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Blindflug durch Blau und Orange

Dichter
erstellt am 09.02.2017 um 21:33 Uhr
aktualisiert am 13.02.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Dichter Nebel oder Aufwirbelungen von Sand und Schnee durch die Rotorblätter sind für Hubschrauberpiloten enorm gefährlich. Am Flugplatz Manching werden derzeit neue technische Sichtmöglichkeiten erprobt - und dafür jede Menge Rauch erzeugt.
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Dichter: Blindflug durch Blau und Orange
Sicht gleich Null: Eine orange Folie am Hubschrauber und eine blaue am Helm sind in der Kombination dafür verantwortlich, dass der Pilot nichts mehr sieht. In der Messstation wird der Flug überwacht. - Fotos: Hauser
Dichter

Die Lizenz zum Handgranatenwurf hat bei der Bundeswehr nicht jeder. Sven Baldauf schon. An diesem eiskalten Donnerstagmorgen zünden der Hubschrauber-Testpilot und ein Kamerad immer wieder Rauchgranaten auf der Wiese am östlichen Ende der nördlichen Startbahn des Manchinger Flugplatzes. Und es macht ihnen sichtlich Spaß.

"An diesem Standort gibt es wenige Soldaten", erklärt Baldauf seinen für einen Oberstleutnant eher ungewöhnlichen Einsatz. Die Aufgabe: Das Gelände vernebeln. Dafür haben die Soldaten gleich einen ganzen Kofferraum mit Rauchgranaten aus einer Kalium-Magnesium-Mischung mitgenommen. "Umweltunschädlich", sagt Baldauf. Die Kameraden von den Ingolstädter Pionieren hätten ja gern geholfen. Aber deren Nebelwerfer sind dann doch nicht ganz so harmlos. . .

Fotostrecke: Piloten testen Flug ohne Sicht
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Anfangs zünden die beiden sechs Granaten, später dann gleich acht, damit es auch richtig raucht. Denn das ist die Grundvoraussetzung für die Nato-Kampagne, die noch bis Mitte diesen Monats am Manchinger Flugplatz läuft: Es werden neue Entwicklungen für den Hubschrauberflug unter schlechten Sichtbedingungen erprobt. Nato DVE-M Flight Trials nennt sich die Kampagne, an der die US Airforce, die Schweizer Armee und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt teilnehmen. DVE steht dabei für Degraded Visual Environment, also Flüge bei eingeschränkter Sicht.

Nach ersten Tests im September vergangenen Jahres in der Wüste von Yuma in den USA, wo die Piloten unter extremen Sand- und Staubaufwirbelungen flogen, ist jetzt Manching dran, wo die stark eingeschränkte Sicht bei künstlichem Nebel erprobt wird. Der dritte Teil findet in der Schweiz statt, wo dasselbe mit Schnee getestet wird. Bei starken Schnee- oder Sandverwirbelungen durch die Rotorblätter oder bei dichtem Nebel kann's gefährlich werden. Auch Unfälle kommen immer wieder vor, wie etwa im März 2013 bei einer Großübung im Berliner Olympiastadion, was die eigentliche Initialzündung für die Kampagne war.

Natürlich stehen den Piloten schon jetzt Infrarot-Sicht- oder Landesysteme zur Verfügung. In Manching sollen neue technische Möglichkeiten im Sinne einer augmented reality, also einer durch Computer erweiterten Realität, überprüft werden, die es in Serie noch nicht gibt. Vereinfacht ausgedrückt: Die Piloten der drei Hubschrauber (Blackhawk EH 60 L, EC 635 von Airbus und DLR EC 135) erproben abwechselnd den Blindflug. Folien unterbinden ihre Sicht, neben ihnen sitzt zur Sicherheit ein sehender Co-Pilot. Alle Informationen werden per Sensoren erfasst und auf das Visier des Helms des Piloten (Kosten bis zu einer halben Million Euro) übertragen.

Neben dem Ostende der Nordbahn wurden Hindernisse aufgebaut, wie eine kleine Hochspannungsleitung, ein Mast, eine Wand, ein am Boden stehender anderer Hubschrauber sowie ein Panzerfahrzeug. Per Funk informiert sich Baldauf alle paar Minuten im Tower, um rechtzeitig seine Nebelgranaten zu zünden. Am Horizont sind da schon ein oder zwei Hubschrauber aufgetaucht, die sich rasch nähern und wenige Meter vor der Nebelwand in der Luft stehen bleiben. Der Pilot steuert, den Rest machen die Techniker in der Luft und am Boden. Dort sind mobile Messstationen aufgebaut, die die exakte Position und die Flugbahn der Hubschrauber erfassen. Denen stehen am Flugplatz nur bestimmte Korridore zur Verfügung.

Die Daten, die der vor der Nebelwand in der Luft stehende Hubschrauber in den Helm des Piloten überträgt, erhält auch das Telemetriezentrum am Flugplatz. "Wir können so feststellen, ob die Sensorik funktioniert", erläutert Telemetrieingenieur Reinhard Kühn, dessen Arbeitsplatz übersät ist mit Rechnern und Monitoren. Er weiß nicht nur, wo der Blackhawk gerade fliegt, er kann auch einen Blick ins Cockpit werfen und sich sogar auf die Helmsicht des Piloten draufschalten: Stromleitung, Masten und andere Hindernisse sind deutlich als rote Striche zu erkennen. "Und wenn die Höhe kritisch wird, blinkt die Anzeige." Wegen dieser und anderer technischer Möglichkeiten wurde Manching auch ausgewählt.

Während Kühn seine Bildschirme im Blick hält, ist Heiko Fischer auf dem großen Areal überall präsent. "Das einzige Problem ist der Wind", sagt der Leiter der Kampagne. Der bläst zwar bisweilen etwas stärker als gut ist, aber netterweise in die richtige Richtung. Und verzieht sich, bevor Manching eingenebelt wird. Davon bekommen die Schweizer Piloten nichts mehr mit. Sie sind schon beim Briefing, analysieren ihre Tests und wollen ihre Ruhe haben. Dafür haben sie in einer ansonsten gesperrten Halle sogar ein Zelt aufgestellt - mit der Schweizer Flagge darauf.

Von Bernhard Pehl
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