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Pfarrer Helmut Küstenmacher hofft, dass die WM dazu beiträgt, Russland mit anderen Augen zu sehen

Am Tor zur Freundschaft

Ingolstadt
erstellt am 13.06.2018 um 21:06 Uhr
aktualisiert am 17.06.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Land und Leute in der früheren Sowjetunion liegen ihm sehr am Herzen, ebenso die deutschstämmigen Aussiedler. Seit 1999 organisiert Pfarrer Helmut Küstenmacher Gruppenreisen in postsowjetische Staaten, um die Verständigung zu fördern und Freundschaften zu schließen.Vor 20 Jahren initiierte er die Evangelische Aussiedlerarbeit in Ingolstadt. Die heute beginnende Fußball-WM in Russland könnte etwas dazu beitragen, diesem Land mit mehr Offenheit zu begegnen, hofft Küstenmacher.
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Spielgestalter der Integration in Ingolstadt: Pfarrer Helmut Küstenmacher auf dem Bolzplatz gleich hinter dem Büro der von ihm vor 20 Jahren initiierten Evangelischen Aussiedlerarbeit.
Spielgestalter der Integration in Ingolstadt: Pfarrer Helmut Küstenmacher auf dem Bolzplatz gleich hinter dem Büro der von ihm vor 20 Jahren initiierten Evangelischen Aussiedlerarbeit.
Foto: Hauser
Ingolstadt
Für einen gepflegten Fachdiskurs über Fußball findet Helmut Küstenmacher die nächste Anspielstation gleich eine Tür weiter: Dort sitzt Mehmet Celik an seinem Schreibtisch. Der Sozialarbeiter ist Teamchef der Fußballmannschaft der Permoser-kids, einem der vielen Projekte der Evangelischen Aussiedlerarbeit. Und einen Ball hat er natürlich auch immer in Griffweite.

In der Bürogemeinschaft im Parterre eines Mehrfamilienhauses der GWG an der Permo-serstraße geht es immer sehr geschäftig zu. Der Jugendmigrationsdienst hat hier seinen Sitz, ferner das Migrationsforum, das Aussiedlerforum, die Migrationsberatung, die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland und noch mehr Initiativen. Ein Zentrum der Integrationsarbeit in Ingolstadt. Und damit ein Ort der Identitätsstiftung - und Identitätsbewahrung - für Deutsche mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion.

Ein junger Mann, der nur Russisch spricht, fragt im Büro nach Maren Michaelis. Die Matthäuspfarrerin wirkt hier als Migrationsseelsorgerin. Küstenmacher gibt in fließendem Russisch Auskunft. Diese Sprache zu beherrschen, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. "Meine erste Russischlehrerin war Nina Allgeier. Sie kommt aus einer Aussiedlerfamilie." Inzwischen spricht der Pfarrer so gut, dass er selbst Russisch unterrichtet. Und Deutsch für Ausländer. "Wir geben im Abschiebelager am Audi-Kreisel Sprachkurse für Kinder. Das ist vom Staat überhaupt nicht gern gesehen, aber wir machen es natürlich trotzdem", bekennt er mit lutherischer Beharrlichkeit.

Küstenmacher kommt immer in aller Frühe ins Büro der Aussiedlerarbeit, denn es gibt viel zu tun. Jeden Tag. "Auch das ist das Schöne am Pfarrerberuf", sagt er: "Dass ich immer weiterarbeiten kann." Im Herbst wird er 76.

Derzeit coacht Küstenmacher seinen Amtsbruder Jürgen Habermann. Der Pfarrer im Ruhestand und Fußball-Euphoriker hat Karten für die WM-Halbfinalspiele in St. Petersburg und Moskau, deshalb reaktiviert Habermann seine Russischkenntnisse aus der Schulzeit.

Küstenmacher freut sich darüber, dass das Turnier in Russland stattfindet. "Das bietet endlich die Chance, dieses Land auf einer anderen Ebene zu sehen." Nicht nur im Fokus der Politik. Sondern mit Blick auf die Menschen dort. Oder fußballerischer ausgedrückt: lieber gelungenes Passspiel als Putin. Alles, was dem Abbau von Vorbehalten gegenüber Russen und deutschstämmigen Aussiedlern dient, ist ganz in des Pfarrers Sinne.

Deshalb organisiert er auch seit 1999 Gruppenreisen durch Russland und viele postsowjetische Staaten, etwa die Ukraine, Kasachstan, Weißrussland, Usbekistan, Kirgisistan oder Armenien. "Denn aus diesen Ländern stammen mehr als 20.000 Ingolstädter Bürger." Die meisten seiner Mitreisenden sind einheimische Deutsche, es kehren aber auch Spätaussiedler auf diesem Weg zu ihren Wurzeln zurück. Zwei bis drei Mal im Jahr ist Pfarrer Küstenmacher als Reiseleiter ostwärts unterwegs. Oder auch südostwärts. Erst vor zwei Wochen ist er aus Bulgarien zurückgekehrt. "Vor jeder Reise frage ich alle: ,Was verbindet Ihr mit der Bevölkerung in dem Land, in das wir fahren? Welche Vorbehalte habt Ihr?" Diese unterwegs gruppendynamisch hinter sich zu lassen, ist ein Ziel der Reisen. "Sich kennenlernen heißt, verstehen lernen", lautet Küstenmachers Credo. "Denn ich kann mir kein Urteil über Menschen erlauben, die ich nicht kenne."

Er wirbt für Verständnis. Einheimische Bundesbürger sollten etwa wissen, findet er, dass deutschstämmige Sowjetbürger jahrzehntelang in einer kommunistischen Diktatur litten. "Stalin hat 1941 nach dem Angriff der Deutschen zwei Millionen Deutschstämmige, die an der Wolga oder auf der Krim lebten, brutal verschleppen lassen, meistens nach Sibirien. Ich habe so viele Geschichten gehört von Müttern, die ihre Kinder in Erdlöchern zur Welt bringen mussten." Im Sowjet-Pass, erzählt er, galt es, die "Volkszugehörigkeit" anzugeben. "Wer ,deutsch' eintragen ließ, hat Repressalien riskiert. Aber 90 Prozent haben es dennoch getan!"

Küstenmacher hat auf seinen Reisen viel erlebt - allem voran Offenheit und Herzlichkeit. Eines jedoch nie: "Feindschaft gegen Deutsche." Nur einmal habe ihn ein kriegsversehrter russischer Veteran gefragt: "Warum geht es euch so gut? Wir haben doch damals gewonnen!" Aber der alte Herr lächelte dabei.
 

Ein lutherischer Löwe


Helmut Küstenmacher ist bekennender Anhänger des TSV 1860 München.Es gibt die ernstzunehmende Theorie, wonach die Hingabe ausgerechnet zu diesem Verein eigentlich nur mit der Biografie eines die"Löwen" Liebenden zu erklären ist. Inwieweit das auf den Ingolstädter Aussiedlerpfarrer zutrifft, steht dahin. Sicher ist aber: Auf dem Felde des Fußballs kennt er sich hervorragend aus, und Leidenschaft für alles rund um den Ball ist dem Protestanten weiß Gott auch nicht fremd. Helmut Küstenmacher wurde 1942 während eines Bombenangriffs im Luftschutzkeller der Berliner Charité geboren. Seine Mutter war dort Krankenschwester. Sein Vater arbeitete in Peenemünde im Stab des Wernher von Braun an der "Vergeltungswaffe" (V1- und V2-Raketen, die Richtung England abgefeuert wurden). Im Alter von fünf Jahren zog Küstenmacher mit seinen Eltern nach Kötzting (heute Bad Kötzing) in der Oberpfalz, wo er sein erstes Fußballspiel erlebte: Der 1. FC Kötzting spielte gegen den Jahn aus Regensburg. Sofort geriet der Bub in den Bann dieses Sports. 1951 zogen die Küstenmachers nach München. Helmut spielte in der Schülermannschaft des Alten Realgymnasiums (heute Oskar-von-Miller-Gymnasium), das er besuchte.

Er stand im Tor. Das Finale der Weltmeisterschaft am 4. Juli 1954 erlebte er anfangs "in einer Badeanstalt", erzählt er. Anpfiff war um 18 Uhr. "Wir saßen um ein kleines Transistorradio herum. Meine Mutter hatte aber gesagt, dass ich zur Halbzeit zu Hause sein muss. " Als der zwölfjährige Helmut brav pünktlich losradelte, lag Deutschland gegen Ungarn 0:2 hinten. "Ich weiß noch, wie ich durch das völlig menschenleere Schwabing gefahren bin, wo wir damals gewohnt haben. Plötzlich ertönte von überall her riesiges Geschrei und kurz darauf wieder. Als ich heimkam, habe ich meiner Mutter zugerufen: Schalte das Radio ein, es müsste jetzt 2:2 stehen! " Das tat es. Max Morlock und Helmut Rahn hatten schnell ausgeglichen. Rahns Treffer zum 3:2-Sieg erlebte Küstenmaher vor dem Empfangsgerät. Unvergessen. Wenige Tage später wurden die Weltmeister in Cabrios von Mercedes über den Münchner Marienplatz chauffiert. Sie ließen sich von der Menge bejubeln. Mitten unter ihnen: Helmut Küstenmacher. Sein größter Star war Helmut Rahn (Rot-Weiß Essen) - "auch deshalb, weil er Helmut hieß". Aber dann wurde er doch Löwen-Fan. Sie hatten damals in München ja sonst nichts.
Christian Silvester
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