Donnerstag, 20. September 2018
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Seenotrettung Sea-Eye veranstaltete Mahnwache: 1524 Kerzen brannten für ertrunkene Flüchtlinge

Rathausplatz im Lichtermeer

Ingolstadt
erstellt am 19.08.2018 um 20:36 Uhr
aktualisiert am 23.08.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Rund 250 Menschen gedachten am Freitagabend auf dem Rathausplatz der in diesem Jahr auf der Mittelmeerroute ertrunkenen Flüchtlinge. Vor einem Meer aus Kerzenlichtern fragte Michael Buschheuer, Gründer der Seenotretter von Sea-Eye, Landtagsabgeordnete: "Was werden Sie gegen das Sterben im Mittelmeer tun?" Sea-Eye darf derzeit nicht in das Einsatzgebiet vor der libyschen Küste starten, während die Zahl der Ertrunkenen im Mittelmeer steigt.
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Ein Schlauchboot steht mitten auf dem Rathausplatz. Die umliegenden Pflastersteine sind in Kerzenschein getaucht: 1524 Kerzen für 1524 ertrunkene Flüchtlinge. Wenn über Flucht gesprochen wird, ist immer auch Politik im Spiel - obwohl die Veranstalter eine nicht-politische Demonstration geplant hatten. Für eine Podiumsdiskussion waren die Spitzenkandidatin der Linken, Eva Bulling-Schröter, FDP-Spitzenkandidat Jakob Schäuble, die Landtagsabgeordnete der Grünen, Christine Kamm, und der stellvertretende Dekan der katholischen Kirche in Ingolstadt, Reinhard Förster gekommen. SPD-Landtagsabgeordnete Johanna Werner-Muggendorfer war nicht wie geplant erschienen - ebenso wie weitere Vertreter: "Meine Anfragen an Politiker sind weitgehend ignoriert worden", erklärte der Ingolstädter Sea-Eye-Aktive Michael Kraus, der die Mahnwache initiiert hatte. Die AfD habe er gar nicht erst angefragt. CSU-Bundestagsabgeordneter Reinhard Brandl, der wegen terminlicher Verpflichtungen nicht bei der Mahnwache erschienen war, habe innerparteilich noch für die Veranstaltung werben wollen - erschienen war seitens der CSU allerdings niemand. Dritter Bürgermeister Sepp Mißlbeck (UDI) sagte, er sei nur als Zuschauer gekommen. Aber als Privatperson sagte Mißlbeck: "Es ist eine Katastrophe, die von der Politik unterstützt wird." Zuständig seien aber andere politische Ebenen, als Lokalpolitiker könne man da nichts ausrichten.

Brennende Kerzen für die Mahnwache am Rathausplatz: Rund 250 Menschen gedachten ertrunkener Flüchtlinge. An der anschließenden Diskussion nahmen (unten links, von links) Eva-Bulling-Schröter (Linke), Reinhard Förster (Dekanat der katholischen Kirche), Christine Kamm (Grüne), der örtliche Sea-Eye Vertreter Michael Kraus, Moderator Andreas Hofmeier, Sea-Eye-Gründer Michael Buschheuer sowie Jakob Schäuble (FDP) teil. Auch die anderen Teilnehmer hatten Gesprächsbedarf: Ein Mann aus dem Publikum (unt
Brennende Kerzen für die Mahnwache am Rathausplatz: Rund 250 Menschen gedachten ertrunkener Flüchtlinge. An der anschließenden Diskussion nahmen (unten links, von links) Eva-Bulling-Schröter (Linke), Reinhard Förster (Dekanat der katholischen Kirche), Christine Kamm (Grüne), der örtliche Sea-Eye Vertreter Michael Kraus, Moderator Andreas Hofmeier, Sea-Eye-Gründer Michael Buschheuer sowie Jakob Schäuble (FDP) teil. Auch die anderen Teilnehmer hatten Gesprächsbedarf: Ein Mann aus dem Publikum (unten rechts) fragte beispieslweise Eva Bulling-Schröter, wieso ihre Partei immer noch Russland unterstütze. Die Linke-Politikerin sagte, sie selbst lehne das ab, reden müsse man in der Politik aber grundsätzlich mit jedem.
Fotos: Hausmann (2), Hammer
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Man könne den Diskurs nur durch Gespräche mit den Politikern intensiv anregen, sagte Sea-Eye-Gründer Michael Buschheuer: "Es gibt noch gravierende Kenntnislücken." An diesem Abend herrschte da unter den diskutierenden Politikern weitgehend Konsens, schließlich war die Opposition unter sich.
 
Fotos: Hausmann (2), Hammer
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Vor der Podiumsdiskussion hatte sich Buschheuer mit der Frage nach der Verantwortung an das Publikum gewandt: Eigentlich wäre ja Libyen in der Verantwortung, das Land schicke die Menschen in den Tod, sagte Buschheuer. Wenn Libyen aber die Verantwortung nicht übernehme und auch die umliegenden Länder wie Ägypten oder Tunesien nicht, wären dann nicht alle 23 Mittelmeeranrainerstaaten verantwortlich - und letzten Endes ganz Europa? Stattdessen müssten sich nun einfache Bürger wie er - Buschheuer ist Lackierer - um die Hilfe für die Ertrinkenden kümmern. Zu siebt hätten sie begonnen, seitdem sind sie auf 1 000 Aktivisten und 350 Vereinsmitglieder angewachsen. Zusammen konnten sie laut Buschheuer schon über 17 000 Menschen retten - und jeder sei in der Lage, zu helfen.

Eva Bulling-Schröter wandte sich an die Bundesregierung: "Unterlassene Hilfeleistung ist nach wie vor ein Straftatbestand und ein Verbrechen!" Innenminister Horst Seehofers Agieren sei falsch. "Ich verstehe nicht, warum er NGOs kriminalisieren will und dazu beiträgt, dass so viele Menschen im Mittelmeer ertrinken." Im Pressegespräch erklärte sie, dass in einer Bundestagsdebatte explizit gesagt worden sei, dass Kontingente für Seenotrettung gestellt werden. Doch die Abschottung Europas gehe weiter. Grünen-Politikerin Christine Kamm, die selbst mit der Seefuchs der Sea-Eye auf Mission gehen wollte, sieht alle europäischen Staaten in der Verantwortung: "Politik sollte sich gegen Fluchtursachen einsetzen, nicht gegen Flüchtlinge", forderte sie. Zum Beispiel durch Abschaffung der Rüstungsexporte in diese Länder, so Bulling-Schröter.
 
Fotos: Hausmann (2), Hammer
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Man müsse unbedingt eingreifen, egal, ob staatlich oder zivil, sagte auch FDP-Landtagskandidat Jakob Schäuble. Für ihn sei die Situation ein "Skandal". Die Sea-Eye geriet vermehrt in die Kritik, die Rettungskräfte würden Anreize schaffen, dass mehr Menschen die Flucht über das Mittelmeer wagen. Schäuble wies auf eine "Co-Schlepperei"-Studie der Oxford-Universität, die besagt: Die Zahl der Flüchtlinge bleibe konstant, nur die Zahl der Toten verändere sich durch die Rettung. Jeder habe ein Recht auf medizinische Versorgung, so Schäuble, aber nicht jeder Flüchtling habe ein Recht auf Schutzstatus und müsse dann auch rückgeführt werden. Grundsätzlich könne er eine solche Differenzierung befürworten, sagte Buschheuer: "In der Diskussion über Geflohene werden sonst zu viele Themen in einen Topf geworfen."

Dann herrschte Stille - in einer Schweigeminute gedachten alle auf dem Rathausplatz der Gestorbenen, auf Vorschlag vom stellvertretenden Dekan der katholischen Kirche, Reinhard Förster. Die Grüne Christine Kamm war gleicher Meinung: "Man sieht die einzelnen Menschen zu wenig. Wir hätten die Chance, die Menschen gut zu integrieren." Kamm und Bulling-Schröter umgingen die Frage, warum die Politik nicht versucht habe, 20 000 Sterbende im Mittelmeer zu verhindern. Schäuble sagte, er sehe die Ursache im Rechtsruck der Anrainerstaaten, so habe man keine europäische Einigung erzielen können. Man benötige eine kombinierte, militärische Situation, müsste Schleppern das Handwerk legen. Schäuble verlangt: "Im Bereich Schlepperei stark angreifen" - schwer möglich zu Wasser, entgegnete Buschheuer.

Anschließend wurde die Diskussion fürs Publikum eröffnet, das zuvor mit Buh-Rufen das Fernbleiben der CSU quittiert hatte. Neben der Politik gab es auch die Möglichkeit zum Gespräch mit Aktiven der Sea-Eye: Michael Kraus, seit 2016 Mitglied, war bisher zweimal im Einsatz auf dem Mittelmeer. Im Mai nahm der hauptamtliche Sanitäter an einem der letzten Einsätze der Seefuchs teil.

Die Mahnwache auf dem Rathausplatz dauerte am Samstag bis 16 Uhr. In der Nacht seien viele Flüchtlinge gekommen, sagte Kraus am Tag darauf. Sie hätten ihm von ihrer Flucht erzählt. Einer deutete auf das Schlauchboot - darin habe er gesessen, während seine Freunde ertrunken seien.
 

DAS IST SEA-EYE

Die Nichtregierungsorganisation Sea-Eye startete im Herbst 2015 als eine kleine Gruppe um den Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer. Er kaufte einen alten Fischkutter und rüstete ihn für die Seenotrettung um, dieser ist seit April 2016 auf Beobachtungs- und Rettungsfahrt vor der Küste Libyens. Anfang 2017 erwarb Sea-Eye ein zweites Schiff, die Seefuchs. Alle zwei Wochen startete eine freiwillige Crew von Malta in das betroffene Seegebiet vor der Küste Libyens. Sea-Eye sucht nach Schiffbrüchigen und Ertrinkenden, transportiert aber keine Flüchtlinge. Die Vorwürfe der Co-Schlepperei bleiben, derzeit dürfen die Boote nicht mehr in den Einsatz fahren. Noch ist die Zukunft der Situation der Sea-Eye ungewiss, seit Wochen ist kein Rettungsschiff in der sogenannten „Search and rescue“-Zone. „Wir sind unter Druck“, so Gründer Michael Huschbeuer. 400 000 Euro Spenden fehlten noch für das Jahr 2018, erklärte er. ahm
Anna Hausmann
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