Freitag, 18. Januar 2019
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Hans Fegert erzählt in seinem neuen Buch "Ingolstadt im Dritten Reich" Beklemmendes und Bizarres

Eine Stadt preist ihren Führer

Ingolstadt
erstellt am 14.12.2018 um 19:39 Uhr
aktualisiert am 19.12.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Bevor ihm die Ingolstädter zu Tausenden zujubelten, kehrte Adolf Hitler gern im Café Wiedamann ein. Oder er traf seinen alten Weggefährten Ludwig Liebl. Der Mediziner gab das NSDAP-Kampfblatt "Der Donaubote" heraus. Das fand in Ingolstadt viele treue Leser, denn die Stadt offenbarte schon vor der Machtergreifung 1933 eine auffällige Leidenschaft für den Nationalsozialismus. Bis 1945 taten sich zahlreiche Ingolstädter mit Regimetreue und beflissenerer bis bizarrer Pflege des Führerkults hervor. Davon erzählt Hans Fegerts jetzt erschienenes Buch "Ingolstadt im Dritten Reich".
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nFührer findet Volk: Die Stimmung schien angemessen stürmisch zu perlen.1300 Ingolstädter warteten am 7. Oktober 1928 im Schäffbräusaal gespannt auf den Star des Abends, einen aufstrebenden 39-jährigen Rechtsextremen aus Österreich. Doch der zweifelte offenbar noch an der politischen Zuverlässigkeit seiner Zuhörer. "Ich bin nach Ingolstadt gekommen", schmetterte er zu Beginn, "weil ich bei meinem letzten Hiersein den Eindruck gewonnen hatte, dass gerade in Ingolstadt Aufklärung nottut!" Vielleicht war die ideologische Nachhilfe des Gastes nötig. Oder Adolf Hitler erzählte den selben Schmarrn am nächsten Tag auch in Bayreuth. Und dann in Köln. Oder überall.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass der Führer und Chefpropagandist der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) in der Schanz auf nennenswerte Ressentiments stieß. Die immer beliebteren Republikfeinde und Antisemiten füllten in Ingolstadt schon Jahre vor der Machtergreifung 1933 große Säle und Plätze. Hier erzielte die Partei bei den Reichstagswahlen 1930 beachtliche 27,7 Prozent, ihr bestes Resultat in Oberbayern (reichsweit landete sie bei 18,3 Prozent). Wann immer Hitler in die Stadt kam, bereiteten ihm Tausende seiner Anhänger einen lokalen Reichsparteitag. Und er weilte oft hier, nicht nur, weil ihn der Weg nach München, die "Hauptstadt der Bewegung", von Norden auf der B13 zwangsläufig durch die Schanz führte.

Hier wirkte Hitlers Gefährte Ludwig Liebl, Gründer der Liebl-Klinik, ein fanatischer Nationalsozialist der ersten Stunde, Mitbegründer des Ingolstädter Konzertvereins (1916) und des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebunds (1929). Hitler saß gerne im Café Wiedamann oder im Wittelsbacher Hof (heute das Swept Away). In Ingolstadt lebte eine Zeit lang auch Ernst Röhm, Anführer der Sturm-Abteilung (SA), eine Krawall- und Terrortruppe. Im Mai 1934 wurde er Ehrenbürger von Ingolstadt und Namenspatron der Schule in der Flandernkaserne. Im Juni des selben Jahres ließ Hitler Röhm und viele weitere in Ungnade gefallene Nazis ermorden. Die NS-Propaganda bezeichnete diesen Machtkampf als Röhm-Putsch.

Damit ruhte auch Röhms Ehrenbürgerschaft. Doch die Stadt Ingolstadt legte gleich mit zwei neuen Würdenträgern nach, gute Freunde der Schanz: Ludwig Liebl und Adolf Hitler.

nUnheimliche Begegnungen im Stadtarchiv: Als Hans Fegert, Jahrgang 1947, im Ingolstädter Stadtarchiv in die NS-Historie seiner Heimatstadt eintauchte, rechnete er mit dem Schlimmsten. Und fand es auch. Wirklich überrascht hat es ihn aber nicht. Der Autor von inzwischen 13 Büchern zur Stadtgeschichte kennt deren dunkelste Kapitel bereits in aller Abscheulichkeit. Er hat Dutzende Zeitzeugen vor sein Tonbandgerät gesetzt und wertvolle Zeugnisse für die Nachwelt bewahrt; die meisten seiner Gesprächspartner sind längst tot, die Aufnahmen überdauern - inzwischen digitalisiert - im Stadtarchiv. Fegert hat über die Jahre auch beharrlich nach der NS-Zeit in Ingolstadt gefragt, "aber es wollte fast keiner reden - im Grunde will das bis heute keiner". Von einem ist er fest überzeugt: "Es haben damals alle von den Verbrechen der Nazis gewusst, aber keiner gibt es zu."

nDer geballte Wahnsinn: Nach dem ausführlichen Quellenstudium im Stadtarchiv sowie auf der Basis der Arbeiten des Historikers Theodor Straub (geboren 1930) legt Fegert jetzt eine 170-seitige, reich bebilderte Dokumentation über Ingolstadt während des Dritten Reichs vor. Ohne wissenschaftlichen Anspruch ("Das überlasse ich den Studierten"), aber wie immer bei ihm auch für Nichtstudierte überaus verständlich. Fegert, Fuhrunternehmer von Beruf und Heimatforscher aus Leidenschaft, erspart seinen Lesern keinen Abgrund des NS-Reichs. Er bietet das gesamte Spektrum der Unterdrückung. Angefangen bei der Verhaftung von Ingolstädter Nazi-Gegnern (Sozialdemokraten und Kommunisten) nach der Machtergreifung; auf einem Foto sieht man, wie mehrere Männer aus der Polizeiwache im Rathaus geführt werden; sie kamen in "Schutzhaft". Fegert berichtet vom Leiden der Zwangsarbeiter aus den Konzentrationslagern (sie mussten in Ingolstadt Blindgänger entschärfen), beschreibt die Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Bürger ("Die Leute müssen sich doch gefragt haben: Wo sind die denn plötzlich alle hin?") und rekonstruiert die Exekution von 75 Soldaten wegen "Feigheit vor dem Feind" und "Fahnenflucht" am Auwaldsee. Er erinnert auch an die 650 Toten des Bombenkriegs der Alliierten über Ingolstadt. Die Schuld daran, da bezieht Fegert klar Stellung, trugen allein die Nationalsozialisten.

nGanz normale Nazis: Es hat ihn bei der Recherche erstaunt, "wie die Nazis alles im Griff gehabt haben", erzählt Fegert. Jede Berufsgruppe hatte ihre eigene NS-Organisation (er stellt sie im Buch vor). Bis hin zu den Vereinen "hat die NSDAP die ganze Gesellschaft erfasst". Jeder Vereinsvorsitzende wurde zum Vereinsführer. Sein Vater Hans (er starb 1958) habe mal zu ihm gesagt: "Richtig schlimm sind die vielen kleinen Führer." Als Kind habe er das nicht verstanden, erzählt der Autor. Heute, nach der Lektüre ungezählter Seiten Archivmaterial, weiß er, was der Vater meinte: Es waren Tausende ganz normale Nazis, die den Terror am Laufen hielten.

nBriefbombenattentat auf Oberbürgermeister Josef Listl und andere kaum bekannte Geschichten: Am 9. August 1932 ging im Rathaus ein Brief für den Oberbürgermeister ein. Im Vorzimmer entdeckte man gerade noch rechtzeitig, dass sie eine Zündkapsel mit Zündschnur enthielt. Wäre sie detoniert, hätte es Josef Listl vermutlich die Hände und das Gesicht zerrissen. Beigefügt war ein Flugblatt mit dem Text: "Mach dich gefasst du Sauhund, du kommst als erster dran! Rache. Rache. Rache." Der Absender konnte nie ermittelt werden. Listl (1893 - 1970), Bauernsohn aus der Nähe von Kelheim, galt vielen als Ingolstadts Obernazi. Er wurde 1930 Stadtoberhaupt, da noch als Parteiloser. 1933 trat er der SA und der NSDAP bei. Ob er ein überzeugter Nationalsozialist war, ist umstritten. Fegert meint: eher nicht. "Er hat seine SA-Uniform nur dann angezogen, wenn es nicht anders ging."

1956 wählten die Ingolstädter Listl - jetzt CSU-Mann - erneut zum OB. Er blieb es bis 1966. Bei vielen war er hoch angesehen. Und über die Nazi-Zeit sprach man damals sowieso nicht.

Fegert hat noch mehr solcher überraschender Geschichten ausgegraben. Etwa die vom Moritzpfarrer Götz, der schon 1923 in der Franziskanerkirche einer Standarte der SA den "göttlichen Segen" erteilte. Richtig bizarr ist die Postkarte mit einem Luftbild von Ingolstadt, in das anstelle der Donau ein Park hineinretuschiert wurde. Das sollte den britischen Geheimdienst täuschen; dessen Agenten sammelten alles, was sie für den Kriegsfall an Aufklärungsmaterial über den Feind finden konnten. Am Ende haben dann die Guten gesiegt.



Christian Silvester
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