch nicht. (lacht)


Russland war ein gutes Stichwort. Hätten Sie Leroy Sané mit zur WM genommen?

Jukovskiy: Gute Frage. Er ist noch jung, läuft total schnell, ist gut und wertvoll. Ich hätte ihn mitgenommen. Aber vielleicht hat er ja einen schlechten Ruf abbekommen.
Lovric: Wie es der Bundestrainer erklärt hat, verstehe ich das voll und ganz. Ich hätte ihn dann auch daheim gelassen. Der Trainer ist der Chef. Deutschland kommt über die Mannschaftsleistung. Und so, wie es geschildert wird, passt er da noch nicht rein. Aber er ist ja noch jung. Der wird seine Zeit bekommen.


Was geht dann ohne Sané für die Deutschen?

Lovric: Zur Zeit passt es einfach nicht. Auch die Erdogan-Affäre von Gündogan und Özil spielt mit rein. Es ist ungewöhnlich viel Unruhe im Umfeld. So etwas kann ein Team auseinanderbringen. Das wird wichtig sein, wie man zusammenhält. Wenn sie das schaffen, ist wieder viel möglich. Absolut das Finale.
Jukovskiy: Auch ohne Sané haben wir viele gute Spieler. Man hofft auch bei Manuel Neuer, dass es klappt. Er war lange verletzt. Die Hoffnung ist auf jeden Fall da, dass es die Mannschaft schafft. Die schlechten Gedanken einfach beiseite schieben.


Also, wie sieht es mit dem Bauchgefühl aus? Weltmeister?

Jukovskiy: Erster, Zweiter oder Dritter werden sie auf alle Fälle. Ich hoffe auf den großen Erfolg. Ich denke auch, dass wir das schaffen.
Lovric: Ich hoffe es natürlich auch. Aber vom Bauchgefühl her, dieses Mal eher nicht. Es sind zu viele Störfaktoren. Ich sage mal Brasilien, die sind Geheimfavorit.


Wo sind sie dieses Mal am Tag des WM-Finales?

Lovric: In den Flitterwochen (lacht). Ich werde es mir auf einer Kreuzfahrt anschauen.
Jukovskiy: Irgendwo nahe vor einer Leinwand, weil wir die Kommentatoren ja nicht hören.


Das Gespräch führte Christian Rehberger.
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