Donnerstag, 18. Oktober 2018
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Wenn der Festsaal wegen der Sanierung ausfällt, taugt das Kongresszentrum nur bedingt als Ersatz

Wenig begeisternde Zukunftsmusik

Ingolstadt
erstellt am 18.05.2018 um 21:25 Uhr
aktualisiert am 24.05.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Im Zuge der Sanierung des Stadttheaters, die irgendwann nach 2021 beginnen soll, wird auch der Festsaal mehrere Jahre lang nicht zu betreten sein. Doch ob die vorgesehene Ausweichstätte im Saal des künftigen Kongresszentrums wirklich für alle Veranstalter eine Alternative ist, erscheint fraglich. So soll der Kongresssaal einen Teppichboden bekommen. Für Klassikkonzerte ist das undenkbar. Der Konzertverein schaut sich schon nach einer anderen Ersatzspielstätte um; das Kongresszentrum ist ihm außerdem zu teuer.
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Bejubeltes Gastspiel: Zur Feier des Jubiläums ?100 Jahre Konzertverein Ingolstadt? trat im November 2017 die Philharmonie Kiew im Festsaal des Stadttheaters auf.
Bejubeltes Gastspiel: Zur Feier des Jubiläums "100 Jahre Konzertverein Ingolstadt" trat im November 2017 die Philharmonie Kiew im Festsaal des Stadttheaters auf.
Foto: Eberl
Ingolstadt
Wenn es ein Epizentrum des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in Ingolstadt gibt, dann ist es gewiss der Festsaal des 1966 eröffneten Stadttheaters: Heimstatt des Georgischen Kammerorchesters, Wirkungsort ungezählter weiterer Orchester, Chöre, kleinerer Ensembles und Solisten, die der Konzertverein nach Ingolstadt holt, aber auch Multifunktionssaal für Veranstaltungen ganz anderer Art. Vereine, Verbände und Gewerkschaften buchen den Festsaal sehr gerne. Die Tanzschulen bitten hier zu den Abschlussbällen, die CSU feiert im Saal ihre "Schanzer Nacht", die meisten Gym-nasien geben hier ihre Schulkonzerte, die Volksbank-Raiffeisenbank Bayern Mitte lädt regelmäßig zur Vertreterversammlung in den Festsaal, die Sparkasse Ingolstadt hält dort Wirtschaftsforen ab, kleine Messen und große Hochzeiten finden hier statt, nicht zu vergessen die Bälle der Narrwalla, die Kabaretttage, die Nacht des Sports oder die Weihnachtsfeiern sowie Faschingsfeste für Senioren. Und noch vieles, vieles mehr.

Es rührt sich was im Festsaal. Deshalb müssen sich viele Veranstalter nach einer Ausweichstätte umsehen, wenn das Stadttheater im Zuge der Komplettsanierung jahrelang geschlossen sein wird. Zuvor gilt es, grundsätzliche Fragen zu klären. Und da kommen, wie es ausschaut, Probleme auf die Stadt zu.

Ersatz für den Festsaal biete der Veranstaltungssaal des neuen Kongresszentrums auf dem alten Gießereigelände (die städtische IFG, die es baut, legt auf die Schreibung Congresscentrum viel Wert) - diese Aussage steht seit Langem im Raum. Aber so einfach läuft die Sache nicht. Da ist zunächst der Zeitplan: Die Sanierung des Stadttheaters kann erst beginnen, wenn nebenan die Ersatzspielstätte (Kammerspiele) steht - und zugleich das Kongresszentrum. Am 12. März war der symbolische erste Spatenstich für die beiden Großprojekte auf dem Gießereigelände; die Maritim-Hotelgesellschaft wird das Kongresszentrum und das Kongresshotel betreiben.

Da beginnen für Musikfreunde die Probleme, denn Maritim wünscht natürlich einen Saal für Kongresse, keinen Konzertsaal. Der künftige Kongresssaal (1000 Sitzplätze auf der unteren Ebene plus 250 auf der Empore), erhält einen Teppichboden. Da rümpft jeder sensible Musiker höchstwahrscheinlich die Nase - und spielt lieber woanders, denn für Orchester, Kammermusik und Chöre ist Teppichakustik indiskutabel. Jazzer werden sich wohl auch nicht nach so einem Messehallenambiente sehnen. Auf ein in die Saaltechnik integriertes Verstärkersystem verzichtet die IFG; zu teuer. Das Akustikkonzept wurde schon vor einiger Zeit verworfen.

Wo sollen die Musiker spielen, wenn der Festsaal ausfällt? Ingolstadt braucht eine Bühne, die Großstadtansprüchen genügt. Im Kongresszentrum wird sie also nicht stehen. Aber wo dann?

Ziemlich sicher hat niemand so viel Zeit im Festsaal verbracht wie die Atzerodts, Musikerfamilie von Rang und seit Jahrzehnten die tragende Kraft des Ingolstädter Konzertvereins. Eva-Maria Atzerodt, die Vorsitzende, schaut sich schon nach einer Alternative zum Kongresszentrum um. Nicht nur wegen des Teppichbodens ("Das kann ich mit schlecht vorstellen!" ), sondern vor allem wegen des Geldes. "Einen Saal, den Maritim vermietet, können wir uns als kleiner Verein nicht leisten. Denn die denken da in anderen Preiskategorien als wir." Für den Konzertverein seien 3000 Euro Saalmiete bereits eine Menge, aber wenn der Kongresssaal (wie von Atzerodt vermutet) erst ab 5000 Euro zu haben sei, komme er schlicht nicht für sie in Frage, sagt die Musiklehrerin am Reuchlin-Gymnasium, Leiterin des Jugendkammerchors und CSU-Stadträtin (seit 1996) auf DK-Anfrage.

Eva-Maria Atzerodt befürchtet, dass die Musik im Kongresszentrum ohnehin "nachrangig sein wird". Wenn dort unter der Woche Kongresse stattfinden, "bleiben für die Kultur ja eigentlich nur die Wochenenden". Das könnte vielleicht auch bedeuten, dass die Georgier ihr Programm einschränken müssten.

Der Konzertverein wird natürlich erst seine Mitglieder befragen, bevor er sich für einen Ausweichsaal entscheidet, kündigt die Vorsitzende an. Sie ist deshalb schon jetzt auf der Suche, weil sie weiß, dass der Festsaal sehr schwer zu ersetzen ist. "Da sind noch einige Fragen zu klären!", sagt Eva-Maria Atzerodt.

IFG-Geschäftsführer Norbert Forster stellt auf Anfrage für seine Gesellschaft fest: "Wir haben von Maritim den klaren Auftrag, einen Kongresssaal zu bauen - keinen Konzertsaal. Und den erfüllen wir." Das sei auch immer bekannt gewesen, betont er. Primär erwarte der Betreiber "gute Sprachqualität im Saal". Forster bestätigt: Es wird Teppichboden verlegt - nach dem "weltweiten Maritim-Standard". Es sei sicher kein Problem, "normale Konzerte" im Kongresszentrum zu veranstalten. "Bands bringen eh ihr eigenes Equipment mit, deshalb haben wir auch auf ein Akustikkonzept im Saal verzichtet, zumal es nach einiger Zeit sowieso wieder veraltet wäre", argumentiert der IFG-Chef. "Bei symphonischen Konzerten ist das etwas anderes - aber räumlich geht im Kongresszentrum alles!" Dort wäre auch Platz für ein 60-köpfiges Orchester.

Forster verteidigt die Kooperation zwischen dem Unternehmen Maritim und der Stadttochter IFG im Rahmen der Public-private Partnership: "Auf diese Weise können wir das Kongressgeschäft beflügeln, wie wir das als Stadt nie könnten."

Über die künftigen Mieten für den Kongresssaal kann Forster nichts sagen; das sei die Sache des Betreibers. Besorgte Festsaalfreunde lässt er aber wissen: "Maritim wird alles tun, um den Saal mit Leben zu erfüllen!"

 
Christian Silvester
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