Montag, 12. November 2018
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Preiskampf nach Gebührensteigerung: Ist eine neue Betreibergesellschaft die Lösung?

Schlachthof sucht den Weg aus der Krise

Ingolstadt
erstellt am 07.11.2018 um 20:52 Uhr
aktualisiert am 11.11.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Steuert der Ingolstädter Schlachthof auf eine neue Eigentümerstruktur zu? Geschäftsführer Siegfried Wagner hat DK-Informationen bestätigt, wonach eine erweiterte Zahl von Anteilseignern in einer neuen Betriebsgesellschaft unter den bisherigen Gesellschaftern diskutiert wird. Dies sei aber nur eine Option unter mehreren Varianten, den regionalen Schlachthof aus finanziell schwierigen Zeiten zu führen. Eine Entscheidung soll im kommenden Jahr fallen.
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Zum Lachen finden die Gesellschafter des Ingolstädter Schlachthofes ihre Situation inzwischen längst nicht mehr. Es geht um erhebliche Nachzahlungen an die Stadt und die dadurch angeblich gefährdete Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens.
Zum Lachen finden die Gesellschafter des Ingolstädter Schlachthofes ihre Situation inzwischen längst nicht mehr. Es geht um erhebliche Nachzahlungen an die Stadt und die dadurch angeblich gefährdete Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens.
Eberl/Archiv
Ingolstadt
Im Sommer hatte der DONAUKURIER berichtet, dass der Schlachthof an der Scheelestraße beim FC-Stadion durch eine Erhöhung der städtischen Gebühren für die gesetzlich vorgeschriebene Fleischbeschau ein erhebliches Defizit erwartet: Ein Sprung um knapp 60 Cent (von 1,86 auf 2,45 Euro) pro geschlachtetes Schwein, erhoben rückwirkend zum Jahresbeginn 2017, würde Berechnungen der Geschäftsführung zufolge, so hieß es jedenfalls im Sommer, allein für das Vorjahr ein ohnehin eingefahrenes leichtes Defizit von 30000 Euro um satte 140000 Euro erhöhen.

Der Betrag ist angeblich noch nicht kassenwirksam geworden, doch könnte sich eingedenk der heuer angefallenen Gebühren bis zum Jahresende eine Nachzahlung von an die 300000 Euro ergeben, die die Schlachthofgesellschaft in ihre künftige Preiskalkulation einbeziehen, also an ihre Kunden weitergeben muss, will man nicht vollends in die roten Zahlen schlittern. Vorsorglich hat der Schlachthof auch Klage gegen den Gebührenbescheid der Stadt vor dem Verwaltungsgericht erhoben. Entschieden wurde aber noch nichts. Die Stadt sieht der juristischen Klärung auch betont zuversichtlich entgegen, da nach ihrer Kenntnis Vergleichsfälle bislang stets zugunsten der jeweiligen Kommunen entschieden wurden.

Die Lage ist für den Ingolstädter Schlachthof deshalb kritisch, weil er trotz des Anspruchs, zunächst einmal den regionalen Metzgern zu dienen, längst in die Fleischwarenströme der großen Lebensmittelketten eingebunden ist, die sich im Ringen um Marktanteile einen harten Preiskampf liefern und dabei - ganz wie in anderen Wirtschaftsbereichen - ihre Lieferanten unter Druck setzen können. Langfristige Verträge, die schnelle Verwerfungen in der Kundenstruktur verhindern würden, sind nach DK-Informationen in der Branche unüblich.

Rund 200000 Schweine wurden am Ingolstädter Schlachthof zuletzt jährlich geschlachtet, etwa 4000 in der Woche - nach Schätzungen von Insidern nur zu einem sehr kleinen Teil (fünf bis zehn Prozent) für die Metzgereien in Stadt und Umland. In Ingolstadt sind nach DK-Informationen nur noch fünf Betriebe Direktabnehmer, hinzu kommen einige weitere aus der Region, darunter auch größere mit Filialen in und um Ingolstadt.

Auch zusammengenommen machen diese Firmen aber nur einen sehr kleinen Anteil am Gesamtumsatz aus. Ginge es nur um jene, die ein paar Schweine oder Rinder im Monat schlachten lassen, wäre die Gebührenerhöhung der Stadt kein großes Thema - solche Mehrkosten gingen an den Fleischtheken der kleinen Handwerksbetriebe praktisch in immer mal möglichen kleinen Preissprüngen unter. Doch wenn sich Lebensmittelketten als Großabnehmer, die sich in der Werbung um Centbeträge unterbieten, quer stellen und sich andere Bezugsquellen suchen, ist das ein ganz anderes Kaliber.

"Die verhandeln knallhart; die Kuh oder der Verbraucher sind denen egal, da zählt nur der eigenen Marktanteil", umschreibt ein Insider die Problematik für den hiesigen Schlachthof. Denn geschlachtet wird auch anderswo - womöglich günstiger. Und Viehtransporte quer durchs Land sind ohnehin an der Tagesordnung in diesem Geschäft.

Die Idee, starke Lebensmittelkonzerne als Anteilseigner für den Schlachthof zu gewinnen und so auf andere Weise als über Verträge an das Unternehmen zu binden, erscheint vor diesem Hintegrund einleuchtend. Dass dies der Königsweg sein wird, mag Geschäftsführer Wagner allerdings noch keinesfalls bestätigen. "Wir überlegen, wie wir weitermachen", so seine Auskunft auf DK-Anfrage, und es gebe mehrere Modelle für die Zukunft. Entschieden sei noch nichts. Natürlich könne und wolle man die Probleme aber nicht mehr lange vor sich herschieben. Wagner: "Im Laufe des nächsten Jahres wird was passieren."

Dass die Stadt ihren Gebührensprung zurücknimmt, steht nicht zu erwarten. Umweltreferent Rupert Ebner, auch für das in diesem Fall zuständige Veterinäramt verantwortlich, sieht da keinen Handlungsspielraum. Die Stadt sei in diesem Punkt einfach an die gesetzlichen Bestimmungen im Rahmen der EU-Richtlinien gebunden, könne das Gebührenmodell nicht völlig frei wählen. Man werde sicher immer versuchen, im Rahmen der Möglichkeiten so günstig wie möglich für den Schlachthof zu kalkulieren, könne aber keine Subventionierung betreiben.

Durch die jüngste Genehmigung von Kapazitätserweiterungen nach den Vorgaben der auch für Schlachthöfe geltenden Bundesemissionsschutzverordnung sieht Referent Ebner beim Ingolstädter Schlachthof aber gute Möglichkeiten, sich allen künftigen Anforderungen zu stellen. Auch Geschäftsführer Wagner bestätigt, dass sich für den Betrieb jetzt mehr Flexibilität ergibt, was die Fleischverarbeitung betrifft. Bislang war das Unternehmen durch die große Nachfrage nach Schweinefleisch häufig an seine Auslastungsgrenze gestoßen, hatte Rinder (zwischen 50 und 100 pro Woche) nicht parallel verarbeiten können.

Durch ein modernes Zeiterfassungssystem ist es im Betrieb nun inzwischen auch möglich, sämtlichen Personalaufwand exakt abzurechnen - einschließlich jenem der städtischen Fleischbeschauer. Im Sommer war von der Schlachthof-Geschäftsführung noch kritisiert worden, dass die Stadt den Zeitaufwand ihrer Aufseher wesentlich zu hoch abrechne. Dieser Konflikt scheint also entschärft.
 

Kommentar

Wenn alle, die ihr Schnitzel schätzen, dies direkt beim örtlichen Metzger  und am besten auch noch bezogen vom Biobauern kaufen wollten, gäbe es einen derben Versorggungsengpass mit gravierenden Preissteigerungen. 50 Jahre Strukturwandel mit  Aufwuchs einer industriellen Landwirtschaft, mächtiger Lebensmittelkonzerne und vielfältiger Massengastronomie lassen sich  nicht einfach so  zurückspulen.
Das Szenario ist allerdings ohnehin rein hypothetisch,  denn längst müssen oder wollen  viele Menschen beim Essen sparen  – etliche, weil auch das Leben  ohne mordsmäßige Ansprüche bei schmalem Einkommen teuer genug ist, andere, weil sie  im   Konsumtaumel  andere  Prioritäten setzen.
Solange das bei uns so ist (und es  scheint sich um  ein typisch deutsches Phänomen zu handeln), werden Lebensmittelketten   verstärkt auf Billigfleisch setzen und Produzenten wie  Schlachthöfe, die sich längst allesamt auf dieses System eingelassen haben, über ihre Preiskämpfe unter Druck setzen können.
Wir  Verbraucher, sofern nicht bereits  Vegetarier oder Veganer,  hätten  ja die Macht, die Dinge  in andere Bahnen zu lenken –  indem wir weniger Fleisch konsumierten, wozu Mediziner, Ökologen und Tierschützer  längst  raten. Sollten wir es jemals tun, gäbe es allerdings   andere  Proteste: Das Gezeter der Bauernfunktionäre  möchte man sich  lieber nicht vorstellen.   Bernd Heimerl
Bernd Heimerl
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