Mittwoch, 21. November 2018
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Wie ein unscheinbarer Gegenstand auf einem DK-Foto eine absurd-bizarre Aufwallung provoziert

Die Fahrrad-Verschwörung

Ingolstadt
erstellt am 28.09.2018 um 20:27 Uhr
aktualisiert am 06.10.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Es ist ein eigenartiger Vorgang, der Bezeichnendes über Schärfe und Aufgeregtheit des Facebook-Zeitalters erzählt: Am Mittwoch erschien im DK ein Foto, das Christian Lösel beim Radeln zeigt. Ein diffuses kleines Etwas am Vorderrad veranlasste viele Betrachter zu wilden Spekulationen. Dutzendfach wurden Vorwürfe gegen die Redaktion und den OB erhoben: Das Bild sei eine Fälschung! Der DK oder die Stadt hätten es manipuliert, Lösel sei gar nicht geradelt! So tönt es im Internet, per E-Mail, am Telefon. Alles echt seltsam.
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Verhängnisvolle Verästelung: Auf diesem DK-Foto, das Christian Lösel (l.) mit Bürgern beim Radeln zeigt, fiel mehreren Betrachtern ein länglicher Gegenstand am Rad des Oberbürgermeisters auf. Ein Facebook-Nutzer markierte die Stelle grün und verbreitete das (abfotografierte) Bild in dem Netzwerk. Es folgten wilde Spekulationen und der Vorwurf der Manipulation. Dabei war es nur ein dünner Ast.
Verhängnisvolle Verästelung: Auf diesem DK-Foto, das Christian Lösel (l.) mit Bürgern beim Radeln zeigt, fiel mehreren Betrachtern ein länglicher Gegenstand am Rad des Oberbürgermeisters auf. Ein Facebook-Nutzer markierte die Stelle grün und verbreitete das (abfotografierte) Bild in dem Netzwerk. Es folgten wilde Spekulationen und der Vorwurf der Manipulation. Dabei war es nur ein dünner Ast.
Eberl, Screenshot: Hauser
Ingolstadt
Was eigentlich gewesen ist: Eine Radtour. Es ist eine Radtour. Am Dienstagabend bricht OB Christian Lösel mit rund 40 Begleitern zu einer Fahrt auf der neu ausgewiesenen "Stadtpark Donau"-Route auf. Als die Gruppe im Abendrot die Staustufe überquert, hält DK-Fotograf Stefan Eberl die Szene fest. Ein Foto ist am Mittwoch im Blatt. Überschrift: "Mit dem Oberbürgermeister auf Radtour", dazu ein kurzer Bildtext, kein Artikel.


Vorwürfe am Telefon: Am Mittwochmorgen geht es los. Unvermutet. Und erstaunlich unbefangen-forsch: Anrufe in der Redaktion. Bald erste E-Mails. "Was ist das für ein mysteriöser länglicher Gegenstand, auf dem Foto am vorderen Reifen von Lösels Fahrrad?", fragen die Absender. Und liefern eine Erklärung: Das sehe aus wie ein Fahrradschloss! Eine lange, ummantelte Kette hänge da am Rad - und das könne nicht sein! Also, schlussfolgern die etwa zehn Betrachter, die sich melden, müsse das Bild gefälscht sein. Manipuliert mit einer Fotosoftware.

Es fällt auf, dass fast alle Skeptiker nicht zuerst fragen, was es mit dem - auf den ersten Blick wirklich merkwürdigen - Objekt auf sich habe, sondern gleich mit Vorwürfen in die Vollen gehen: "Manipulation!" Ein älterer Herr wettert am Telefon: "Das Foto ist doch ein Fake! Der DK hat dem OB was in den Reifen reinmontiert! Wollen Sie, dass er stürzt? Wollen Sie das ausdrücken?"

Er bleibt nicht der einzige, der die Dinge speziell sieht und seine Ansicht selbstbewusst artikuliert. Mit vollem Namen. Am Telefon oder per E-Mail. Facebook gibt in dem Moment noch Ruhe.


Eine Manipulationstheorie: Es kristallisiert sich heraus, welcher Manipulationstheorie viele Beschwerdeführer anhängen: Lösel ist am Dienstag überhaupt nicht über die Donau geradelt! Das sei eine Lüge des DK. Oder des Rathauses. Vielleicht haben das auch beide ausgeheckt. Um der Öffentlichkeit jedoch vorzugaukeln, Lösel sei auf Radtour gewesen, habe die Redaktion am Computer ein Foto Lösels ohne Rad auf das Foto eines Fahrrads ohne Lösel montiert, aber dabei dummerweise die Aufnahme von einem Rad erwischt, das mit einer Kette irgendwo angeschlossen war. Ein Fake-Fehler des DK. Erwischt!

Am Donnerstag wandert das Fahrradfoto auf Facebook. Jetzt wird es heftig. Einer der ersten, die es verbreiten, ist ein in der Stadt nicht unbekannter Händler. Er setzt eine Aufgabe dazu: "Finde den Fehler!" Die ominöse Kette (oder was auch immer) ist auf dem geposteten DK-Foto (eine Urheberrechtsverletzung, aber das nur am Rande) jetzt grün umkringelt. Ein Fake-Quiz für die ganze Facebookfamilie.


So funktioniert "Framing": Einer der nächsten Multiplikatoren ist FDP-Stadtrat Karl Ettinger. Er betitelt das Lösel-Foto auf der Facebook-Seite "Ingolstadt diskutiert" mit "Mysterien des Alltags". Kontakt mit der Redaktion, die dieses "Mysterium" sofort hätte aufklären können, nimmt er nicht auf.

Was hier zu erleben ist, nennt man im Fachjargon Framing. Frame ist englisch für Rahmen. Die Strategie: Mit knalligen Reizwörtern wird ein Rahmen geschaffen, der die Wahrnehmung aller Empfänger einer Botschaft lenken soll. Hier: Mysterium, Fehler. Der unausgesprochene, aber dennoch deutliche Subtext lautet: Der DK hat ein Foto gefälscht und sich dabei blöd angestellt. Übersieht tatsächlich ein am Rad hängendes Schloss! Oder wie ein meinungsfreudiger Schanzer kommentiert: "Auch Photoshop hat seine Tücken!"


War ja klar: die Lügenpresse! An der immer hitzigeren Aufregung beteiligen sich zahlreiche Personen, deren Namen den DK-Lesern vertraut sind: Innenstadtfreunde, Stadträte, Akteure der Bürgergemeinschaft. Viele sind Facebook-Dauerkommentierer. Bald kommt auch der Vorwurf "Lügenpresse" - in den virtuellen Raum gehämmert unter vollem und wohl echtem Namen. Wie gesagt: Es wird allgemein ziemlich unbefangen beschimpft. Jemand donnert auch "PR-Desaster!" Und immer wieder "Manipulation! Fotomontage!" Einer, den viele in der Stadt kennen, setzt in Twitter-Manier noch ein #nichtdererstebeschiss dazu. Viele stimmen ihm zu.


Stadträte in Witzlaune: Niemand, der die Aufwallung auf Facebook befeuert, wendet sich an die Redaktion. Anders die E-Mail-Sender: Sie bekommen vom DK eine Antwort. Auffälligerweise widerspricht keiner derer, die sich in der Lokalpolitik als gute Demokraten hervortun, dem mit dem Lösel-Foto transportierten, heftigen Vorwurf: Der DK fälsche Fotos und betrüge damit seine Leser. Dazu findet man: null Kommentare.

Christian Höbusch postet dafür lustig ein Bild, das Lösel mit Rad vor dem Rathaus zeigt. Der Text des Grünen-Stadtrats: "Es gibt noch dieses offizielle ,Vorher'-Bild". Auch Thomas Thöne (ÖDP) teilt sich mit: "Jetzt weiß man wenigstens, was für den Donaukurier eine wichtige Berichterstattung ist." Mit Smiley.


Verdammter Ast! Am späten Donnerstagnachmittag ruft Christian Lösel in der Redaktion an: "Es tut mir leid, dass Sie jetzt als Lügenpresse beschimpft werden! Ich bin doch nur Rad gefahren!" Als er vom Treidelweg an der Donau auf die Staustufe abgebogen sei, berichtet der OB, habe das Vorderrad einen langen, dünnen, gebogenen Ast aufgegabelt und rund 50 Meter mitgeschleift. Dann fiel der Zweig zu Boden. Er sei nicht gestürzt. "Ich bin nur Rad gefahren! Es war doch nur ein kleines Stück Holz!", sagt Lösel. "Ich verstehe diese Aufregung nicht."


O, sorry! Echt jetzt. Die Lokalredaktion fragt sich richtig besorgt: "Warum trauen es uns offenbar so viele zu, dass wir Fotos fälschen? Und dann auch noch ausgerechnet eines, das den OB beim Radeln zeigt?" Zwei Redakteure kommunizieren klassisch, rufen einige Verbreiter der Fahrrad-Verschwörungstheorie an, darunter Leute, die sie persönlich kennen. Die fallen aus allen Wolken: "Ich habe mit der Manipulation doch nicht den DK gemeint!", heißt es oft. Der Kreator von #nichtdererstebesschiss entschuldigt sich und löscht sofort alle Beiträge. Viele folgen seinem Beispiel.

Gegen Abend werden im Lösel-Diskurs auch Stimmen der Vernunft laut. Diese Leute waren vorher wohl noch in der Arbeit.
 

KOMMENTAR


Angesichts solcher Aufwallung in den Sozialen Medien wünscht sich mancher vielleicht in die Zeit vor dem Internet zurück. Ich nicht. Zugegeben, die Tatsache, dass jeder Empfänger von Nachrichten mittlerweile auch ein Sender sein kann, macht seriöse Berichterstattung manchmal anstrengend. Sie kann sie aber auch besser machen, wenn etwa in Sozialen Medien auf Fehler oder Unschärfen hingewiesen wird - auch wenn die Frage erlaubt sein muss, warum bei Kritik oder Zweifel an einem Artikel oder Bild nicht die Redaktion, sondern die eigene Community kontaktiert wird. Journalisten müssen das aushalten - und die allermeisten halten es auch aus.

Der Fall um Lösels Foto ist ein anderer. Er rührt an Grundsätzlichem. Hier wurde öffentlich und unwidersprochen behauptet, der DONAUKURIER hätte bewusst ein Bild manipuliert. Dieser Vorwurf ist inakzeptabel. Als seriöse Zeitung fälschen wir keine Fotos!

Der Vorwurf der Manipulation ist also nicht nur absurd, er ist in diesem Fall auch einfach nur lächerlich. Wer kann im Ernst glauben, der DONAUKURIER hätte es nötig, ein Bild zu fälschen, auf dem der Oberbürgermeister über die Staustufe radelt? Nur, um in drei Zeilen berichten zu können, dass eine Fahrradtour mit Bürgern stattgefunden hat?

Wer nur einen Augenblick unvoreingenommen darüber nachdenkt, muss zu dem Schluss kommen, dass diese Vorstellung hanebüchener Unsinn ist. Und wer diesen Unsinn ohne nachzudenken teilt oder mit einem Kommentar unterstützt, entmündigt sich selbst. Und er unterstützt all jene, die mit Schlagworten wie "Lügenpresse" und "Fakenews" politischen Profit erzielen wollen. Diesen Vorwurf müssen voreilige Facebook-G'schaftler aushalten.

Ein Kommentar von Johannes Hauser im Namen der DK-Lokalredaktion
 

 

Christian Silvester
Kommentare
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