Samstag, 20. Oktober 2018
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Straßenambulanz setzt bei ihrem Sommerfest auf Unterhaltung und Informationen

Eine Feier ganz ohne Alkohol

Ingolstadt
erstellt am 12.08.2018 um 18:16 Uhr
aktualisiert am 16.08.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Zwischen Moritzkirche und Xaver Mayr lässt es sich gut feiern. Das haben die Organisatoren und Gäste der Straßenambulanz jetzt bereits zum wiederholten Mal unter Beweis gestellt. In der Passage zwischen Unterer Pfarr und Modehaus fand am Samstag das Sommerfest dieser Anlaufstelle für sozialschwache Mitbürger statt, die aus Ingolstadt nicht mehr wegzudenken ist. Bei Führungen durch die Einrichtung erfuhren Besucher auch, warum das so ist.
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Gute Laune beim Sommerfest der Straßenambulanz ? auch dank des Duos ?Oma und Clownesse? (vorne), das keine Kontaktscheu im Umgang mit den Gästen zeigte. Für musikalische Unterhaltung sorgten die Hundsgrübbl aus Hilpoltstein.
Gute Laune beim Sommerfest der Straßenambulanz ? auch dank des Duos "Oma und Clownesse" (vorne), das keine Kontaktscheu im Umgang mit den Gästen zeigte. Für musikalische Unterhaltung sorgten die Hundsgrübbl aus Hilpoltstein.
Fotos: Eberl
Ingolstadt
Feiern kann man auch ohne Alkohol. Das ist bei der Straßenambulanz ein eherner Grundsatz. Denn auch wenn mancher meint, dass ein Gläschen doch nicht schaden könne - was das ganze Jahr im Haus der Nothelfer gilt, das wird auch bei einem Sommerfest beherzigt: Geselligkeit und hoffentlich gute Gespräche kommen auch ohne Promille zustande. Damit niemand, der vielleicht doch ein größeres Problem mit Bier, Wein und Schnaps hat, noch dort in Versuchung geführt wird, wo ihm doch zumindest ein wenig weitergeholfen werden soll.

Also gibt es an diesem Samstag Gegrilltes von der Bude und Limo oder Säfte, auch alkoholfreies Bier dazu. Und die Tischreihen in dem kleinen Innenhof sind mittags gut gefüllt - mit Passanten, die mal für eine Stunde vorbeischauen, aber natürlich auch mit manchem Dauergast, der die Ambulanz auch alltags besucht. "Bei einigen sieht man es natürlich", sagt Oliver Markgraf, neben Bruder Martin seit Jahren die zweite hauptamtliche Kraft der Hilfseinrichtung an der Moritzstraße, "doch bei anderen würden Sie nicht vermuten, dass die jeden Tag mittags bei uns essen."

Bruder Martin, der die Ambulanz gegründet hat und den die ganze Stadt kennt, steht vorne an der Straße beim Bücherverkauf, den es hier öfter gibt und der auch diesmal etwas abwirft. Auch wenn längst nicht jeder stehen bleibt, ist der Chef bereits um die Mittagszeit zufrieden - nicht nur mit seinen Verkäufen, sondern auch mit dem gesamten Ablauf. "Das beste Sommerfest bislang", wagt er schon drei Stunden vor dem Ende zu behaupten, und er muss es ja wissen. Am Stand nebenan werden Kräuterbüschl für Mariä Himmelfahrt und Marmelade verkauft. Frauen wie Paula Bayerlein und Maria Haas aus Stammham, die sich der guten Sache verbunden fühlen, sind immer wieder dabei, wenn es darum geht, Bruder Martin bei seinen kleinen Aktionen, die ja auch ein Stück Öffentlichkeitsarbeit sind, zu unterstützen.

Weil es eben nicht nur ums Feiern geht, sondern auch um die Wahrnehmung der Straßenambulanz in der Stadt bei allen, denen es gut oder sogar besser geht, werden an diesem Tag auch Führungen angeboten. Während Oliver Markgraf am Eingang noch Teilnehmer für den nächsten Rundgang um sich schart, wird er von einer Frau angesprochen, die nur kurz vorbei schaut: Ganz neue Handtücher und Unterwäsche hat sie daheim übrig - wann sie das mal vorbeibringen darf, will sie wissen.
 
Fotos: Eberl
Ingolstadt



Es sind diese kleinen Kontakte zu spontanen oder dauerhaften Unterstützern, die auch gepflegt sein wollen. Denn Bedarf gibt es immer, vor allem an Wäsche für Männer, die nach wie vor den Großteil der "Kundschaft" ausmachen, auch wenn der Frauenanteil mittlerweile steigt, wie Oliver Markgraf bei der Führung betont. Armut, soziale Schieflagen, mitunter auch Schicksalsschläge, die Menschen aus der Bahn werfen, sind nun mal nichts Geschlechtsspezifisches.

Rund 80, mitunter bis zu 100 Gäste hat die Ambulanz werktäglich, erfahren die Besucher beim Rundgang durch den Altbau, dessen Obergeschosse inzwischen voll und ganz von der Hilfseinrichtung genutzt werden. Die meisten kommen, um zumindest einmal am Tag eine ordentliche Mahlzeit zu erhalten, aber auch die kleinen und mitunter sogar größeren Wunden, die das Leben auf der Straße oder in Notunterkünften mit sich bringt, wollen versorgt sein. Die Erstbehandlung von Verletzungen ist ja der Basisdienst der Ambulanz, und alle zusätzlichen Dienstleistungen wie Möglichkeiten, die Körperhygiene auf ein Mindestmaß zu bringen, mal etwas Wäsche waschen oder (in Ausnahmefällen) auch mal in einem Stockbett übernachten zu können, sind im Laufe der Zeit hinzugekommen.

Alle Führungsteilnehmer (mittags sind es um die 20) sind beeindruckt von der freundlichen Atmosphäre und der gediegenen Dekoration der Räume, natürlich auch von der Sauberkeit, für die ein Putzdienst Sorge trägt, wie Oliver Markgraf bekennt. Von den Experimenten, die Räume mit Hilfe der Nutzer zu pflegen, ist man im Laufe der Zeit weggekommen. Gründlichkeit und Zuverlässigkeit, diese Wahrheit gehört auch dazu, sind nun einmal nicht die Stärke vieler Dauergäste.

Dass dieser Service für die Ärmsten auch etwas kostet, ist ja keine Frage. Die ganze Stadt bekommt über die regelmäßigen Spendenfotos mit Bruder Martin als Empfänger im DK-Lokalteil ja regelmäßig mit, wenn wieder ein namhafter Betrag für die Straßenambulanz eingegangen ist. "Da sind einige schon neidisch", weiß Martin Berni, aber die wenigsten, so sagt er, denken daran, dass es ausschließlich diese Spendengelder sind, von denen der gesamte Apparat in Gang gehalten werden muss. Ohne die rund 25 Ehrenamtlichen und einige junge Praktikanten, die schon mal von den Schulen kommen, ginge es sowieso nicht. Die 1000 Euro, die man monatlich als Zuwendung von der Stadt erhält, gehen fast ausschließlich für Miete (an die Katholische Kirche) und Nebenkosten drauf. Dann ist noch keinem Menschen geholfen.

Und das Sommerfest, bringt das nicht auch etwas ein? Nein, sagt Bruder Martin, denn die Betreiber der Verzehrstände und die für die Unterhaltung engagierten Musiker wollen offenbar doch etwas Geld sehen. Insgesamt zahle man wohl sogar ein wenig drauf, so die Auskunft. Aber eine solche PR-Aktion kostet nun mal. Der Ambulanzgründer sieht es ganz pragmatisch: "Man muss auch mal etwas investieren."
Bernd Heimerl
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