Freitag, 17. August 2018
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Nach überwundener Krise: VW bewilligt 450 Millionen für Großprojekt von Audi und Stadt

IN-Campus zündet die erste Stufe

Ingolstadt
erstellt am 14.03.2018 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 18.03.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Krise war gestern - jetzt kann ein großes gemeinsames Prestigeprojekt von Audi und Stadt angegangen werden: Beim Audi-Mutterkonzern VW in Wolfsburg sind nach DK-Informationen in der vergangenen Woche 450 Millionen Euro für die Verwirklichung des sogenannten IN-Campus auf dem früheren Raffineriegelände der Bayernoil bewilligt worden.
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Heute noch Industriebrache: Das ehemalige Bayernoilgelände (hier mit Blickrichtung Süden) soll sich in den 2020er-Jahren zu einem großen Technologiepark in Audi-Regie mausern.
Heute noch Industriebrache: Das ehemalige Bayernoilgelände (hier mit Blickrichtung Süden) soll sich in den 2020er-Jahren zu einem großen Technologiepark in Audi-Regie mausern. Noch laufen hier Sanierungsarbeiten, in deren Verlauf Bodenbelastungen infolge der früheren Raffinerienutzung minimiert werden sollen.
Schoch
Ingolstadt
Lange war es still um das bislang größte Joint Venture der Ingolstädter Stadtgeschichte. Die VW-Dieselkrise, in die Audi tief verstrickt scheint, hatte das gemeinsame Vorhaben des Automobilherstellers und der Stadt, auf der Industriebrache am Ende der Eriagstraße ein wirtschaftliches Leuchtturmprojekt zu starten, einen gehörigen Dämpfer verpasst. Im Zuge der erheblichen Einsparmaßnahmen bei VW und eben auch Audi war das Vorhaben, das 2013 mit einigem Tamtam vorgestellt worden war, auf Eis gelegt worden.

Jetzt, da Wolfsburger Konzernmutter und Ingolstädter Tochter wieder glänzende Zahlen präsentieren, soll das Großprojekt im Südosten der Stadt offenbar zügig ins Werk gesetzt werden. Nach DK-Informationen ist dem Verwaltungsrat der Stadttochter IFG, die an der Realisierung etlicher großer Bauprojekte (auch in Kooperation mit Audi) beteiligt ist, am vergangenen Montag in nichtöffentlicher Sitzung der Rahmenplan für das weitere Vorgehen auf dem früheren Bayernoilgelände vorgestellt worden.

Demnach haben die zuständigen VW-Gremien jetzt ihren Segen zu einer gewaltigen Investition in das Entwicklerzentrum IN-Campus gegeben: 450 Millionen Euro für die Realisierung eines ersten Baufeldes, das die Kern-Infrastruktur des neuen Technologiekomplexes beinhalten soll, sind diesen Informationen zufolge nunmehr freigegeben worden. Im nördlichen Teil des Areals sollen bis 2021/22 Anlagen für die Versorgung des Technologieparks, eine Sicherheitszentrale und ein Medienzentrum entstehen. Geplant sind hier teils ausgesprochen wuchtige Baukörper mit gut 30 Metern Höhe.

Ein Modell des künftigen Technologieparks im Südosten (unten rechts der Audi-Sportpark).
Ein Modell des künftigen Technologieparks im Südosten (unten rechts der Audi-Sportpark). Baustart soll im Norden des Komplexes (hinten) mit großen Funktionsgebäuden sein.
IN-Campus GmbH
Ingolstadt

An diese Grundstruktur sollen dem Konzept zufolge beizeiten sowohl eigene Entwicklungseinheiten von Audi, aber eben auch Kooperationspartner des Automobilherstellers andocken - alles auch und gerade vor dem Hintergrund der digitalen Revolution im Automobilbau. Wie berichtet, soll die Zufahrt zum Gelände, das bekanntlich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Autobahn liegt, mittels spezieller Sensorik auch für autonomes Fahren ausgelegt werden. Teile der A 9 dienen ja bereits als Versuchsstrecke für entsprechend ausgestattete Prototypen.

Bei Vorstellung von IN-Campus war unter Beobachtern sogar gemutmaßt worden, Audi könne angesichts seiner ständigen Platzprobleme auf dem angestammten Werksgelände wesentliche Teile seiner Technischen Entwicklung (TE) hierhin auslagern. Dies gilt inzwischen aber als wenig wahrscheinlich. Zwar soll der Campus offenbar ein Kristallisationspunkt für Zukunftstechnologie im Automotivbereich sein, doch werden hier wohl eher "Befruchtungseffekte" durch die enge Anbindung selbstständiger Softwareentwickler und Ingenieurbüros gesucht.

Die Stadt ist an einer gedeihlichen Entwicklung des früheren Raffineriegeländes (ehemals Eriag, später RVI, letztlich Bayernoil) nach der ab 2008 erfolgten langen Demontage der petrochemischen Großanlage brennend interessiert. Der Bau des Audi-Sportparks am Südrand des Areals war hier bereits ein bedeutender Schritt; Anfang 2014 folgte dann die Gründung der IN- Campus GmbH, an der die stadteigene IFG eine Minderheitsbeteiligung von 4,9 Prozent hält, die Audi AG hingegen 95,1 Prozent. Beide Partner haben aber gleiches Stimmrecht vereinbart. Dem Vernehmen nach soll die IN-Campus GmbH zur Realisierung des ersten Baufeldes nunmehr nochmals eine Tochtergesellschaft gegründet haben.

Die überaus guten Nachrichten aus Wolfsburg sollten der Öffentlichkeit offiziell erst nach der Stadtratssitzung am kommenden Dienstag, 20. März, verkündet werden. Stadtsprecher Michael Klarner kündigte gestern auf Anfrage ein entsprechendes Pressegespräch "in näherer Zukunft" an. Grundsätzlich könne nur gesagt werden, dass "Bewegung in diesem Thema" zu verspüren sei. Bei Audi, wo man angesichts der heutigen Bilanzpressekonferenz offenbar bereits mit entsprechenden Anfragen von Journalisten gerechnet hatte, äußerte man sich ähnlich zurückhaltend.

Sonderapplaus für VW-Chef Matthias Müller und seine Finanzverantwortlichen aus dem Ingolstädter Rathaus: Mit dem nun wohl definitiven Startschuss für IN-Campus geben Audis Wolfsburger Aufpasser auch ein (weiteres) Bekenntnis zum hiesigen Konzernstandort ab.

Offiziell darf das absprachegemäß erst nach Information aller Stadträte in der kommenden Woche laut werden, doch das Aufatmen der Ingolstädter Stadtspitze kann praktisch schon jetzt durch die Rathausmauern vernommen werden. Pessimisten neigten angesichts der Sparwut bei VW und Audi im Kielwasser von Dieselgate bekanntlich bereits zum Abgesang auf den Technologiepark; die großen Hoffnungen stoben schon dahin.

Nun also doch noch das Signal, das allen Akteuren bei Stadt, IFG und Audi wieder Optimismus einhaucht. Es bedeutet aber auch dies: Ingolstadt zementiert seine weit, sehr weit auf den Automotivsektor zugeschnittene Wirtschaftsstruktur. Hoffentlich geht das auch langfristig gut. | Bernd Heimerl

Bernd Heimerl
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