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"Chirurgie ist Gesundheitshandwerk"

erstellt am 13.09.2018 um 20:39 Uhr
aktualisiert am 17.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Der Leiter der Maul-Klinik, Michael Neudecker, über kleine und große Krankenhäuser und die Spahn-Pläne.
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Herr Dr. Neudecker, Sie führen die Maul-Klinik in der vierten GenerationWar Ihr Berufswunsch immer Arzt, der Weg als Chirurg vorgezeichnet, oder hatten sie als Kind einen anderen Traumberuf?

Chirurgie als Familientradition: Der Chirurg Georg Maul (Porträt im Hintergrund) hat die Klinik Dr. Maul gegründet, sein Enkel Michael Neudecker, ebenfalls Chirurg, führt sie im 90. Jubiläumsjahr.
Chirurgie als Familientradition: Der Chirurg Georg Maul (Porträt im Hintergrund) hat die Klinik Dr. Maul gegründet, sein Enkel Michael Neudecker, ebenfalls Chirurg, führt sie im 90. Jubiläumsjahr.
Hammer
Michael Neudecker: Als Kind weniger. Grafik hat mich interessiert, Industriedesign oder Grafikdesign, allerdings muss ich sagen, dass mir das Handwerkliche schon sehr früh sehr viel Spaß gemacht hat. Und Unfallchirurgie und Orthopädie ist Gesundheitshandwerk für mich. Das war letztendlich der Grund, warum ich mich dafür entschieden habe. Ich wusste von Anfang an, wenn ich Medizin studiere, gehe ich in diese Fachrichtung. Ich hab das nicht bereut.

Innerhalb von 90 Jahren hat sich die Krankenhauslandschaft massiv verändert. Heutzutage geht der Trend Richtung Spezialisierung. In Ingolstadt gibt es das Klinikum als Mitbewerber. Wie kann sich eine kleine Klinik gegen das große Klinikum behaupten?

Neudecker: Der Trend geht sicher zur Spezialisierung, aber der geht ja auch an uns nicht vorbei. Wir bilden uns weiter, und es ist sicher unser Vorteil, das wir flexibel sind und Spezialisten auch suchen können, nachdem wir mit den Kooperationsärzten nicht in einem Angestelltenverhältnis arbeiten, sondern in der kooperativen Situation, dass diese an unserem Haus operativ tätig sind. Wir können uns Spezialisten ans Haus holen, die gerade dieser Spezialisierung Rechnung tragen können. Der Trend geht auch dazu, dass man eine größere Arztnähe sucht. Was hilft der Spezialist, zu dem man hinfährt in eine große Stadt, dort versorgt wird, den Arzt nachher einmal sieht und dann wieder nach Hause fährt. Alle Vor- und Nachsorge findet ohne diesen Spezialisten statt. Das ist bei uns anders. Auch technisch haben wir in den letzten Jahren sehr viel investiert, dass wir hygienetechnisch und operationstechnisch vorne dabei sind.

Gibt es eine Zusammenarbeit mit dem Klinikum?

Neudecker: Wir arbeiten mit dem Klinikum eng zusammen, sowohl über die Notaufnahme, als auch über die einzelnen Fachabteilungen. Es ist so, dass auch zahlreiche Kollegen in den letzten Jahren dort nach Absolvieren ihrer Ausbildung, nach Erreichen des Spezialistentums zu uns kamen und als niedergelassene Operateure bei uns tätig sind.

Also keine Konkurrenzsituation zum Klinikum?

Neudecker: Von unserer Seite aus wird es nie eine Konkurrenzsituation geben. Wir werden immer der kleinere Partner bleiben, und wir werden auch nie sagen, wir brauchen die Expertise nicht. Wir müssen die Kardiologie, die spezielle Unfallchirurgie, bei bestimmten Fällen die Intensivmedizin in Anspruch nehmen. Wir untersuchen unsere Patienten besonders gründlich, damit wir vorausplanen können, ob der Patient mit dem speziellen Eingriff hier versorgt werden kann. Das erfordert etwas mehr Vorplanung. Was wir nie absehen können sind Fälle, die unvorhergesehen passieren. Da brauchen wir natürlich auch die Kompetenz und die Hilfe eines Maximalversorgers.

Wirtschaftlichkeit spielt auch bei kleinen Häusern eine große Rolle, sollte aber nicht auf Kosten der Behandlung gehen. Wie schafft man diese Gratwanderung?

Neudecker: Indem man sich gute Leute für die Wirtschaftlichkeit holt. Unser jetziger Verwaltungsleiter, der Herr Sibbe, ist ein ausgewiesener Fachmann. Indem wir viele Dinge umdrehen und Notwendigkeiten hinterfragen. Indem wir in einer großen Einkaufsgemeinschaft sind, wo man günstigere Preise bekommt. Unser Hauptpluspunkt ist das Engagement aller Mitarbeiter, auch im Pflegedienst, das deutlich über das normale Maß hinausgeht. Wir müssen uns mit den Löhnen an Tarifverträgen orientieren, da können wir nicht sagen, bei uns gibt's nur die Hälfte, die Konkurrenz ist so groß, dass wir sonst keine Mitarbeiter halten könnten. Aber die Vergangenheit zeigt, dass die Mitarbeiter langjährig bei uns geblieben sind. Ich denke auch, dass sie aus Zufriedenheit langjährig geblieben sind. Und, dass das Arbeitsklima gut ist.

Stichwort Pflegenotstand: Bekommen Sie den an Ihrer Klinik auch zu spüren? Und was halten Sie von den Plänen von Gesundheitsminister Jens Spahn, der in seiner Pflegeoffensive auch die Krankenhäuser stärker in die Pflicht nehmen, allerdings auch die Krankenhausfinanzierung verbessern will?

Neudecker: Wir erleben das ja nicht zum ersten Mal. Das ist nicht der erste Pflegenotstand, den wir in Deutschland haben, das ist ein wellenförmiges Phänomen. Nicht jeder Gesundheitsminister muss sich neu erfinden. Es sind Dinge, die schon lange im Gesundheitswesen bekannt sind. Man muss die Attraktivität steigern, die Arbeitszeiten verbessern, da hat sich sicher in der letzten Zeit was getan. Man muss die Vergütung verbessern, da sind das Gesundheitsministerium und die Kostenträger gefordert, dass sie den Krankenhäusern für die Bezahlung mehr zur Verfügung stellen. Es geht sicher nicht im Umkehrschluss, dass ich sage, ich lege auf jede Abteilung im Krankenhaus einen Schlüssel, der zwingend ist und der mir sagt, du musst für die Versorgung dieser Station und dieses Schwierigkeitsgrades soundso viele Pflegekräfte haben. Erstens muss ich sie finden, zweitens muss ich sie bezahlen können. Wir haben viele Teilzeitkräfte, Modelle, mit denen unser hauptsächlich weibliches Personal die Familie in Einklang bringen kann. Es sind die weichen Faktoren, die bei der Personalsuche heute die wichtigeren sind. Pflegenotstand spüren wir. Aber, wie schon gesagt, wir haben keine sehr hohe Wechselfrequenz und viele langjährige Mitarbeiter.

Können Pflegekräfte aus dem Ausland der Heilsbringer gegen den Pflegenotstand sein?

Neudecker: Vor Jahren haben wir schon Modelle gehabt, wo ungarische Pflegekräfte hier waren. Ich glaube, dass das schon eine Möglichkeit ist. Aber im Gesundheitswesen ist trotzdem das gesprochene Wort beim Pflegenden ganz wichtig. Wir müssen in Ingolstadt verstehen, was der Patient will. Und der Patient muss verstehen, was die Pflegekraft will. Und wenn wir jetzt schon bei vielen Patienten das Problem haben, dass wir deren Sprache kaum sprechen, dann dürfen wir nicht im Gegensatz dazu Personal haben, das die Sprache der Patienten nicht spricht. Wir haben etwa 20 Nationalitäten hier im Haus. Wir haben einen Plan, wer welche Sprache spricht, weil wir das im Umkehrschluss einfach brauchen. Wenn ein Patient kommt, der aus Kroatien oder Afghanistan stammt oder aus dem Iran, schauen wir, ob nicht jemand da ist, der dessen Sprache spricht. Wir werden das Problem letztlich nur mit einem Teil ausländischer Pflegekräfte lösen können, weil ich glaube, dass kurz- und mittelfristig gar nicht genügend Kräfte in Deutschland ausgebildet werden können. Wir müssen diese Kräfte aber gut schulen, sie müssen Zeit haben, sich einarbeiten zu können, und sie müssen eine adäquate Kommunikation mit uns und mit dem Patienten aufbauen können. Dann macht das sicher Sinn.

Wie ist das bei den Ärzten?

Neudecker: Hier ist das noch ganz was anderes. Ohne nichtdeutsche Ärzte könnten ganz viele Krankenhäuser in Deutschland schließen. Da müssen wir wirklich auf ausländische Ärzte zurückgreifen. Man hat sich geeinigt, dass bei Ärzten das Sprachniveau C1 verlangt wird, um Missverständnissen vorzubeugen. Es kann sowohl beim Pflegedienst als auch beim Arzt fatale Folgen haben, wenn der eine nicht versteht, was der andere will. Darum ist das Sprachniveau ganz wichtig.

Das Gespräch führte Ruth Stückle.
 

FEIER ZUM JUBILÄUM

„90 Jahre medizinische Tradition in Ingolstadt“ feiert die Klinik Dr. Maul am heutigen Freitag, 14. September – mit einem  Fest für die Mitarbeiter. Beginn ist um 18 Uhr im Medizinhistorischen Museum, wo der Apothekter Christian Pacher durch den Arzneipflanzengarten führt. Ab 20 Uhr gibt es eine Feier mit Livemusik von 2Unplugged im Diagonal. „Wir wollen unseren Mitarbeitern damit etwas für ihren großen Einsatz zurückgeben“, sagt der Klinikchef Michael Neudecker.    Der offizielle Teil der Jubiläumsfeier findet am 28. November statt.
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