Mittwoch, 19. September 2018
Lade Login-Box.

Gesamtbetriebsratsvorsitzender Peter Mosch fordert personelle Änderung an Unternehmensspitze

"Ein ,Weiter so' akzeptieren wir nicht"

Ingolstadt
erstellt am 11.07.2018 um 21:23 Uhr
aktualisiert am 15.07.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Es war die zweite Betriebsversammlung bei Audi in diesem Jahr, die erste seit der Verhaftung des mittlerweile beurlaubten Vorstandsvorsitzenden Rupert Stadler. Gesamtbetriebsratsvorsitzender Peter Mosch sprach sich gestern vor rund 10000 Beschäftigten für personelle Änderungen an der Unternehmensspitze aus. Audi müsse sich an der Spitze nachhaltig aufstellen. "Ein ,Weiter so' akzeptieren wir nicht."
Textgröße
Drucken
Wohin geht die Reise? Eine angespannte Atmosphäre herrschte gestern bei der Audi-Betriebsversammlung. Gesamtbetriebsratsvorsitzender Peter Mosch fordert einen personellen Neuanfang an der Unternehmensspitze.
Wohin geht die Reise? Eine angespannte Atmosphäre herrschte gestern bei der Audi-Betriebsversammlung. Gesamtbetriebsratsvorsitzender Peter Mosch fordert einen personellen Neuanfang an der Unternehmensspitze.
Fotos: Hauser/Audi
Ingolstadt
Es gibt viele drängende Themen bei dem Ingolstädter Autobauer: Rupert Stadler, der langjährige Vorstandsvorsitzende, infolge des Diesel-Gates seit mehr als drei Wochen in Untersuchungshaft, mittlerweile beurlaubt und durch Interimschef Bram Schot ersetzt, nachhaltige Probleme bei der Umstellung auf den neuen Abgastest-Zyklus WLTP (Worldwide harmonized Light vehicles Test Procedure). Wie berichtet, ziehen diese eine Verlängerung der Werksferien auf den B-Linien (A4/A5) um zwei Wochen und die Streichung einer Schicht auf der A-Linie (Q2/A3) für mehrere Wochen nach sich. Kein Wunder, dass unter diesen Umständen gestern deutlich mehr Beschäftigte zur Audi-Betriebsversammlung kamen als sonst. Rund 10000 Menschen wollten hören, was ihnen der Betriebsrat und die Unternehmensleitung zu sagen hatten. Bei "normalen" Betriebsversammlungen sind es in der Regel nicht mehr als 7000.
 
Was die Beschäftigten der Produktion sicher am meisten interessierte: Die drei Schichten bleiben - bis auf die genannten Ausnahmen - erhalten. Trotz der Herausforderung WLTP sei es gemeinsam mit dem Unternehmen gelungen, eine Produktionsfahrweise im Sinne der Belegschaft zu vereinbaren, sagte Ingrid Seehars im Bericht des Betriebsrates. "Unser Schichtsystem bleibt erhalten, die Belegschaft muss keine finanziellen Einbußen hinnehmen und das Unternehmen gleicht den betroffenen Audianern die entfallene Arbeitszeit anteilig aus. Das ist ein großer Erfolg", so Seehars. Für die Beschäftigten - vor allem der Nachtschicht - ist das eine gute Nachricht.

 

Der Betriebsrat über die Versammlung

 
 


Der Name Rupert Stadler wird in der nach der Versammlung vom Betriebsrat verschickten Presseerklärung nur einmal erwähnt. "Nach den Ereignissen der letzten Wochen, die in der Verhaftung des Vorstandsvorsitzenden der Audi AG, Rupert Stadler, gipfelten, sehen die Audi-Arbeitnehmer Handlungsbedarf, um das Unternehmen auf Erfolgskurs zu halten." Audi-Gesamtbetriebsratschef Peter Mosch forderte einen "Neustart, der jetzt gezündet werden muss". Als die wichtigsten Stufen dabei nannte er einen personellen sowie nachhaltigen Wechsel an der Spitze des Unternehmens, den konsequenten Abschluss der Dieselaufklärung sowie eine strategische Fokussierung des Unternehmens auf die Audi-Kernelemente. "Audi muss weiter die Technologieschmiede des Volkswagen-Konzerns sein und bleiben. Nur so sichern wir weiter Wirtschaftlichkeit und Beschäftigung. Daran muss sich die Unternehmensleitung orientieren", so Mosch.

Trotz herausfordernder Zeiten sehen die Arbeitnehmervertreter das Unternehmen für einen Neustart gerüstet. "Unsere Beschäftigungsgarantie bis Ende 2025 steht, unser Zusammenhalt ist ungebrochen und unsere Produkte sind stärker denn je. Darauf aufbauend muss das Unternehmen nun in eine neue Zukunft starten. Bram Schot muss als kommissarischer Vorstandsvorsitzender den Weg in diese ebnen", so Mosch.
 
Fotos: Hauser/Audi
Ingolstadt



Die sichere Zukunft des Audi-Standorts Ingolstadt stand auch im Bericht des Betriebsrates im Fokus. Ingrid Seehars sprach sich neben einer stabilen Auslastung des Ingolstädter Werks auch für die Notwendigkeit aus, den Standort mit über 44000 Beschäftigten weiter für die Zukunft zu rüsten. "Die Einrüstung unserer Werke für die E-Mobilität konnten wir durchsetzen. Jetzt muss die Unternehmensleitung die nächsten Schritte gehen und unter anderem auch eine eigene Audi-Batteriefertigung in Ingolstadt realisieren." Diese sei mit ein Baustein für eine Zeit, die im Zeichen alternativer Antriebe stehe. Die Entscheidung dafür müsse jetzt fallen. "Auch das wird ein Signal für einen gelungenen Neustart sein", so Seehars.

Bei der Betriebsversammlung habe zunächst "eine gespannte Stimmung" geherrscht, sagt ein Teilnehmer. Mosch habe aber "zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Worte gefunden". Trotz des Wunsches auf eine personelle Neuausrichtung sei in der Versammlung mehrfach darauf hingewiesen worden, "Rupert Stadler als Mensch nicht zu vergessen". Stadler habe viel für das Unternehmen geleistet und einen fairen Umgang verdient. Die jetzige Untersuchungshaft werde von vielen Beschäftigten nicht als solcher empfunden.

Auch der kommissarische Vorstandsvorsitzende Bram Schot soll für seine Worte viel Beifall bekommen haben. "Es war ein sehr offener und sympathischer Auftritt", berichtet eine Beschäftigte. In der Versammlung habe er betont, er könne nichts für die aktuelle Situation, möchte aber von den Mitarbeitern, dass diese "nicht darauf schauen, was in 15 Jahren passieren könnte, sondern, was man sofort tun kann, um Autos zu verkaufen", erzählt ein Audianer. Ein offizielles Statement der Unternehmensleitung gab es zur gestrigen Betriebsversammlung nicht.

Genau beobachtet wird die Entwicklung bei Audi natürlich auch bei den umliegenden Firmen. "Viele sind ja von Audi abhängig", sagt ein Insider, der vor allem hofft, dass Audi die Diesel-Problematik in den Griff bekomme. "Nach zwei Jahren darf schon erwartet werden, dass endlich Alternativen gefunden werden."
 

Kommentar

Keinen Tag zu spät rückt nun auch der Betriebsrat öffentlich vom beurlaubten Vorstandsvorsitzenden Rupert Stadler ab. Natürlich gilt für den in U-Haft sitzenden Manager nach wie vor die Unschuldsvermutung - aber weder intern noch extern wäre ein weiteres Festhalten an Stadler vermittelbar gewesen. Insofern ist die Ansage aus der Betriebsversammlung ohne Alternative, will man den Aufbruch in die Zukunft signalisieren. Ob das reichen wird, das Vertrauen in den Konzern wieder herzustellen, wird sich zeigen. Denn es gibt ja, wie schon mehrfach berichtet, etliche Probleme, für die der Konzern noch keine Lösung gefunden hat. Zumindest gab es jetzt für die Beschäftigten ein paar Zuckerl: den finanziellen Ausgleich für die ausgefallenen Schichten und das Festhalten an der Beschäftigungsgarantie. Das und der offenbar sympathische Auftritt des Interims-Chefs Bram Schot haben intern wohl ein bisschen Druck aus dem Kessel genommen. Thorsten Stark
Ruth Stückle
Kommentare
Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!