Montag, 22. Oktober 2018
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Nasir Kargarzada aus Afghanistan lebt seit 16 Jahren in Ingolstadt - jetzt hat er einen Laden eröffnet

Brücke in eine neue Welt

Ingolstadt
erstellt am 10.10.2018 um 19:57 Uhr
aktualisiert am 14.10.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Im Zehenthof in der Ingolstädter Altstadt gibt es einen neuen Laden. Das kleine Geschäft namens Shamal gehört Nasir Kargarzada. Der 37-Jährige stammt aus Kabul in Afghanistan und lebt seit 16 Jahren in Deutschland. Er verkauft dort afghanische und orientalische Lebensmittel und Spezialitäten.
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Nasir Ahmed Kargarzada vor seinem Laden im Zehenthof. Auch sein Bruder arbeitet hier mit, damit er Land und Leute besser kennen lernt.
Nasir Ahmed Kargarzada vor seinem Laden im Zehenthof. Auch sein Bruder arbeitet hier mit, damit er Land und Leute besser kennen lernt.
Brandl
Ingolstadt
"Mittlerweile leben viele Menschen aus Afghanistan bei uns. In den Supermärkten bekommen sie aber nicht immer alles, was sie aus ihrer Heimat kennen oder gerade möchten. Deshalb habe ich den Laden eröffnet", sagt der gelernte Dreher und Fräser, der im Hauptberuf bei einem Automobilzulieferer in Ingolstadt arbeitet. Es gibt darüber hinaus noch einen anderen Grund, der den zweifachen Familienvater - Kargarzada ist mit einer Deutschen verheiratet - dazu bewog, im Nebenerwerb Einzelhändler zu werden. Seit zwei Jahren lebt auch ein Großteil seiner Familie bei ihm in der Schanz: drei Brüder, vier Schwestern und die Mutter. Der Vater, der seinen Sohn nur einmal in Ingolstadt besucht hat, ist 2007 verstorben. Eine der Schwestern mache zurzeit eine Ausbildung im Klinikum, einer der Brüder absolviere einen Sprachkurs, erzählt er stolz. Der zweite Bruder, Naem, hilft im Laden mit, bis auch er eine Ausbildung beginnen kann. "Es ist mir wichtig, dass sie ihre neue Umgebung und die Leute kennenlernen", sagt Kargarzada. "Außerdem kommen sie so nicht auf dumme Gedanken und verbringen den Tag nicht etwa in einer Spielothek."

Das Shamal - eine Brücke in eine neue Welt mit einer bis dahin unbekannten westlichen Kultur also - diese Hilfestellung hatte Kargarzada nicht, als er nach Ingolstadt kam. "Es war schwer, sich anzupassen, den richtigen Umgang miteinander zu lernen, und herauszufinden, was gut und was schlecht ist", räumt er ein. Fünf Jahre lebte der weltoffene Moslem, wie er sich bezeichnet, nach seiner Ankunft im Wohnheim, musste mit wenig Taschengeld auskommen. Seine Geschwister sollten es dahingehend leichter haben. Und - wenn es nach Kargarzada ginge - andere Flüchtlinge auch. Kargarzada würde ihnen gerne einen Platz einrichten, an dem sie sich aufhalten und lernen können. Vielleicht sogar eine Art gemeinnütziger Verein schwebe ihm vor, erklärt er seine Idee, die er jetzt auch dem Bürgermeister und der Stadt vorstellen möchte. Kargarzada hat auch schon mit den Ehrenamtlichen vom Café International gesprochen. Dort, im Foyer der Werkstattbühne des Stadttheaters, treffen sich regelmäßig Einheimische und Migranten zum kulturellen Austausch, reden und lernen miteinander. Sie seien von seinem Vorhaben begeistert und würden es aktiv mit unterstützen, sagt er.

An eine Zukunft für die Menschen in ihrer ursprünglichen Heimat will Kargarzada nicht glauben. "Ich setze keine Hoffnung in Afghanistan. Dort ist alles noch schlimmer geworden, es ist einfach keine Kontrolle möglich", ist er überzeugt und nennt als Beispiele den Handel mit Drogen (das Land gilt als größter Drogen-exporteur der Welt) und den Einfluss der Mafia. Andererseits mache es ihn oft traurig, wie wenig die Leute in Deutschland über die Zustände dort offenbar informiert sind. Die Familie von Kargarzada hat sie am eigenen Leib zu spüren bekommen. "Ich habe den Krieg erlebt, Tote gesehen", erzählt er. Dreimal sei er von den Taliban gefangen genommen worden. "Einmal, weil ich den falschen Haarschnitt trug, einmal, weil ich verbotene Musik hörte, und einmal, weil ich betteln gegangen bin", erinnert er sich. Ängste, die er heute nicht mehr ausstehen muss. Kargarzada fühlt sich stattdessen längst angekommen in Deutschland. Statt vor der Miliz zu zittern, lebt er mit seiner Familie ein Leben in Freiheit und baut Brücken in die deutsche Kultur - so wie das Shamal.
 

NEUE SERIE

Rund 40 Prozent aller Ingolstädter haben einen Migrationshintergrund. Entsprechend gibt es auch etliche Läden in der Stadt, die sich auf ihre Einkaufsgewohnheiten und Bedürfnisse angepasst haben - in denen aber natürlich auch Deutsche einkaufen. In einer losen Serie stellen wir ab sofort einige Geschäfte vor. Den Auftakt bildet ein neuer afghanischer Laden im Zehenthof.
Michael Brandl
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