Dienstag, 18. Dezember 2018
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Besuch im einstigen Schutzraum der Theatertiefgarage Ost - Beklemmendes Zeugnis des Kalten Kriegs

Dem Weltuntergang ganz nah

Ingolstadt
erstellt am 06.12.2018 um 21:23 Uhr
aktualisiert am 10.12.2018 um 08:43 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Er war der wohl größte Schutzraum seiner Art in der Bundesrepublik: die Theatertiefgarage Ost. Bei einem Angriff mit atomaren, biologischen oder chemischen Massenvernichtungswaffen hätten hier 7500 Menschen auf das Überleben hoffen müssen. Zwei Wochen lang. Dann wären Vorräte, Wasser und Luft aufgebraucht gewesen. Eine unheimliche Vorstellung. Und sie blieb nicht die einzige Horrorvision, die den Besuchern durch den Kopf spukte, als sie gestern zum Auftakt eines neuen historischen Projekts in diese beklemmende Stahlbetonwelt hinabstiegen.
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Gruselig: Die Bunkerbesucher tief unter der Erde vor der riesigen Lüftungsanlage. In dem Schutzraum finden öfter Führungen statt.
Gruselig: Die Bunkerbesucher tief unter der Erde vor der riesigen Lüftungsanlage. In dem Schutzraum finden öfter Führungen statt.
Eberl
Ingolstadt
Auf Parkplatz Nummer 855 steht ein Audi A4 mit Mainburger Kennzeichen. An der Decke über dem Stellplatz verläuft bogenförmig eine lange, feine Metallschiene. Abertausende Autofahrer haben an dieser eigenartigen Vorrichtung gewiss schon achtlos vorbeigeparkt; und falls jemand vielleicht doch einmal nach oben schaute, könnte er sich gefragt haben, was bitte eine Schiene, die aussieht, als sollte sie einen Vorhang tragen, in einer Tiefgarage zu suchen hat.

Die Lösung: Weil sie eine Vorhangschiene ist.

Wolfgang Sonhütter, Mitarbeiter der IFG, der Betreibergesellschaft der Ingolstädter Tiefgaragen, geht um das Auto herum und deutet auf die Wand: Da schauen Rohranschlüsse und Abläufe heraus. "Dort hätte man im Ernstfall Waschbecken aufgesteckt. Vermutlich wäre hier eine provisorische Küche gewesen oder ein Sanitärbereich." Abgetrennt mit einem Vorhang.

Die liegen noch wohlsortiert in einem Lagerraum bereit. Zigfach. Ebenso 290000 "Fäkaltüten", wie sie im Amtsdeutschen heißen, über 150 Campingtoiletten (braun; Aufdruck: "BUND"), Schöpfkellen und anderes Besteck, dazu Sanitätskästen sowie Dutzende noch funktionstüchtige Handscheinwerfer, versehen mit der "Verwendungsbescheinigung" vom 19.5.1989.
Kurbeln, um zu überleben: Wolfgang Sonhütter von der IFG führte vor, wie die handbetriebene Sandfilteranlage funktioniert hätte.
Kurbeln, um zu überleben: Wolfgang Sonhütter von der IFG führte vor, wie die handbetriebene Sandfilteranlage funktioniert hätte.
Eberl
Ingolstadt



Also noch im Kalten Krieg. Dass kein halbes Jahr später die Berliner Mauer fällt und der gefürchtete Ostblock zu kollabieren beginnt, hat sich damals niemand vorstellen können. Hier in der Theatertiefgarage Ost, acht bis zehn Meter unter der Erde, davon zweieinhalb Meter Stahlbeton, erbaut von 1990 bis 1992, war alles für den Ernstfall vorbereitet, wie man verharmlosend die verheerenden Katastrophen nannte, die Strategen in West und Ost einst einkalkulierten.

Die atomare Auslöschung Europas. Und der USA. Und der Sowjetunion. Vielleicht auch der ganzen Welt. Overkill, wie die Amerikaner sagen. Tief im Ingolstädter Erdreich, wo in Frieden Autos parken, kommt man der Apokalypse ganz nahe. Hier kann man das Unvorstellbare besichtigen. Wolfgang Sonhütter führt die Besucher noch tiefer in diese beklemmende Welt: In die Lagerräume des Schutzraums, die der Tiefgaragengast nicht sieht; die Atmosphäre dort mutet an, als könnte es oben jederzeit zum letzten Mal krachen.

Schwere Stahltüren gehen mit einem quälenden Signalton auf und wieder zu. An den Wänden weisen Leuchtstreifen die Wege. "Falls das Notstromaggregat ausfällt", erklärt Sonhütter. In den Regalen lagert kistenweise Ausrüstung. "Wir haben mehrere Räume genauso gelassen oder wieder so eingerichtet, wie sie früher waren." Bis 2001 stand der Großschutzraum, so die offizielle Bezeichnung, für Katastrophen bereit. "Er ist bis dahin immer gewartet und jedes Jahr wie im Ernstfall runtergefahren und komplett abgedichtet worden", erzählt IFG-Chef Norbert Forster vor der gewaltigen Lüftungsanlage. Die muss bei den Probeläufen markerschütternd losgeröhrt haben. Wie im Krieg. Nebenan: gigantische Sandfilter. "An denen hätte man Handkurbeln angebracht und fest gedreht, wenn die Lüftungsanlage versagt hätte", sagt Sonhütter. Er führt das gleich vor. Gemeinsam kurbeln, um zu überleben.

Man mag sich nicht wirklich ausmalen, was sich im Ernstfall für Szenen abgespielt hätten. Draußen. Und dort unten. Der IFG-Experte deutet das Horrorszenario dezent an: "Die Tiefgarage Ost war mit ihren 64500 Quadratmetern vermutlich der größte Mischbunker in Deutschland. Im Untergeschoss 1 hätten 3820 Menschen Platz gefunden, im zweiten Untergeschoss 3710 - und sonst keiner mehr." Die Wärter an den Schleusen hätten strikt darüber gewacht, dass sich keiner zu viel zu retten versucht. "Und zwar mit einem Klickzähler in der Hand", sagt Sonhütter. Wie bei einem Open Air. War das Maximum erreicht, schlossen sich die je 20 Tonnen schweren Eingangstore (sie wurden inzwischen abgebaut). Es hätte vier Tage gedauert, den Bunker einsatzbereit zu machen; für einen überraschenden atomaren Erstschlag der Sowjetunion wäre die Theatertiefgarage Ost also eher ungeeignet gewesen.
In Dienst gestellt Mai ?89. Diese Lampen leuchten immer noch.
In Dienst gestellt Mai '89. Diese Lampen leuchten immer noch.
Eberl
Ingolstadt



Die Zivilschützer hatten alles exakt vorausberechnet (ein typisch deutscher Katastrophenfall): Luftvorräte auf den Kubikmeter genau bemessen. Proviant, Wasser. Nach zwei Wochen wäre alles zur Neige gegangen. Die Überlebenden hätten wieder ans Tageslicht gemusst. Im besten Fall in ein verseuchtes Ingolstadt. Im schlimmsten Fall in eine atomare Wüste.

Zurück zu den Parkplätzen im UG2. Über den Nummern 960 bis 968 sind besonders viele Vorhangschienen installiert. "Hier wäre im Ernstfall sicher ein größerer Sanitärbereich gewesen", erklärt Maximilian Schuster, Geschichtslehrer an der Fronhofer-Realschule, der den Schutzraum oft seinen Schülern zeigt. Eine Tiefgarage als zeitgeschichtlicher Erfahrungsort. Parken und gruseln. "Vieles, das hier überall zu sehen ist, fällt einem erst dann auf, wenn man auf Führungen darauf aufmerksam gemacht wird." Etwa die bedrohliche Aufschrift "Strahlenschutztür" auf dickem Stahl und weitere Reminiszenzen an die Apokalypse, die noch nicht kam.

"Da unten merkt man, in was für einer friedlichen Welt wir heute leben", sagt Klaus Staffel, einer der Tourteilnehmer, als er auf dem Christkindlmarkt wieder die Sonne sieht. Doch Atomwaffen, fügt er nachdenklich an, gibt es noch viele auf dieser Welt.

Christian Silvester
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