Freitag, 20. Juli 2018
Lade Login-Box.

Gemischte Stimmung in der Audi-Belegschaft: Einige sind angespannt, andere wütend, manche aber auch zuversichtlich

Kollektives Schulterzucken in turbulenten Zeiten

Ingolstadt
erstellt am 11.07.2018 um 21:11 Uhr
aktualisiert am 15.07.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Schon auf dem Weg in die Betriebsversammlung ist so manchem Audi-Mitarbeiter die schlechte Stimmung anzusehen.
Textgröße
Drucken
"Ich hoffe ja, ich werde positiv statt negativ überrascht", sagt eine Frau, etwa vierzig, adrettes Kostüm. Sonderlich zuversichtlich wirkt sie nicht. Sie sei angespannt, gesteht sie ein. "Die Stimmung könnte besser sein, gerade, wenn der Chef in Untersuchungshaft sitzt", wirft ihr Begleiter, ein Mann um die fünfzig, leger gekleidet, ein. "Aber das wird wieder", ist er ganz positiv - noch.

Während der Versammlung kommen dann immer wieder einzelne Mitarbeiter aus der Türe, eilen zurück an den Arbeitsplatz oder gehen direkt auf den Parkplatz zu ihrem Auto. Ein Arbeiter, etwa 50, stürmt regelrecht vom Gelände. Wie er sich nach der Versammlung fühlt? "Nicht gut", schimpft er, winkt ab. Sein Gesicht spricht Bände.
"Jeder nimmt die Veränderungen anders auf", erklärt ein anderer Arbeiter, etwa Anfang 20, als er sich auf dem Weg zum Auto eine Zigarette anzündet. Er beurteilt die Situation im Unternehmen aber immer noch positiv, sagt er und zuckt mit den Schultern. Ein durchweg optimistischer Blick in eine prosperierende Zukunft des Unternehmens sieht anders aus. Einige Meter weiter sind zwei junge Männer aber anderer Meinung. "Wir wissen nicht, wie es weitergehen wird mit Audi. Da schwankt die Stimmung", sagt der eine und spielt mit dem Träger seiner Arbeitshose. Der andere starrt auf seine Turnschuhe. Er frage sich, was das für seinen Arbeitsplatz bedeutet, sagt er leise.
 

Der Betriebsrat über die Versammlung

 
 


Deutlicher wird ein Bandarbeiter, etwa 50, mit Bart, seine Hände vorne in die Latzhose gesteckt. Er steht neben seinem blauen A4 auf dem Parkplatz,. Der Motor läuft schon, der Mann will nur noch nach Hause. Zuerst Schulterzucken und betretenes Schweigen auf die Frage, wie die Stimmung im Unternehmen ist. Dann aber platzt es heraus. "In einer Fußballmannschaft wird nach einer Serie von Niederlagen auch der Trainer entlassen, nicht die Mannschaft", wettert er. So müsse es bei Audi auch sein. Von Bram Schot hält er wenig, der sei "höchstens eine Übergangslösung".

Gerade ist bekannt geworden, dass nur ein paar hundert Meter weiter der Betriebsrat vor wenigen Minuten einen personellen Neuanfang in der Führungsriege gefordert hat. Der Mann mit den Händen in der Latzhose nickt energisch. Ja, genau so sehe er das auch. "Aber wir sind nur die kleinen Arbeiter", sagt er resigniert, scharrt mit dem Arbeitsschuh über den Asphalt, "entschieden wird immer nur ganz oben. " Da habe man keinen Einfluss darauf - auch wenn er gerne so einiges verändern würde. Ein Mann in einer blauen Audi-Fleecejacke einige Meter weiter hört aufmerksam zu, als er sein Auto aufsperrt. Er sehe das ganz genauso, murmelt er, steigt ein und fährt davon.

Dann, es ist etwa 16 Uhr, ist die Versammlung vorbei, die Massen strömen aus dem Gebäude. Viele eilen mit müden, manche wenige mit wütenden Mienen zu ihren Autos und brausen davon. Einige aber, vor allem die, die in Gruppen unterwegs sind, machen Scherze, lachen gemeinsam. Das nächste Mal gehe es dann wieder um das schlechte Kantinen-Essen, witzelt einer. Ganz positiv wirkt auch ein etwa 30-jähriger Mann auf dem Weg zu seinem Parkplatz. "Ich fand die Stimmung da drin ganz gut", resümiert er. "Es gab zumindest keine Buh-Rufe", sagt er mit einem Augenzwinkern. Was er vom neuen Chef hält? Schulterzucken. "Ich habe den Mann heute das erste Mal gesehen", erklärt er, macht eine Pause, "das muss ich auch alles erst auf mich wirken lassen. "

Genauso sieht es ein etwa 25-Jähriger, der ein paar Schritte weiter gerade sein Radschloss aufsperrt. Er ist leger gekleidet, in Karohemd und Jeans. Über den neuen Chef hat er sich noch keine Meinung gebildet, auch nicht zu dem, was in der Versammlung angekündigt wurde. Eines aber möchte er dann doch noch loswerden: "Worte sind ja ganz schön. Aber alles, was ich da drin gehört habe, sagt man uns schon seit zehn Jahren. Irgendwann müssen auch mal Taten folgen. Gerade in solch turbulenten Zeiten. "
Sophie Schmidt
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!