Donnerstag, 17. Januar 2019
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Neues Kraftwerk, alte Sorgen

Im Schatten der Kamine

Irsching
erstellt am 10.01.2019 um 21:12 Uhr
aktualisiert am 14.01.2019 um 03:33 Uhr | x gelesen
Irsching (DK) Seit in Irsching bekannt ist, dass dort ein weiteres Kraftwerk entstehen soll, schrillen bei den Bewohnern die Alarmglocken. Zu tief sitzt noch der Schock nach der Explosion im September.
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?Das Pulverfass wird immer größer?, sagt Heribert See (l.). Das Unglück an Silvester 1987, als eine Turbine barst (r.), hat sich bei vielen Irschingern ins Gedächtnis gebrannt.
"Das Pulverfass wird immer größer", sagt Heribert See. Das Unglück an Silvester 1987, als eine Turbine barst, hat sich bei vielen Irschingern ins Gedächtnis gebrannt.
Richter/Wolf (Archiv)
Irsching

Die Nachricht kommt zu denkbar ungünstiger Zeit: Der Vohburger Ortsteil Irsching im Kreis Pfaffenhofen soll ein neues Gaskraftwerk erhalten. Ab 1. Oktober 2022 wird es, läuft alles nach Plan, mit einer Kapazität von 300 Megawatt bereitstehen, östlich vom Block 5 der bestehenden Anlage. Das gab Übertragungsnetzbetreiber Tennet am Mittwoch bekannt. Den Zuschlag hat Uniper erhalten, die Hausherren der bereits bestehenden Linien. Wenn die Freude darüber in dem kleinen Dorf nicht sonderlich groß ausfällt, erscheint das verständlich. Erst kürzlich hatten die Bewohner erfahren, dass ein Tanklager mit 100 000 Kubikmetern Gasöl in ihrer Nachbarschaft genehmigt worden sei. Dabei wirkt noch ein ganz anderer Schock heftig nach: Am 1. September hatte in der Bayernoil-Raffinerie nebenan eine gewaltige Explosion für Verletzte und hohen Schaden gesorgt – und für Angst und Schrecken in der Nachbarschaft und darüber hinaus.

 Ein Bild nach dem Unglück vor über 30 Jahren.
Richter/Wolf (Archiv)
Irsching

Das eine mag zwar mit dem anderen nicht direkt etwas zu tun haben, doch bei vielen im Ort schrillen die Alarmglocken. Vohburgs Bürgermeister Martin Schmid (SPD) und Kraftwerksleiter Oliver Schwadtke wollen das Projekt am Dienstag im Stadtrat vorstellen und müssen sich voraussichtlich vielen Fragen stellen. Denn viele verstehen nicht, wieso ein weiteres Kraftwerk nötig sein soll, wo das bestehende schon als Netzwerkreserve gilt. 2018 soll es keine fünf Mal in Betrieb gewesen sein. „Wenn wir jetzt wieder drei Jahre Baustelle haben und danach zwei Kraftwerke stillstehen, werden wir das nicht mehr so ruhig hinnehmen“, kündigt der Irschinger Rudolf Kolbe an. Eine eigene Zufahrt, am Dorf vorbei, ist das Mindeste, was er fordert. „Das brächte uns was.“ Erwin Schweiger steht in seinem Garten im Ortskern und schüttelt den Kopf. „Das kann doch nicht wahr sein“, sagt der 79-Jährige. „Jetzt haben wir da schon drei Kamine, alles steht still, und dann bauen die noch eine Anlage hin.“ Angst hat er nach eigenem Bekunden nicht, „aber begeistert bin ich nicht“.

Maria Frank wohnt nur ein paar Häuser weiter und räumt ein: „Wohl ist mir nicht dabei, und die Luft wird auch nicht unbedingt besser, wenn das jetzt erweitert wird.“ Zu frisch sind die Eindrücke von der Explosion im September. „Da haben wir gescheit Panik gehabt“, erzählt die 66-Jährige. Ihr Mann Konrad nickt. „Aber irgendwo muss das ja hin“, sagt der 80-Jährige. Draußen im Neubaugebiet, von Knodorf kommend links, hat Eric Michel vor fünf Jahren mit seiner Frau ein schönes Einfamilienhaus hingestellt. Sie haben miteinander ein Kind, das zweite ist unterwegs. „Was soll ich sagen? Wer hierherzieht und die Kamine sieht, muss damit rechnen, dass so etwas passiert.“, Er mache sich aber keine allzu großen Sorgen. „Irgendwo muss der Strom ja herkommen, wir alle brauchen ihn“, sagt der 38-Jährige. Gleichwohl gibt er zu, dass „der große Rumms bei Bayernoil“, wie er sagt, seine Spuren hinterlassen hat. „Das geht dir nicht mehr aus dem Kopf, da schaust du immer wieder mal prüfend rüber.“ Bianca Amann (55), Stadträtin der Aktiven Vohburg, ist noch geteilter Meinung. „Da gibt es ein Für und Wider, ein wenig skeptisch bin ich schon. Aber jetzt möchte ich bei der nächsten Stadtratssitzung erst einmal alle Argumente auf dem Tisch haben.“

Der Austragslandwirt Heribert See steht immer noch unter dem Eindruck der Explosion, „das ganze Dach hat es uns aufgehoben und die Fenster rausgehaut“. Da mag er gar nicht daran denken, dass eine weitere potenzielle Gefahrenquelle dazukommt. „Das Pulverfass wird immer größer“, schimpft der 78-Jährige, und seine Frau Anna nickt zustimmend. Johann Koller findet es „eine absolute Frechheit, was da abgeht“, wo doch noch nicht einmal die Schäden der Explosion geregelt seien, sagt der 50-Jährige. Natürlich ist dem Techniker bewusst, dass Uniper nichts damit zu tun hat. Doch die Wut bleibt. Das neue Gaskraftwerk dürfte freilich nur sehr sporadisch in Betrieb gehen, zumindest heißt es so beim Netzbetreiber Tennet. Sprecherin Ulrike Hörchens nannte es „die Feuerwehr in der Versorgung“. Sie berichtet im Gespräch mit unserer Zeitung von häufigen Problemen durch zu geringe Leitungskapazitäten. „Unsere Aufgabe ist es, Engpässe zu vermeiden.“ Tennet greife dazu auf Einspeiseprognosen zurück, stelle damit weitere Berechnungen an und regele herunter, wenn eine Überlast droht. „Der Strom ist aber vorher schon verkauft worden, da wartet jemand drauf“, sagt die Unternehmenssprecherin. Deshalb müssten in solchen Fällen Anlagen in Süddeutschland die fehlende Energie ersetzen.

Das neue Gaskraftwerk in Irsching sei in dem ganzen Gefüge aber nur ein Puffer zur Aufrechterhaltung der Systemsicherheit; es hänge nicht direkt im Strommarkt. Die beiden bestehenden Blöcke 4 und 5 in dem Vohburger Ortsteil – sie gelten als die modernsten Europas – könnten dagegen mittelfristig wieder eine größere Rolle bei der Produktion spielen. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) ist jedenfalls großer Anhänger dieser Technik, wie er auf Anfrage wissen ließ: „Für die Versorgungssicherheit brauchen wir regionale und klimafreundliche Gaskraftwerke. Diese müssen aber auch auf dem freien Markt rentabel werden und nicht nur in Notsituationen zum Einsatz kommen.“ Die Umsetzung ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, Ende 2022 wird mit Isar II das letzte bayerische Atomkraftwerk abgeschaltet. Kritik an den Neubauplänen in Irsching gab es gestern aus der Strombranche. Der Nürnberger Versorger N-Ergie warnte vor einer „teuren Investitionsruine“, schon jetzt brächte die Bereithaltung von Block 5 jährliche Verluste im zweistelligen Millionenbereich. Vielleicht ist dies auch nur ein strategischer Vorstoß, um die Anlagen wieder verstärkt in den Markt zu bringen: N-Ergie ist zu 25,2 Prozent Anteilseigner an dem Block.

 

Ein Kraftwerk mit Geschichte

Von Johannes Greiner

Die Vorgeschichte: Mitte der 60er-Jahre machte sich die bayerische Staatsregierung daran, der unter hohen Energiepreisen leidenden heimischen Wirtschaft einen entscheidenden Schub zu verpassen: Bei Ingolstadt entstand das bayerische Energiezentrum. Zwei Pipelines lieferten den  Rohstoff Erdöl vom Mittelmeer  ins Donautal. Raffinerien verarbeiteten das „schwarze Gold“.  Im 1965 fertiggestellten Kraftwerk Ingolstadt wurde das schwere Heizöl aus den Raffinerien genutzt, um Strom für den aufstrebenden Freistaat zu erzeugen. 

1969: Der Start Als in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre der Konzern BP (British Petroleum) eine weitere Raffinerie in Vohburg  baute, entschieden die Isar-Amper-Werke,  in der Nachbarschaft ein  Ölkraftwerk zu bauen. 1969 ging der erste Block des Kraftwerks Irsching ans Netz. Bis 1974  war das Kraftwerk mit drei Blöcken und den landschaftsprägenden 200 Meter hohen Schornsteinen fertig. Mit einer  Leistung von insgesamt  920 Megawatt erreichte  Irsching fast  die Größenordnung von Atomkraftwerken.

1972: Das Warmbad Es ist  eine  Attraktion  weit über Irsching hinaus: Das 1972 eröffnete Freibad nahe des   Kraftwerks lockt mit 28 Grad warmem Wasser und verlängert damit die Freibadsaison erheblich. Allerdings wurde das Wasser nie, wie viele meinen, mit der Abwärme des Kraftwerks geheizt. Das Bad zweigte   über eine Leitung Prozesswärme aus dem Betrieb des Kraftwerks ab. Aber auch das ist schon lange Geschichte: Seit 20 Jahren  steht das Bad energietechnisch auf eigenen Füßen.
 
1987: Der Unfall - Am 31. Dezember 1987 ereignete sich im Block 2 des Kraftwerks ein spektakulärer Unfall, der nur mit Glück glimpflich ausging. Bei einem Kaltstart zerbarst die  Turbine, die bereits mit 3000 Umdrehungen pro Minute lief.  Trümmerteile rissen ein Loch in das Dach des Maschinenhauses und wurden bis zu 1,3 Kilometer weit in die Umgebung des Kraftwerks geschleudert. 

2011: Der Rekordjäger Neben den drei Kraftwerksblöcken mit den rot-weiß-geringelten Kaminen baute die Firma  Siemens ab 2006 ein hochmodernes Gas- und Dampfkraftwerk, den Block 4. Bei der Inbetriebnahme 2011 erzielte der Block mit  einer Leistung von 569 Megawatt einen Wirkungsgrad von 60,75 Prozent – Weltrekord. Bereits 2010 war der Block 5 des Kraftwerk ans Netz gegangen, ebenfalls ein modernes Gaskraftwerk mit einer Leistung von 860 Megawatt. Dieser Block wurde gemeinsam von den Energieunternehmen E.ON, N-Ergie und Mainova getragen, anders als der Rest des Standorts Irsching, der heute  ganz zu der E.ON-Abspaltung Uniper gehört. 

2012: Die Krise Probleme begleiten das Kraftwerk Irsching schon lange. Bereits in den 70er- und 80er- Jahren war die Anlage zeitweise wenig  in Betrieb. 2006 wurde Block 1 stillgelegt, Ende 2012 dann Block 2. Der modernere Block 3, der mit Öl und Gas betrieben werden kann, sollte auch stillgelegt werden, wurde dann aber als Reserve betriebsbereit gehalten. Im Dezember 2012 wurde bekannt, dass die Betreiber auch die Stilllegung der modernen, aber unrentablen Blöcke 4 und 5 beantragten. Alle drei Blöcke wurden allerdings als systemrelevant eingestuft und blieben deshalb als Reserve in Betrieb. Der Ausgang der  Debatte um die weitere Nutzung des Kraftwerks  ist noch offen. 

Horst Richter
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