Samstag, 22. September 2018
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Bei der Nacht der Museen erleben die Besucher verschiedene Epochen der Geschichte

Eine Reise durch die Jahrhunderte

Ingolstadt
erstellt am 09.09.2018 um 19:30 Uhr
aktualisiert am 13.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Wenn die bunten Laternen den Weg weisen und die Oldtimer-Busse in der Dunkelheit durch die Stadt kreuzen, dann ist wieder Zeit für die Nacht der Museen. Am Samstag luden 13 Kulturstätten die Besucher bis in die Morgenstunden dazu ein, in die Vergangenheit einzutauchen - und ein Monster auferstehen zu sehen.
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Ute Lottes offenbarte den Besuchern des Stadtmuseums, was Feminismus und gesellschaftliche Ausgrenzung mit dem Roman ?Frankenstein? zu tun haben ? selbstverständlich in historischen Gewändern. Die Oldtimer-Busse brachten die Besucher von Station zu Station, eine davon im Garten des Deutschen Medizinhistorischen Museums, wo das g'scheiterhaufen-Theaterensemble die Kreatur der Autorin auferstehen ließ (Mitte, rechts). Im Lechner Museum zog die Kunst, im Bayerischen Polizeimuseum lockten alte Einsa
Ute Lottes offenbarte den Besuchern des Stadtmuseums, was Feminismus und gesellschaftliche Ausgrenzung mit dem Roman "Frankenstein" zu tun haben - selbstverständlich in historischen Gewändern. Die Oldtimer-Busse brachten die Besucher von Station zu Station, eine davon im Garten des Deutschen Medizinhistorischen Museums, wo das g'scheiterhaufen-Theaterensemble die Kreatur der Autorin auferstehen ließ (Mitte, rechts). Im Lechner Museum zog die Kunst, im Bayerischen Polizeimuseum lockten alte Einsatzfahrzeuge die Menschen an (unten).
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STADTMUSEUM

Ute Lottes wirkt wie aus der Zeit gefallen, wie sie in ihrem historischen Kleid samt Häubchen umringt von Zuhörern in der Ausstellung des Stadtmuseums steht. Harte Schatten fallen ihr ins Gesicht, während sie die Besucher mitnimmt auf eine Reise 200 Jahre zurück in das Leben der Frankenstein-Autorin Mary Shelley. Die Nachfrage nach der Führung war so groß, dass das Museum die Gruppe zweiteilen musste. Alle wollen die Geschichte vom Horror made in Ingolstadt hören. Doch die Museumsführerin erzählt so viel mehr: Sie stellt Shelley als Frauenrechtlerin und junge unverheiratete Mutter dar, die mit Ausgrenzung zu kämpfen hatte und dennoch für die freie Liebe kämpfte. "Es steckt sehr viel Biografie in Frankenstein", sagt die Führerin.

Nacht der Museen


Lottes berichtet vom jungen Paar Percy und Mary Shelley, das "bei Nacht und Nebel" durchbrennt und im Laufe eines bewegten Lebens in die Schweiz gelangt, wo Shelley am Genfer See ihre Geschichte niederschreibt. Die Kreatur daraus wird einigen Besuchern and diesem Abend indes noch leibhaftig begegnen.

Fotostrecke: Nacht der Museen


"Das Wetter war furchtbar, ein Vulkanausbruch verdunkelte den Himmel, und im Sommer fiel Schnee", beschreibt Lottes das Entstehungsjahr des Romans 1816. Trotz der tragischen Lebensgeschichte Shelleys - sie verliert allein vier ihrer fünf Kinder - und obwohl die Themen künstliche Schöpfung und die Grenzen der Wissenschaft alles andere als leichte Kost sind: Lottes nimmt die Besucher mit erfrischendem trockenem Humor mit, bezieht sie mit ein, wenn sie von Illuminaten und dem historischen mystischen Bayern spricht. Selbst Tobias Kuschill, der während der Erklärungen immer wieder mit Detailwissen zum Thema Shelley glänzt, erfährt viel Neues, wie er danach erklärt: "Die Führung ist eine richtig gute Idee."
 
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Während vor dem Museum ein Querflöten-Quartett aufspielt, verglimmt auf der Wiese daneben ein Lagerfeuer. Dort hat eine Gruppe Laienhistoriker ein Lager aufgeschlagen, sie stellen das Leben der Soldaten des Grafen von Tilly nach. Vor ziemlich genau einem Jahr haben Stefan Lorenz, Patrizia Koreny und Stefan Radle den historischen Marsch von Tilly von Rain am Lech nach Ingolstadt von 1632 geschafft - das sei "Experimentalarchäologie", so Radle: "Wir wollten herausfinden, ob die Soldaten diesen Marsch tatsächlich bewältigt haben können." Heute gehen die drei einen Schritt weiter: Sie werden die Nacht in den historischen Zelten verbringen. "Das wird spannend", sagt Koreny lachend.

POLIZEIMUSEUM
 
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Nur wenige Minuten später fährt an einer der bunt leuchtenden Laternen ein Stück weiter ein gut gefüllter orangefarbener Oldtimer-Doppeldeckerbus ab. Überhaupt ist der Andrang auf die etwas anderen Beförderungsmittel groß. Oft reihen sich an den Bushaltestellen so viele Menschen aneinander, dass ein Teil davon einen Bus ziehen lassen und auf den nächsten warten muss. Auf Rundkurs zwei lädt der Fahrer des Doppeldecksers einige Besucher am Medizinhistorischen Museum ab, ehe er den Bus weiter zum Brückenkopf steuert.

Der von außen stimmungsvoll beleuchtete Turm Triva leitet die Gäste in das Bayerische Polizeimuseum. Dort ziehen die alten Einsatzfahrzeuge die Besucher an. Zwei kleine Gäste aber haben nur Augen für eines: Die Brüder Matteo und Fabio stehen fasziniert vor dem Schaukasten, der alte Polizeiwaffen beherbergt. Vorbei an alten Automaten, Uniformen und Plakaten der Nationalsozialisten dürfen die Besucher am Ende sogar einen Blick in die Scheune werden, wo einst in Hinterkaifeck sechs Menschen ums Leben kamen - natürlich nur als Replik.
 
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ARZNEIPFLANZGARTEN

Ganz real geht es für die Besucher nur wenige Minuten später wieder zurück ins 19. Jahrhundert: Denn in der Mitte des Arzneipflanzgartens des Deutschen Medizinhistorischen Museums erhebt sich unter einem mittlerweile tiefschwarzen sternenklaren Himmel Frankensteins Monster. Das Improvisatonstheaterensemble g`scheiterhaufen hat sich einen passenden Platz für "Frankenstein improvisiert" gesucht - wurden doch wenige Meter weiter im Atrium einst Leichen seziert. Pünktlich zu Beginn haben sich rings um die Schauspieler hunderte Zuschauer eingefunden.

Zu zarten Schlagzeugklängen erleben sie die Entstehung der Kreatur. Mit immer fordernderen Rythmen wird das Monster zuckend und zischend lebendiger - ehe es sogar seinen Schöpfer mit seiner hässlichen Gestalt erschreckt. Dazu improvisieren die Schauspieler auch einige Musikstücke, begleitet von Klavier und Schlagzeug. "Lebendig", nennt Besucher Richard Vielwerth diese Interpretation. Die Darstellung sei interessant, die Musik passe - genauso wie der Spielort. Jetzt geht es für ihn und seine Frau aber in die Hohe Schule - dort wartet ein Illuminaten-Gemälde auf ihn, dass noch interessanter sei.

LECHNER MUSEUM

Die Nacht ist endgültig über die Stadt hereingebrochen, als ein weiterer historischer Bus eine Gruppe Menschen vor dem Lechner Museum und damit in die Moderne ausspuckt. Dort sind im Eck hinter den Stahlskulpturen die Reihen voll besetzt, jeden Moment soll eine Artistik-Show beginnen. Die Schwestern Nora und Charlotta rennen zwischen den Skulpturen hindurch zur Bühne - denn die erste Artistin ist da. Ein Beatboxer und Geigenklänge aus dem Off wechseln sich ab, die Tänzerin bewegt sich zwischen Ballett und Moderne. Dann kommen zwei Artisten hinzu, die sich ein ums andere Mal gegenseitig in die Höhe hieven und mit zitternden Muskeln unmögliche scheinende Anstrengungen schaffen. Schließlich kommen Seile zum Einsatz, die bisher unbeachtet von der Decke hingen. Auf den Takt des Beatboxers getrimmt, beschleunigen die drei Artisten Drehung um Drehung in der Luft und schaffen zwischen industrieller Architektur faszinierende kunstvolle Verrenkungen.

"Sehr gut" hat Renate Schweigr, Brunhilde Deutscher und Christine Ketzlmeier die Show gefallen, sie sei - bisher - das Highlight des Abends. Vom Anatomiegarten sind sie schon in das Museum für konkrete Kunst und ins Stadttheater gezogen. Nun geht es für sie aber weiter ins Audi-Museum - natürlich mit einem Oldtimer-Bus auf dem Rundkurs.
Sophie Schmidt
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