Freitag, 16. November 2018
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Besondere Präsentation: Sportwagenbauer können Auto nach 50 Jahren in Ingolstadt bestaunen

Wundersames Wiedersehen mit Glanzstück

Ingolstadt
erstellt am 19.09.2018 um 21:40 Uhr
aktualisiert am 20.09.2018 um 14:53 Uhr | x gelesen
Ingolstadt/Attenzell (DK) Sanft, fast liebevoll lässt er seine Hand über das glänzend rote Metall gleiten.
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Wiedersehen mit dem Meisterstück von 1968:  Bei einem Klassentreffen vor wenigen Tagen in Ingolstadt, das Richard Wisse aus Attenzell bei Kipfenberg (2. von rechts) organisiert hatte, bewunderten die Erbauer ihr automobiles Glanzstück mit einem historischen Kennzeichen. Der jetzige Besitzer des Sportcoupés, John Kuiper (unten links), war extra aus Holland angereist. Das war 1968: In der Pfälzischen Meisterschule für Handwerker erstellten acht junge Männer, darunter der damals 26-jährige Wisse (u
Wiedersehen mit dem Meisterstück von 1968: Bei einem Klassentreffen vor wenigen Tagen in Ingolstadt, das Richard Wisse aus Attenzell bei Kipfenberg (2. von rechts) organisiert hatte, bewunderten die Erbauer ihr automobiles Glanzstück mit einem historischen Kennzeichen. Der jetzige Besitzer des Sportcoupés, John Kuiper (unten links), war extra aus Holland angereist. Das war 1968: In der Pfälzischen Meisterschule für Handwerker erstellten acht junge Männer, darunter der damals 26-jährige Wisse (unten, 2. von rechts), das Unikat.
Hauser (3)/privat
Ingolstadt
Wie ein Baby erhält der chromblitzende Oldtimer Streicheleinheiten. Und es ist tatsächlich mit das "Baby" von Richard Wisse (kleines Foto). Denn zusammen mit sieben Schulkameraden hat der Mann aus Attenzell bei Kipfenberg vor genau 50 Jahren ein Auto auf DKW-Basis gebaut, das es sonst nirgendwo auf der Welt gibt. "Es freut uns alle, dass unsere Arbeit weiterlebt", sagt der mittlerweile 76-Jährige. Die Semesterkollegen von damals können jetzt ihr Meisterstück von 1968 das erste Mal wieder bestaunen - und zwar bei einem Klassentreffen in Ingolstadt.


Denn nachdem sie den Aufbau des Sportwagens damals in purer Handarbeit bei der Pfälzischen Meisterschule für Handwerker in Kaiserslautern erstellt hatten, verlor sich die Spur des sehenswerten Unikats, das aussieht wie ein Audi Coupé anno 1970. Nach langer Recherche und auch mit einem Quäntchen Glück hat Wisse den Besitzer des fast unverändert gebliebenen Flitzers ausfindig gemacht: den Niederländer John Kuiper.
 
Hauser (3)/privat
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Und dieser Autosammler lässt es sich nicht nehmen, zu dem dreitägigen Treffen der Meisterschüler aus dem rund 700 Kilometer entfernten Gorinchem anzureisen - natürlich mit dem Oldtimer Marke Eigenbau. "Der ein bisschen aufgepäppelte Wagen läuft noch gut", sagt Kuiper in gutem Deutsch. Er ist überglücklich, dass er nun die Leute trifft, die das Glanzstück vor so langer Zeit zusammengebastelt haben. Nur uralte Fotos, die die Meisterschüler beim Aufbau des Zweitakters zeigen, hat der Holländer bislang gesehen.

"Ah! " und "Oh! " hallt es durch die Halle von Audi Tradition, als die Erbauer von einst den dort abgestellten Sportwagen entdecken. Die Überraschung ist Richard Wisse gelungen. Denn der 76-Jährige, der das Klassentreffen diesmal organisiert hat, erzählte niemandem von der Präsentation des Glanzstücks. "Es ist ein schönes Gefühl, das zu erleben", sagt Hans Haux, der aus der Nähe von Ulm angereist ist. Er und seine Mitstreiter haben den Wagen sofort wiedererkannt - das zeigen die spontanen Reaktionen. "Das ist doch unser Auto", ist immer wieder zu hören. " Haux meint: "Auch wenn die Haube neu lackiert wurde und die Front jetzt einem Audi ähnelt, hat sich kaum etwas an dem guten Stück verändert. " Er und seine Mitschüler werfen nicht nur bewundernde Blicke auf den Oldtimer - sie gehen auch auf Tuchfühlung mit dem unvergessenen Flitzer aus der Vergangenheit. So testen beispielsweise Richard Wisse und Helmut Guschke, ob die Fahrertür noch einwandfrei funktioniert. Tut sie.
 
Hauser (3)/privat
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Und als dann in der Audi-Halle noch alte (Farb-)Fotos von der Entstehung des Coupés die Runde machen, schwelgen die Konstrukteure von einst, die mittlerweile alle in Rente sind, in Erinnerungen.

Sie zeigen unter anderem, wie die acht jungen Männer 1968 in einer Werkstatt der Meisterschule in der Pfalz nach eigenen Plänen den Aufbau auf ein altes DKW-Fahrgestell erstellten - als Teil der Prüfung zum Karosseriebaumeister. "Drei Monate haben wir gehämmert, geschweißt, geschliffen und verzinkt wie die Weltmeister. Aus Blechteilen entstanden Motorhaube, Autotüren, Dach und Heck", erinnert sich Wisse, der seit Jahrzehnten in dem kleinen Ort Attenzell wohnt.



Nach bestandener Prüfung verstreute es die jungen Meister in alle Himmelsrichtungen. So fing der gebürtige Braunschweiger Wisse 1969 als Konstrukteur bei der damaligen Auto Union in Ingolstadt an; dort arbeitete er bis zu seiner Rente 2002. Und auch die Spur des kleines Flitzers - ohne Innenausstattung gebaut und der von der Prüfungskommission gelobt - verlor sich bald. Nur so viel weiß Wisse: "Ein gewisser Herr Winter aus Frankfurt hat das Auto von der Meisterschule in Kaiserslautern übernommen und 1980 an einen Holländer namens Joop Verweij verkauft. " Dieser restaurierte das Sportcoupé und veränderte es ein bisschen; unter anderem baute er einen anderen DKW-Motor ein. Über weitere Besitzer in den Niederlanden gelangte der rote Flitzer schließlich vor rund drei Jahren zum Autohändler John Kuiper.

Ihn konnte der Organisator des diesjährigen Klassentreffens, Richard Wisse, im Dezember 2017 kontaktieren - dank der Hilfe des zweiten Vorsitzenden des Auto-Union-Veteranen-Clubs, Ralph Wilde. Dieser vermittelte dem Attenzeller die Adresse von John Kuiper.

Die Veteranen geben die Zeitschrift "Club Nachrichten" heraus. Und just eine Ausgabe von 1989, in dem die Geschichte von Joop Veweij und seinen Sportcoupé abgedruckt ist, gelangte voriges Jahr über verschlungene Wege in die Hände von Richard W isse und einigen seiner Klassenkameraden. "Aufgrund einiger Merkmale wie die typische Form des Wagens und den Tankeinfüllstutzen erkannte ich auf den Fotos sofort, dass es sich um unser Meisterstück handelte. "

Das wollte der Attenzeller unbedingt noch einmal in voller Pracht sehen. Und so reifte bei ihm der Gedanke, den Oldtimer als Höhepunkt des Jubiläumsklassentreffens zu präsentieren. Dieser Coup ist Richard Wisse voll und ganz gelungen. Denn alle Teilnehmer strahlen vor Glück bei diesem wundersamen Wiedersehen nach einem halben Jahrhundert.
 
Karlheinz Heimisch
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