Sonntag, 18. November 2018
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Argentinisches Flair auf dem Ingolstädter Rathausplatz

Tango im Freien

Ingolstadt
erstellt am 06.08.2018 um 20:12 Uhr
aktualisiert am 09.08.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Jeden Mittwochabend wird in Ingolstadt auf dem Rathausplatz Tango getanzt. Die Open-Air-Veranstaltung lockt Menschen aus ganz Bayern an. Morgen wird sogar Live-Musik gespielt. Der Verein "Tango in Ingolstadt" macht's möglich.
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Tanz auf dem Rathausplatz: Jeden Mittwoch findet auf dem Rathausplatz in Ingolstadt eine Milonga statt ? im Sommer Open Air und deshalb von Tango-Fans aus ganz Bayern geschätzt.
Tanz auf dem Rathausplatz: Jeden Mittwoch findet auf dem Rathausplatz in Ingolstadt eine Milonga statt - im Sommer Open Air und deshalb von Tango-Fans aus ganz Bayern geschätzt.
Foto: Hauser
Ingolstadt
Die Hitze drückt schwer auf die Stadt an diesem Sommerabend. Es liegt etwas in der Luft - eine erschöpfte Stille, mit einer leichten Spannung geladen. Ein plötzlicher Wind, wie aus dem Nichts gekommen, fegt über den Rathausplatz durch die Passage, wo eine Frau gerade Stühle und Tische um einen Tanzboden gruppiert. Aus dem Lautsprecher tönt leise Tangomusik. Katrin Böhner summt die Melodie mit und schwingt die Hüften. Zur Einstimmung - denn gleich beginnt die Milonga. So heißt es, wenn sich Menschen zwanglos zum Tangotanzen treffen.

An einem der Tische hat ein Paar Platz genommen: Der Mann trägt einen weißen Leinenanzug und schlüpft in ein paar weiße Schuhe - seine Tanzschuhe. Seine Frau in Pink fächert sich erst einmal Luft zu, bevor auch sie ein paar elegante Schuhe anzieht. Denn gleich beginnt der Tanz - unter freiem Himmel. Das ist eine Besonderheit, und darum kommen im Sommer jeden Mittwoch ab 18 Uhr Tangotänzer aus ganz Bayern nach Ingolstadt.

Katrin Böhner vom Verein "Tango in Ingolstadt" und ihr Mann Dieter organisieren die Milonga. Die Ingolstädterin streut noch schnell eine Mischung aus Kaffeepulver und Babypuder als "Gleitmittel" über den Tanzboden - und schon tanzen die ersten Paare den Tango Argentino. Auch Peter Fischer-Ripota, der Mann im weißen Anzug, und seine Frau Monika, die aus Freising kommen. "Wir lieben dieses Flair und Feeling hier", schwärmen sie. "Und die frische Luft."
Dreifacher Tango: Katrin Böhner und ihr Mann Dieter (links), Organisatoren der Milonga, tanzen innig verschmolzen, während Paare wie Peter und Monika (Mitte) oder Gabriele und Christoph durchaus kleine Showeinlagen schätzen.
Dreifacher Tango: Katrin Böhner und ihr Mann Dieter (links), Organisatoren der Milonga, tanzen innig verschmolzen, während Paare wie Peter und Monika (Mitte) oder Gabriele und Christoph durchaus kleine Showeinlagen schätzen.
Fotos: Hauser
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Sanft gleiten sie im Zweivierteltakt dahin, in weichen Bewegungen. Peter hat seine Augen geschlossen, Monika schmiegt ihren Kopf an seine Wange. Traumwandlerisch tanzen sie den Tango - eng verschmolzen. Dann macht Peter plötzlich einen großen Ausfallschritt, um Monika auf sein unbelastetes Bein sinken zu lassen. Pure Eleganz - aber auch ungeheuer lässig. Peter grinst. "Ich lege sie schon mal hin oder schmeiße sie an die Decke", scherzt er. "Wir machen gern auf Show, auf Dramatik." Monika nickt: "Tango ist ein sinnlicher Tanz. Und kein Tanz ist wie der andere." Zärtlich streicht sie ihrem Mann eine Strähne zurück, die ihm auf die Stirn gefallen ist. Dann sagt sie mit leicht verklärtem Blick: "Du kannst mit einem völlig Fremden den Tango deines Lebens tanzen."

Kaum zu glauben: Bei diesem Tanz, der so intim wirkt, wird dauernd der Partner gewechselt. Selbst Monika und Peter trennen sich nach der ersten Tanda. Eine Tanda ist eine Abfolge von drei oder vier Liedern gleicher Art - mal Vals im Dreivierteltakt, mal ein Tango im Viervierteltakt. Dazwischen folgt die Cortina, ein musikalischer "Vorhang", der eine neue Runde einläutet. In dieser kleinen Pause fordern die Tänzer die Frauen mit einem diskreten Blick auf. Durch den fliegenden Wechsel lernen die Tango-Fans, sich immer wieder auf andere Partner einzustellen, sich in deren Stil einzufühlen und so ihr Können zu verbessern. "Die Frau braucht gute Antennen, und je länger sie tanzt, desto größer werden sie", erklärt Katrin Böhner. "Es gibt aber auch Männer, die geführt werden wollen. Deshalb ist es gut, beide Rollen zu lernen und den Part wechseln zu können, um den anderen besser zu verstehen."

Dass sich immer wieder neue Paare zusammentun, hat auch den Vorteil, dass man alleine auf eine Milonga gehen kann - ob in Ingolstadt oder München, ob in Schanghai oder Buenos Aires. Für Beate Fichtner ist Tango deshalb der allerschönste aller Tänze. "Du kannst ihn überall auf der Welt tanzen", erzählt sie. "Ich war neulich beruflich in Mexiko und habe dort auf einer Milonga sofort mitmachen können. Das klappt einfach. Und es ist zugleich spannend." Robert Winter empfindet die Rolle des Führenden unter diesen Umständen als Herausforderung: "Aber wenn es mal ein Missverständnis gibt - das genau ist ja die Würze. Dann versucht man es halt noch einmal."
 
Fotos: Hauser
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Beim Tango Argentino gibt der Mann seiner Partnerin über sachte Impulse Gelegenheit, mit dem Fuß kleine, teils sehr erotische Bewegungen auszuführen. Etwa "el Ocho", eine Acht, oder "la Caricia", die Zärtlichkeit - wenn die Frau mit dem Bein oder Fuß über das Bein des Mannes streift. Bei Gabriele und Christoph sind diese Spielereien schön zu beobachten. Allein ihr Äußeres wirkt sehr aufregend: Christoph trägt ein Hemd aus schwarzer, durchsichtiger Spitze, das weit offen steht. Dazu passend eine fein gestreifte Tango-Hose mit Schlag und Schlitz. Daneben verblasst das schwarze Kleid von Gabriele geradezu, trotz aller Reize, die es elegant betont. Die Schuhe der beiden sind abgestimmt: rotes Wildleder und schwarzer Lack.

So stilecht gekleidet legen die beiden einen Tango aufs Parkett, der vor Erotik knistert - besonders, wenn Gabriele mit ihrem Fuß um Christophs Bein spielt wie eine sündige Schlange. Zwischendurch macht Christoph ein paar temperamentvolle Saltitos, kleine Hüpfer, und lacht zufrieden übers ganze Gesicht.

Bei Katrin Böhner und ihrem Mann Dieter bekommt der Tango eine ganz andere Note. Sie tanzen Wange an Wange und wirken wie versunken: "Man sucht sich seinen Takt und vergisst alles andere", sagt die Ingolstädterin. "Deshalb kann man jede Musik mit Tango vertanzen, denn man vertanzt das Gefühl."
 
Fotos: Hauser
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Je später der Abend wird, umso voller wird die Tanzfläche. Wie so oft herrscht auch an diesem Abend Frauenüberschuss - etwas ärgerlich für die Damen, die sich fein herausgeputzt haben und erwartungsvoll hinter ihren Fächern lächeln. "Das motiviert mich wieder, endlich auch das Führen zu lernen", meint Beate Fichtner. Die Männer geben ihr Bestes: Auch Giovanni Lombardi, ein gebürtiger Italiener, sitzt nicht lange vor seinem Weizen, sondern tanzt Tanda um Tanda. So wie der fremde Mann aus dem Ruhrpott im Ringelhemd.

Sie würden gern bis Mitternacht Tango tanzen, wenn sie nur dürften. "Da geht es in Argentinien erst richtig los", meint Katrin Böhner. Aber die Stadt hat angeordnet, dass um 22 Uhr Schluss sein muss. Wir sind schließlich nicht in Buenos Aires.
 
Suzanne Schattenhofer
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