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Was kann man tun, um die vielen verlassenen Läden in der Innenstadt wieder mit Leben zu füllen?

Wege aus der Leere

Ingolstadt
erstellt am 15.04.2018 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 21.04.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) In der Innenstadt klaffen auffällige Lücken: Viele Geschäfte stehen leer, einige in bester Lage. Wie empfinden das die Kunden? Was kann man tun, um die Situation zu verbessern? Ein kritischer Stadtbummel.
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Fotos: Eberl
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Die Alteingesessenen


Erika Baumgartner ist 1969 aus dem schönen Chiemgau nach Ingolstadt gekommen. Der Liebe wegen. Sie heiratete einen Schanzer: Michael, damals Mitarbeiter bei Ingobräu. Er hat sich über die Jahrzehnte immer wieder was anhören müssen, denn seine Frau konnte sich nie wirklich mit ihrer neuen Heimat anfreunden. Auch an diesem strahlenden Samstag, beim Bummel auf der (vor der großen Sanierung) provisorisch geteerten Ludwigstraße, ist Erika Baumgartner arg am Hadern. Sie deutet auf das leere, unansehnliche, ehemalige C&A-Haus neben dem Kaufhof und klagt: "Des is doch koa Stadt ned!"
 
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Ihr Mann nickt, allerdings sieht er seine Schanz in einem milderen Licht. Michael Baumgartner ist Jahrgang 1933. "Ich habe natürlich schon schöne Jugenderinnerungen, aber früher war auch alles kleiner." "Ein Geschäft nach dem anderen macht zu!", sagt Erika Baumgartner. Sie vermisst den Wagner, den Hettlage, den Carlson. "Alles tolle Läden!"

Und heute? Sei das meiste fad und schmucklos. "Ich erinnere mich noch, als auf der Ludwigstraße die Autos durchgefahren sind." Bis in die frühen 1970er. "Da war das Angebot viel besser." Und wieso stehen im Zentrum viele Geschäfte leer, will sie wissen. "Die Stadt is doch ned kloa!"
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Fotos: Eberl
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Ihr Mann freut sich schon auf die sanierte Fußgängerzone. "In zwei Jahren schaut des hier alles anders aus!" "Aber warum brauchen die immer so lang?", erwidert seine Frau. Wieder wirft sie einen Blick auf die leeren Schaufenster des alten C&A, in denen es seit Langem nur Plastikfolie zu sehen gibt. "Ja, ich habe es oft bereut nach Ingolstadt gezogen zu sein." Wie gesagt: Sie kam der Liebe, nicht der Stadt wegen.


Der City-Manager

 
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Rund 1660 Quadratmeter. Das entspricht in etwa einem halben Tagwerk, eine alte Maßeinheit. So groß war die Gesamtfläche an leeren Laden-, Praxis und Büroräumen in der Innenstadt, die vergangene Woche auf der Seite von City-Freiraum (eine Initiative des Händlervereins IN-City) im Internet angeboten wurden. Diese Zahl bietet freilich nur einen ersten, vagen Eindruck, denn das Spektrum reicht von 1a- bis 2b-Lagen, etwa von der Moritzstraße bis zur hintersten Schäffbräustraße. Die auf City-Freiraum kostenlos inserierenden Hausbesitzer und Makler haben auch unterschiedliche Vorstellungen von den Mieten. Ein 184 Quadratmeter großes Geschäft in der Milchstraße soll 2000 Euro im Monat kosten, 94 Quadratmeter Gewerbefläche ("gepflegt") nahe dem Rathausplatz sind für fast 6000 Euro im Monat ausgeschrieben, und für einen früheren Mobilfunkladen in der Donaustraße (84 Quadratmeter) will der Eigentümer 3200 Euro pro Monat haben. Die Objektliste von City-Freiraum erfasst aber nur einen Teil der Leerstände. Nicht jeder Makler macht mit, manche Eigentümer verfolgen eigene Pläne, und hoffnungslose, da marode Immobilien wie der Grüne Baum an der Donaustraße fehlen aus gutem Grund. Dennoch gelingt es City-Freiraum, viele Räume wieder zu füllen. "Seit dem Start vor vier Jahren ist die Zahl der verwertbaren Leerstände in der Innenstadt von 90 auf 60 gesunken. Das ist eine gute Geschichte!", sagt IN-City-Chef Thomas Deiser. Er hat die Initiative ins Leben gerufen und berät jeden, der sich für Räume interessiert.

Alle Leerstände haben eine eigene, meist traurige Geschichte. "Man muss jeden Fall einzeln betrachten", sagt Deiser. "Manche Händler begehen Fehler. Oder sie haben vorher das Marktumfeld falsch eingeschätzt. Denn die Lage ist besonders wichtig, danach kommt lange nichts." Gerade bei Gründern stelle sich die Frage: Welche Lage kann ich mir leisten? Welche muss ich mir leisten? Damit fangen die Probleme oft schon an. Essenziell für die Frequenz seien so genannte Ankerbetriebe, die Kunden an einem Ort halten (wie der Name sagt). Deiser, selbst Geschäftsmann sowie CSU-Stadtrat, nennt erfreuliche Beispiele: "Seit der Eröffnung von Edeka Wendler in der Theresienstraße 2013 hat sich dort die Frequenz fast verdoppelt!" Auch der Rewe-Markt an der Harderstraße wirke sich sehr positiv aus.
 
Fotos: Eberl
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Trotzdem: Es gibt noch viel zu vermitteln. "Die hohe Fluktuation ist ein Problem", berichtet Deiser. "Die Moritzstraße bereitet uns derzeit Sorgen." Der Feinbäcker Brioche Dorée hielt nicht lange durch; schon vor einigen Jahren gab ein ähnlicher Laden im alten Hillenbrand-Haus nach wenigen Monaten auf (Deiser: "Die Ingolstädter haben es offenbar nicht so mit den Franzosen"). Ein Stück weiter klafft die nächste markante Lücke: Moritzstraße 17. Ex-Elanza, Ex-Strauss-Innovation. Jetzt ein 1a-Leerstand.

Der alte, seit Langem verlassene C&A in der Ludwigstraße ist auch keine Zierde der Fußgängerzone. "Ich hatte schon einen Interessenten, aber die Verhandlungen sind vorerst gescheitert", erzählt Deiser. Er hofft, dass ganz in der Nähe bald eine Ankerfirma von Weltrang die Geschäfte beflügelt: der irische Billigtextilriese Primark. Er will in die ehemaligen City-Arcaden ziehen. "Primark kommt genau dann, wenn die Fußgängerzone wegen der Sanierung eine Durststrecke überstehen muss", sagt Deiser. "Das ist in dieser Phase besonders wichtig! Das würde nicht jedes Unternehmen machen."
Gewerbeflächen zu vermieten ? in vielen Größen und Lagen: Überall in der Innenstadt stößt man auf leere Geschäfte oder auch mal ein komplettes verlassenes Modehaus wie den einstigen C&A neben dem Kaufhof (untere Reihe, rechts). Die Initiative City-Freiraum wirbt neue Mieter an ? oft mit Erfolg.
Gewerbeflächen zu vermieten - in vielen Größen und Lagen: Überall in der Innenstadt stößt man auf leere Geschäfte oder auch mal ein komplettes verlassenes Modehaus wie den einstigen C&A neben dem Kaufhof (untere Reihe, rechts). Die Initiative City-Freiraum wirbt neue Mieter an - oft mit Erfolg.
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Der Innenstadt-Freund


Wenn sich Oliver Munz von der Altstadt beseelen lassen will, weiß er, wo er hingehen muss. Zum Beispiel zur Oberen Apotheke. "Die schaut seit der Sanierung vermutlich noch schöner aus als bei ihrer Einweihung!", sagt der Präsident des Vereins der Innenstadtfreunde. Er kennt aber auch Orte, die seine Stimmung schnell herunterziehen: mit Problemimmobilien in bester Lage. Seit einer Ewigkeit verschlossen. Traurige Anblicke. "Der einstige C&A zum Beispiel: schaurig! Oder das frühere DK-Verlagsbegäude. Seit es leer steht, ist es mit der Donaustraße bergab gegangen. "
Leerstand in 1a-Lage: Die insolvente Modekette Elanza hat in der Moritzstraße eine Lücke hinterlassen. Der Nachmieter von Strauss Innovation hielt nicht lange durch.
Leerstand in 1a-Lage: Die insolvente Modekette Elanza hat in der Moritzstraße eine Lücke hinterlassen. Der Nachmieter von Strauss Innovation hielt nicht lange durch.
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Die Innenstadtfreunde engagieren sich intensiv dafür, das Zentrum zu beleben. Deshalb ist ihnen die Leerstandsliste von IN-City vertraut. Munz leitet daraus zwei Lehren ab: "Es gibt keinen angemessenen Mietpreis für eine bestimmte Lage, sondern nur für eine bestimmte Frequenz." Ob ein Laden Erfolg habe oder nicht, stehe und falle mit der Zahl der potenziellen Kunden, die vorbeikommen. "Wenn die Frequenz passt, kann ich jeden Mietpreis erzielen." Dazu Erkenntnis Nummer zwei: "Es gibt keinen Königsweg zur Steigerung der Frequenz, sondern viele kleine Baustellen, auf denen man etwas verbessern kann." Allem voran: Die Kunden mit Ereignissen in die Stadt locken und dann den (hoffentlich) guten Eindruck durch attraktive Angebote verstetigen, damit die Leute gern wiederkommen. "Die Abendmärkte von IN-City, der verkaufsoffene 3. Oktober oder die Nachtaktiv-Einkaufsabende sind tolle Veranstaltungen!" Von der "City PS" hält Munz dagegen wenig: "Da ist die Stadt vollgestopft, ohne dass die Leute mehr kaufen. Das erkennt man an der niedrigen Tütenfrequenz." Ein origineller Fachbegriff, dessen Realitätstauglichkeit sich im Straßenbild gut studieren lässt.

Was kann man noch tun? Zum Beispiel mehr Rabattaktionen für Kunden, sagt Munz. "Es geht da weniger ums Geld, sondern vor allem um die Geste." Dass ab 18 Uhr viele Parkplätze für Einkäufer wegfallen, weil sie dann Anliegern zur Verfügung stehen, reduziere die Attraktivität der Altstadt ebenfalls. Die Innenstadtfreunde regen daher ein "Mischsystem" nach Münchner Vorbild an. Eben lauter kleine Baustellen.
Gut gelaunt,trotz der sonst gedrückten Stimmung unter vielen Innenstadteinzelhändlern: Beate Bonk am Samstag in ihrer Boutique an der Milchstraße mit dem Kunden Sven. Rechts Innenstadtfreund Oliver Munz vor der frisch renovierten Oberen Apotheke. Für ihn ein Lichtblick: ?Die schaut einfach super aus!?
Gut gelaunt,trotz der sonst gedrückten Stimmung unter vielen Innenstadteinzelhändlern: Beate Bonk am Samstag in ihrer Boutique an der Milchstraße mit dem Kunden Sven. Rechts Innenstadtfreund Oliver Munz vor der frisch renovierten Oberen Apotheke. Für ihn ein Lichtblick: "Die schaut einfach super aus!"
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In einer ruhigen Lage


Schön ist es hier. Und ruhig. Für die Händler in der Milchstraße zu ruhig. Dort, wo auffällig viele Läden mit niveauvollem Sortiment auf Kundschaft warten, ist an diesem Samstag vom Trubel in der Innenstadt wenig zu spüren. Die Modemacherin Beate Bonk berät in ihrer Boutique gerade ein gut gelauntes Paar. Ihre eigene Stimmung sinkt jedoch sofort, als die Rede auf die Situation des Handels in der Altstadt kommt. "Wir sind auf einem sinkenden Schiff", sagt Beate Bonk. Die Primark-Filiale verspreche keine Besserung. Im Gegenteil: "Das ist zu kurzfristig gedacht! In drei Jahren kommt einer, der ist noch billiger und noch abstruser. Was wir brauchen, sind Qualität und Vielfalt."
 
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Dann in den Westpark


Jessica Lienerth (23) und Sabrina Kutschka (22) sind aus Wolnzach zum Shoppen in die Ingolstädter Innenstadt gefahren. Nicht primär wegen deren Attraktivität, "sondern weil es halt die nächste größere Stadt ist". Beide haben prall gefüllte Tüten von H&M dabei. Der Laden in der Ludwigstraße ist Pflicht. "Aber sonst gibt es nicht viel, wo wir reinschauen. Das Angebot in der Innenstadt ist schon noch ausbaufähig. Es fehlen zum Beispiel ein Mango und ein Zara, deshalb gefällt uns der Westpark gut." Die leeren Läden fallen den Wolnzacherinnen natürlich auf. "Viele schließen, das sieht man. Es ist schön, dass jetzt ein Hans im Glück aufgemacht hat - gut, dafür hat blöderweise der McDonald's geschlossen."

Und da wäre noch etwas. Jessica und Sabrina strahlen, als das Stichwort fällt: "Auf den Primark freuen wir uns schon sehr!"
 
Christian Silvester
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