Dienstag, 18. Dezember 2018
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Drei Ingolstädter Schulen wurden für ihre digitale Bildung ausgezeichnet - Zu Gast in Klassenzimmern auf der Höhe der Zeit

Die Zukunft kann kommen

Ingolstadt
erstellt am 04.12.2018 um 19:32 Uhr
aktualisiert am 07.12.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Der neue Kultusminister Michael Piazolo (FW) hat 111 bayerischen Schulen Auszeichnungen verliehen, darunter drei aus Ingolstadt. Die FOS/BOS erhielt gleich zwei: "MINT-freundliche Schule" und "Digitale Schule". Die Tilly-Realschule darf sich fortan "MINT-freundlich" nennen (die Abkürzung steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), "Digitale Schule" ist sie bereits. Das MINT-freundliche Katharinen-Gymnasium bekam das Prädikat "Digitale Schule" dazu. Aber wie drückt sich das eigentlich im Unterricht aus? Wo liegen die Vorteile digitaler Medien? Und wo enden sie? Zu Besuch in den drei Schulen.
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iPads statt Papier: Die Tilly-Realschule hat als erste Schule in Ingolstadt alle Schulbücher abgeschafft. Hefte führen die Schüler (hier die Klasse 6b) aber weiterhin.
iPads statt Papier: Die Tilly-Realschule hat als erste Schule in Ingolstadt alle Schulbücher abgeschafft. Hefte führen die Schüler (hier die Klasse 6b) aber weiterhin.
Eberl
Ingolstadt

Private Tilly-Realschule

"Das Mädchen aß einen Apfel." Klarer Fall: Vergangenheitsform. Bayerische Schüler verwenden die lateinischen Fachbegriffe. Also lautet die richtige Antwort: "aß" ist Präteritum. Die Schüler der Klasse 6b geben die Lösung auf ihren iPads ein. Hier stehen die Sätze, deren Zeitformen sie bestimmen müssen. Christine Wanisch, Lehrerin für Deutsch und Mathematik an der Tilly-Realschule, hat die Aufgabe auch auf die elektronische Tafel im Klassenzimmer übertragen. Satz für Satz, Tempus für Tempus tippen und wischen sich die Schüler auf den Tablet-Computern vorwärts. Die Geräte gehören der Schule; sie wurden komplett von den Eltern finanziert.

Die Realschule wird gemeinsam mit der Wirtschaftsschule von der Dr. Limmer-Prof. Appelt GmbH getragen. Seit ihrer Gründung 2010 legt sie einen Schwerpunkt auf die MINT-Fächer. Im ganzen Schulhaus gibt es rund 300 Rechner neuen Typs. Ab der sechsten Klasse kommen in der Realschule iPads zum Einsatz. In der 6b erklärt Jonas Reisinger deren Vorzüge: "Es geht alles einfach viel schneller. Wir laden Übungsaufgaben, Proben, Lernprogramme oder Lehrvideos aus der Cloud unserer Schule herunter und können sofort damit arbeiten. Mit Tablets kann man auch besser Ordnung halten", erzählt Jonas. Kein Zettelverhau mehr. "Die Dateien sind alphabetisch geordnet." Und der wohl größte Reiz des Digitalen: "Es ist alles viel spannender!"

Die junge Lehrerin Christine Wanisch weiß die neue Technik ebenfalls zu schätzen. Auch für die Mathematik gebe es sehr gute, motivierende Lernprogramme, erzählt sie. Die verlinkt sie auf die Geräte der Schüler. Daheim müssen sie online Aufgaben lösen, derzeit Bruchrechnen. Für richtige Lösungen gibt es Punkte. "Wenn jeder zum Beispiel mindestens 200 Punkte erreichen muss, prüfe ich das auf Screenshots der Endergebnisse nach, die ich mir von den Schülern schicken lasse." Einmaleins 4.0. Und wenn ein Kind Probleme mit dem Stoff hat, erkennt Christine Wanisch das auch sofort.

Technik ersetzt keine Pädagogik. Dies festzuhalten, ist Marion Chmielewski, der Schulleiterin, sehr wichtig. Digitale Medien können - und sollen - den klassischen Unterricht nur unterstützen, vor allem "spielerisch, weil sie die Motivation erhöhen". Technologie erfordere vielmehr Pädagogik, "denn man kann nicht mit allen einverstanden sein, was die Digitalisierung bringt". Etwa Angriffe im Netz. Oder ein eingeschränktes, verzerrtes Bild von der Welt. "Es ist unsere Aufgabe, den Kindern einen kritischen Umgang mit dem Internet beizubringen! Sie müssen lernen, dass Google nicht die alleinige Wahrheit liefert. Um die Dinge beurteilen zu können, die in der Welt passieren, benötigt man Hintergrundinformationen - und die fehlen oft." Hier füllen die Schulen die Lücken, die das Internet mit seinen Abermilliarden Informationen reißt.

Für die Recherche seien iPads ideal, sagt die Direktorin. Wie die gewonnenen Fakten zu bewerten und einzuordnen sind, lernen die Kinder ganz klassisch. Ohne Netz. Im Klassengespräch.

Auf einem Feld der Digitalisierung ist die Tilly-Schule Pionier in Ingolstadt: Hier gibt es keine Schulbücher mehr - alles steht in der Cloud und im Endgerät. "Vor allem, um die Schüler beim Gewicht zu entlasten", sagt Marion Chmielewski. "Früher habe ich mir oft gedacht: Dort geht ja mehr Tasche als Kind!"
Tablet-PCs, Stifte und Mappen: Im Unterricht von Alexander Schöner am Katharinen-Gymnasium (hier Geschichte in der Q12) kommen analoge wie digitale Werkzeuge zum Einsatz. Bei dieser Kombination soll es auch bleiben. Tablet-PCs werden im Katherl wohldosiert genutzt.
Tablet-PCs, Stifte und Mappen: Im Unterricht von Alexander Schöner am Katharinen-Gymnasium (hier Geschichte in der Q12) kommen analoge wie digitale Werkzeuge zum Einsatz. Bei dieser Kombination soll es auch bleiben. Tablet-PCs werden im Katherl wohldosiert genutzt.
Eberl
Ingolstadt



Schulhefte führen die Schüler aber weiterhin. "Selbstverständlich verschwinden die nicht! So lernen sie, Strukturen zu schaffen. Auch die Handschrift darf nie vernachlässigt werden!" Da ist man im online-begeisterten Hause Tilly gerne old school.


Katharinen-Gymnasium

Auch Mathelehrer gehen mit der Zeit. Früher, erzählt Rudolf Schweiger, habe er öfter im Direktorat angerufen und gefragt: "Ich habe den Vertretungsplan nicht gelesen. Stehe ich drin?" Das ginge heute nicht mehr, sagt der Leiter des Katharinen-Gymnasiums. Denn jetzt sehen alle Kollegen den Vertretungsplan auf dem Handy. Über eine App. Und die haben die eigenen Schüler programmiert. So ist das heute.

Ob 3D-Druck und Robotik in Wahlfächern oder von Schülern produzierte Lehrvideos im regulären Unterricht - die "Digitale Schule" war im Katherl schon weit gediehen, bevor das Kultusministerium mit dem Gütesiegel kam. Doch die Schule setzt der Moderne Grenzen: "Nicht alles, was heute technisch machbar ist, ist auch sinnvoll", sagt Alexander Schöner, Lehrer für Geschichte und Englisch, der Digitalkoordinator der Schule. "Mit einem Englisch-Lernprogramm kann man zum Beispiel chatten. Aber die Schüler sollen nicht chatten! Die sollen mit einander reden." Digitale Unterrichtsmedien, sagt er, "müssen immer einen Mehrwert bieten. Sie dürfen nie Selbstzweck sein." Die iPads der Schule seien sehr praktisch, weil eine Klasse für Softwareanwendungen nicht extra in einen Computerraum müsse. Aber man setze sie nur wohldosiert ein, berichtet Schweiger. "Zwei Schüler teilen sich eins, und nach der Stunde kommen sie zurück in den Koffer." Das Katherl "will keine Laptop-Schule sein - für so was haben wir uns nie beworben". Die Schüler lernen dennoch viel Relevantes für die neue Zeit, etwa die Produktion von Bewerbungsvideos, die immer mehr Unternehmen erwarten, oder die Bedienung einer Lernplattform. "Das setzen die Hochschulen heute voraus."

Von der Digitalisierung, sagt Schöner, "profitieren nicht nur die MINT-Fächer, sondern alle Fächer". In Geschichte zum Beispiel vertiefen seine Schüler ihr Grundwissen, indem jeder für sich Fachbegriffe (etwa Lehenssystem) definiert und dann über eine App mit den Klassenkameraden teilt; gegenseitige Verbesserungsvorschläge gehören zum Konzept dieser Anwendung. Mit der Vernetzung der Schülertexte entsteht eine kleine, interne Wikipedia mit beachtlichem Lerneffekt. Oder: Beim Produzieren der Lehrvideos (Schüler setzen zum Beispiel gern physikalische Versuche ins Bild) werden auch die rhetorischen Fähigkeiten geschult. "Das ist sehr hilfreich."

"Technologie wird den Lehrer nie ersetzen", sagt Schöner. "Die Schule wird sich nie so weit verändern, dass alles digital ist. Und sie darf sich auch nie so weit verändern! Sie muss die Risiken und Chancen der digitalen Zeit bewusst machen. Das ist die ureigenste Aufgabe von Schule!"


Fach- und Berufsoberschule

Die Ingolstädter FOS/BOS ist die einzige Schule ihrer Art in Bayern, die mit den Qualitätssiegeln MINT und Digitale Schule ausgezeichnet wurde; darüber freut man sich in der Flandernkaserne sehr. Schulleiter Erich Winter zeigt sofort auf die Kolleginnen: "Eine ganz tolle Teamleistung!"
Großer Erfolg für die FOS/BOS Ingolstadt. Die Verleihung der beiden Auszeichnungen fand bei Google in München statt: Vorne (v.l.): Maria Heller, stellvertretende Schulleiterin, Kathrin Bührle, MINT-Fachbetreuerin des Hauses, und Direktor Erich Winter.
Großer Erfolg für die FOS/BOS Ingolstadt. Die Verleihung der beiden Auszeichnungen fand bei Google in München statt: Vorne (v.l.): Maria Heller, stellvertretende Schulleiterin, Kathrin Bührle, MINT-Fachbetreuerin des Hauses, und Direktor Erich Winter.
Fabian Vogl
Ingolstadt



In der FOS/BOS sind es überwiegend junge Lehrerinnen, die auf den MINT-Feldern mit Elan und Leidenschaft vorangehen; seit Jahren schon. "Ja, es ist einiges ins Rollen gekommen", sagt Kathrin Bührle, die MINT-Fachbetreuerin. Sie zählt auf: reger Austausch mit der TH Ingolstadt der TU München, vielen Unternehmen und dem Max-Planck-Institut; bald lernen die Schüler dort in einem Labor die Teilchenphysik näher kennen. Dazu kommen eigene Projekte, etwa zur Gentechnik oder von Schülern versammelte Expertenrunden im "Junior Science Café".

Es gelten klare Prämissen. Etwa: Beständigkeit. "Wir wollen keine einmaligen Projekte, sondern etablieren sie, indem wir sie Jahr für Jahr fortführen", erzählt Julia Schwimmer, Lehrerin für Mathematik und Physik. Ferner: eine starke Vernetzung aller Fachschaften. "Die Schüler gehen multiperspektivisch an die Dinge heran", sagt Maria Heller, die stellvertretende Schulleiterin. Das fördere den Austausch mit dem Wirtschaftszweig und dem Sozialwesen des Hauses. "Denn man muss immer die gesellschaftlichen Auswirkungen von Wissenschaft und Digitalisierung beachten. Das seriös zu begleiten, ist eine Herausforderung für die Schulen." Es genüge nicht, ergänzt Kathrin Bührle, "nur ein Smartphone benutzen zu können". "Wir haben die gesellschaftliche Relevanz immer im Blick", sagt Julia Schwimmer, die Physikerin, "weil es immer um Fragen der Zukunft geht."

Eine weitere Prämisse ist die Einbettung der Digitalisierung in den Unterricht. "Technik darf nie zum Selbstzweck werden", sagt die Informatiklehrerin Sylvia Utz. Fähigkeiten wie die App-Programmierung "kommen bei uns nicht on top, sondern sind auf den Lehrplan abgestimmt".

Im Zeichen der grassierenden Digitaleuphorie merken die vier Lehrerinnen eines kritisch an: "Der Fokus liegt zu sehr auf der Technik, nicht auf dem Personal." Lehrer bedürfen der Fortbildung, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Doch da mangle es an Möglichkeiten. Oder die Pflege der IT-Infrastruktur in der FOS/BOS mit fast 1600 Schülern: "Das erledigen wir zu zweit", berichtet Sylvia Utz. "Wir bekommen dafür zwar Anrechnungsstunden, aber es wird eben immer mehr." Sie macht auch richtig Arbeit, diese Digitalisierung.


 
Christian Silvester
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