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Förderverein des Bayerischen Armeemuseums verbreitet revisionistische und rechtsradikale Texte

Aus dem Dunkel der Geschichte

Ingolstadt
erstellt am 06.10.2017 um 19:41 Uhr
aktualisiert am 03.11.2017 um 16:40 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Der Verein der Freunde des Bayerischen Armeemuseums hat auf seiner Internetseite höchst bedenkliche Texte verbreitet, einige sind klar rechtsradikal. Museumsleiter Ansgar Reiß reagierte empört. Seit Freitag ist die Seite offline.
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Revisionismus

Millionen historische Quellen öffnen ein weites und oft heikles Feld für Forscher; hier die Ingolstädter Armeebibliothek.
Millionen historische Quellen öffnen ein weites und oft heikles Feld für Forscher; hier die Ingolstädter Armeebibliothek.
Hauser
Ingolstadt

Der Führer hat es auch nicht immer leicht gehabt. Er wollte Polen überhaupt nicht überfallen. Hitler suchte den Frieden! Er strebte nur danach, Danzig besser mit dem Reich zu verbinden. Aber was sollte er bitte machen? Die aggressiven Polen und Tschechen, die verschlagenen Briten und die ebenso angriffslustigen Amerikaner hätten partout einen Grund gesucht, um den Deutschen den Krieg zu erklären. "Ich behaupte, dass der 2. Weltkrieg viele Väter hatte, nicht nur Hitler und die Deutschen."

So sprach und argumentierte der Bundeswehrgeneral a. D. Gerd Schultze-Rhonhof 2015 bei der Mitgliederversammlung der Freunde des Bayerischen Armeemuseums. Der vollständige Vortrag fand sich auf der Homepage des Fördervereins, die am Freitag nach dem Anruf des DK beim Vereinsvorsitzenden ganz schnell abgeschaltet wurde. Dort stand bis dato noch viel mehr dieses Kalibers. Immer wieder ist von der "historischen Wahrheit" die Rede, die unterdrückt werde, von "missbrauchter Geschichte", ja von einer Darstellung des Zweiten Weltkriegs, die dessen Sieger den Deutschen diktiert hätten. Hobbyhistoriker wie Schultze-Rhonhof kämpfen daher für die "Revision der manipulierten Geschichte". Auch diesem Terminus begegnete man auf der Seite der Freunde des Armeemuseums. Die Strategie, von der Wissenschaft anerkannte Fakten radikal zu bestreiten, nennt man Revisionismus. Er ist oft rechtsradikaler Provenienz. Die Homepage des Freundeskreises bot davon eine Menge.

 

Das Neue Schloss schließt die Zugbrücke

 Ansgar Reiß leitet das Bayerische Armeemuseum seit 2010. Er hat den Link von der Homepage seines Hauses zu dessen Förderverein sofort kappen lassen, als er die revisionistischen Texte auf der Seite des Freundeskreises entdeckte. Der Historiker ist der Ansicht, "dass derart ideologische und politisierende Geschichtsauffassungen in einem Verein, der sich mit seiner Satzung zur Unterstützung des Armeemuseums verpflichtet hat, grundsätzlich nichts zu suchen haben". Der Freundeskreis sei "dem Museum, dessen Bildungsauftrag und dessen gesellschaftlichem Auftrag in den Rücken gefallen", sagt Reiß. Er habe den Vereinsvorsitzenden, Ernst Aichner, schon im Juli auf diesen "offensichtlichen Missstand" brieflich hingewiesen. Dass er die "Freunde" im Neuen Schloss "nicht vor die Tür gesetzt" habe, liege daran, "dass sich viele Mitglieder ernsthaft für die Geschichte der bayerischen Armee interessieren". Er habe den Eindruck, "dass der Verein von dessen Vorstand wie von einer Kamarilla für Ideologisierung missbraucht wird". Das sei indiskutabel. Reiß: "Wir sind dem Frieden verpflichtet! Wir wollen nicht, dass durch diese Schuldzuweisungen neue Feindseligkeit provoziert wird."

Kritiker: Gottfried Freiherr von der Heydte, früherer Kanzler der Universität Eichstätt..
Kritiker: Gottfried Freiherr von der Heydte, früherer Kanzler der Universität Eichstätt.
Hauser
Ingolstadt

 

Ein kritischer Freund

Gottfried Freiherr von der Heydte ist schon einmal eingeschritten, als Mitglieder des Fördervereins weit nach rechts rückten. Auf Bitte des DK hat sich der frühere Kanzler der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt die revisionistischen Inhalte genau angeschaut. Von der Heydte stellt fest: "Als Mitglied des Freundeskreises des Bayerischen Armeemuseums verwundert es mich, dass der Verein offensichtlich Tendenzen eine Plattform zur Verfügung stellt, die man als revisionistisch und teilweise am äußersten rechten Rand angesiedelt bezeichnen muss. Und weil auch noch eine gewisse Nähe von Festrednern bei Veranstaltungen zu vom Verfassungsschutz beobachteten Organisationen existiert, verstärkt dies eine gewisse Sorge über die Ausrichtung des Freundeskreises." Von der Heydte, ein Jurist, hat Passagen entdeckt, die eindeutig in das rechtsradikale Milieu führen: "Das Leugnen der Alleinschuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg, die Verharmlosung der Verbrechen der Wehrmacht und der Versuch, Hitler zu einem ganz normalen Politiker zu machen." So etwas, wiederholt von der Heydte, sei wirklich besorgniserregend.

 

Fragen an den Vorsitzenden

Verantwortlich im Sinne des Presserechts : Ernst Aichner, Vereinsvorsitzender..
Ernst Aichner
Eberl
Ingolstadt

Ernst Aichner hat das Armeemuseum von 1979 bis 2010 geleitet. 2016 übernahm er den Vorsitz von dessen Förderverein; ein höchst ungewöhnlicher Vorgang. Die besagten Texte auf der Homepage kenne er nicht, betonte Aichner auf DK-Anfrage. "Ich habe keinen einzigen gelesen!" Er habe sie beseitigen lassen, "weil das Thema Zweiter Weltkrieg gar nicht zu uns passt"; die Geschichte der bayerischen Armee ende schließlich 1918. Das Problem: Es wurde vor einigen Wochen nur der Link zu den Texten entfernt, sie waren aber bis Freitagvormittag weiter abrufbar. Auf die Frage, ob er es nicht bedenklich finde, als Verantwortlicher im Impressum einer Seite zu stehen, auf der rechtsradikale Inhalte verbreitet werden, antwortete Aichner: "Als ich gehört habe, dass da etwas schiefläuft, habe ich sofort gehandelt und diese Texte löschen lassen! Ich habe auch unseren Justiziar eingeschaltet." Der habe dem Administrator der Homepage, Freundeskreismitglied Walter Vogel, deutlich gesagt: löschen! Aichner: "Ich habe mir nichts vorzuwerfen!" Er bestätigt auch, dass Schultze-Rhonhof bei der Mitgliederversammlung im Juli 2015 jenen Vortrag gehalten hat, in dem er behauptet, der Zweite Weltkrieg habe "viele Väter" gehabt. Aichner: "Ich erinnere mich schwach." Gab es damals Widerspruch? Antwort: "Nein. Es ist bei uns nicht üblich, nach Vorträgen zu diskutieren."

 

Der Schulbuchautor

 Eine Passage in jener Rede über die "Teilschuld der Deutschen am Zweiten Weltkrieg" hat Franz Hofmeier besonders entsetzt: der Vorwurf, auch in Schulbüchern würde ein manipuliertes Geschichtsbild verbreitet. "Was glaubt der eigentlich?" Die Unterstellung, der Inhalt bayerischer Schulbücher ließe sich irgendwie manipulieren, empört ihn. Hofmeier, Historiker und früherer Leiter des Descartes-Gymnasiums in Neuburg, hat zahlreiche Geschichtsbücher für den Unterricht verfasst. Seit seiner Pensionierung führt er ehrenamtlich Besucher durch das Armeemuseum. "Niemals würde ein Schulbuch eine Festlegung über Kriegsschuld treffen! Das Ziel ist grundsätzlich eine objektive Darstellung dessen, was Krieg bedeutet, um ein differenziertes Urteil zu ermöglichen." Die Strategie der Revisionisten, "Hitler darauf zu reduzieren, dass er nur auf die Feindseligkeit anderer reagiert hat und England und Polen die Kriegstreiber gewesen sind", findet Hofmeier "unsäglich". So etwas "darf nirgendwo Platz haben". Erst recht nicht im Förderverein eines Museums.

Christian Silvester
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