Donnerstag, 18. Oktober 2018
Lade Login-Box.

Tag des Offenen Denkmals bot beeindruckende Blicke hinter alte Mauern und jugendlich frische Poesie

Eine Stadt wie ein Gedicht

Ingolstadt
erstellt am 09.09.2018 um 21:11 Uhr
aktualisiert am 13.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Tausende haben gestern die Gelegenheit genutzt, Baudenkmäler zu besichtigen, die nur selten oder nie für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Die Besucher bekamen in den zehn offenen Denkmälern interessante Führungen geboten. Die "Tour de Poetry Slam" erlebte eine gelungene Premiere: Fünf junge Literaten trugen in historischen Gebäuden mitreißend ihre Texte vor. Abends meldete die Stadt: In den Denkmälern wurden insgesamt 7400 Besuche gezählt.
Textgröße
Drucken
Willkommen im frisch sanierten Fleißerhaus: Die Geburtsstätte der Autorin ? ein Museum ? war gestern am Tag des Offenen Denkmals einer der Besuchermagneten. In der unteren Reihe am zweiten Fenster von links steht Michael Kühnlein, Architekt der Restaurierung.
Willkommen im frisch sanierten Fleißerhaus: Die Geburtsstätte der Autorin - ein Museum - war gestern am Tag des Offenen Denkmals einer der Besuchermagneten. In der unteren Reihe am zweiten Fenster von links steht Michael Kühnlein, Architekt der Restaurierung.
Hammer
Ingolstadt
KAP 94: Wäre in diesem Festungsbau je der Ernstfall eingetreten, hätte es gar nicht gut ausgeschaut für die Schanz. Denn die Kanonen der Kaponniere 94 waren nicht in die Ferne gerichtet wie die Artillerie in den Kavalieren, sondern auf den Wassergraben ringsum. Das bedeutete: Wenn die Kaponniere das Feuer eröffnen musste, stand der Franzose (oder ein anderer Feind) bereits direkt vor der Tür. Und die Festung Ingolstadt am Ende kurz vor der Kapitulation.

So weit kam es allerdings nie. An der mächtigen Bastion aus dem 19. Jahrhundert ist kein einziger Schuss gefallen. In der Kaponniere residierten später unter dem Namen Batterie 94 ein italienisches, dann ein griechisches Lokal und schließlich eine Disco. 2016 haben Ingolstädter Künstler vieler Sparten die Festung übernommen und sie als KAP94 in eine Kunst- und Kulturwerkstatt mit wirklich einzigartigem Flair verwandelt.
Beeindruckendes Gebälk im Barockhaus an der Schäffbräustraße. Die Lesung des Ingolstädters Pascal Simon (mit Buch) kam auch gut an.
Beeindruckendes Gebälk im Barockhaus an der Schäffbräustraße. Die Lesung des Ingolstädters Pascal Simon (mit Buch) kam auch gut an.
Hammer
Ingolstadt



Wäre der Franzose aber angerückt, dann eher nicht über die Kaponniere 94, erklärt Tourleiter Johannes Greiner, Mitglied des Vereins KulturKAP. Denn an dieser "nassen Front" stand den Angreifern ein Altwasser der Donau nebst viel Sumpf im Weg. "Man hat gesagt: Hier kommt eh keiner." Sozusagen Pro-forma-Verteidigung. Die Kaponnieren waren auch deutlich billiger als die gewaltigen Kavaliere. Geld spielte eine Rolle: "Die Landesfestung Ingolstadt war zur Zeit Ludwigs I. das teuerste Bauprojekt in Bayern", erzählt Greiner. Kaum war sie fertig (die Kaponniere 94 etwa 1845) stellte man fest, "dass sie schon wieder veraltet war". Im jahrhundertelangen Rüstungswettlauf zwischen Kanonengießern und Festungserbauern waren die Artilleristen inzwischen mit alles erschütternden Geschützen unbesiegbar in Führung gegangen.

Greiner führt die Besucher (eine sehr große Gruppe) auch auf das Dach des KAP94. Ein wundervoller Ort. Wo einst Kanonen donnern sollten, regiert kreative Wildromantik: Gras, Bäume, dazu Liegestühle, Bierbänke, eine Feuerschale und ein Grill. Die Künstler feiern hier oben gern. Nach der dritten Halben ist jedoch Vorsicht geboten, weil der Garten kein Geländer hat. Aber auch damit wird diese Festung der Kreativität bald aufgerüstet.
Wortgewaltige Kunst in Ingolstadts Wahrzeichen: Lara Ermer (r.) trug im Kreuztor sehr mitreißend mehrere ihrer Lyrik- und Prosawerke vor.
Wortgewaltige Kunst in Ingolstadts Wahrzeichen: Lara Ermer (r.) trug im Kreuztor sehr mitreißend mehrere ihrer Lyrik- und Prosawerke vor.
Hammer
Ingolstadt



Fleißerhaus: Besonders ausdauernde Bildungsbürger kommen am Sonntagmorgen natürlich direkt (also gut: fast) aus einem Ingolstädter Museum zu den Denkmälern. Im aufwendig restaurierten Elternhaus Marieluise Fleißers an der Kupferstraße werden bis Mittag schon 500 Besucher gezählt. Die sind von den Räumen begeistert. Was Michael Kühnlein, den Architekten der Sanierung, sehr freuen dürfte; er ist auch anwesend. "Dieses Haus ist ein Schatzkästchen! Sensationell", schwärmt Beatrix Schönewald, die Leiterin des Stadtmuseums. "Hier kann man drei Epochen hautnah erleben." Vom 15. bis zum frühen 20. Jahrhundert alles unter einem Dach.

Kreuztor: Lara Ermer findet die Galerie im Kreuztor "sehr süß". Sie habe sich "hier sofort wohlgefühlt", erzählt die junge Literatin, denn sie ist in einem Denkmal daheim: "Ich wohne in Fürth in einem Fachwerkhaus, Baujahr 1750. " Das Kreuztor habe eine "tolle Akustik". Die nutzt sie auch gleich volltönend aus. Kurz bevor sie die Zuhörer in die wortmächtige Welt des Poetry Slams einführt, schickt Lara Ermer (noch) ruhig voraus: "Ich bin echt nett. Aber nicht auf der Bühne. " Und: "Ich bin immer so frech und duze mein Publikum, Ihr nehmt mir das hoffentlich nicht übel. Nachher kann ich euch alle gern wieder siezen." Es folgt ein mitreißender bis markerschütternder Lyrik- und Prosavortrag auf gehobenem literarischen Niveau. Spätestens nach dem Vers " Hör doch bitte auf die Welt mit so einer Fresse zu verschandeln!" würde mancher sicher gern mit ihr per du bleiben.
Wo einst Kanonen donnern sollten, blühen Bäume. Johannes Greiner führte die Besucher auch auf das Dach der Kaponniere 94 (KAP94).
Wo einst Kanonen donnern sollten, blühen Bäume. Johannes Greiner führte die Besucher auch auf das Dach der Kaponniere 94 (KAP94).
Hammer
Ingolstadt



Kavalier Dalwigk: Was für ein Finale. Der Wasserturm wirft in der Abendsonne einen Schatten auf eine malerische Szenerie: Peter Parkster steht an der Brüstung des Dachs und liest. Hinter ihm tut sich das Grün des Klenzeparks auf. Ihm gegenüber: viele verzückte Zuhörer; es werden über 120. Sie erleben eindringliche autobiografische Prosa über junge sensible Intellektuelle auf Sauftour ("Hätten wir den Sangría-Eimer eigentlich vorher auswaschen sollen?"), zwei hinreißende "Rotkäppchen"-Adaptionen und andere heitere Texte. So lustig ging es auf dem alten Kasten noch nie zu. Dem Denkmaltag sei Dank.
 
Christian Silvester
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!