Donnerstag, 17. Januar 2019
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GWG muss Neubauten für Flüchtlinge nach zwei Jahren sanieren - und erntet Kritik für Entmietung

Holperiges Ende eines Wohnprojekts

Ingolstadt
erstellt am 02.01.2019 um 18:12 Uhr
aktualisiert am 06.01.2019 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Ein Wohnprojekt für anerkannte und geduldete Flüchtlinge an der Gustav-Adolf-Straße im Südwesten ist offenbar vorerst gescheitert. Die städtische GWG, die hier vor zwei Jahren sechs einfache Wohnhäuser mit 72 Zimmern fertiggestellt hatte, lässt die Zeitmietverträge mit allen Bewohnern auslaufen, weil es über die Monate zu viel Vandalismus und hygienische Probleme gegeben haben soll. Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer sehen allerdings auch ein Versagen der Stadt bei der sozialen Betreuung.
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Ein vielsagendes Bild: Eine ausrangierte Couch und weiterer Sperrmüll vor einem der sechs von der GWG voll möblierten Neubauten an der Gustav-Adolf-Straße, die nun entmietet werden, um ? nach nur zwei Jahren ? Sanierungsarbeiten durchführen zu können. Laut GWG-Geschäftsführung sind etliche der hier bislang untergebrachten Flüchtlinge nicht sonderlich pfleglich mit ihren Wohnungen umgegangen.
Ein vielsagendes Bild: Eine ausrangierte Couch und weiterer Sperrmüll vor einem der sechs von der GWG voll möblierten Neubauten an der Gustav-Adolf-Straße, die nun entmietet werden, um - nach nur zwei Jahren - Sanierungsarbeiten durchführen zu können. Laut GWG-Geschäftsführung sind etliche der hier bislang untergebrachten Flüchtlinge nicht sonderlich pfleglich mit ihren Wohnungen umgegangen.
Hauser
Ingolstadt
Ein Kreis von engagierten Bürgern, die sich seit Jahren um in Ingolstadt lebende Flüchtlinge kümmern, hat zum Jahreswechsel mit einem Brandbrief an Kommunalpolitiker und den DONAUKURIER Alarm geschlagen: Integrationswillige, teils in Ausbildung oder sonstiger Arbeit gut aufgehobene Asylbewerber würden von der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft mit problematischen Mitbewohnern über einen Kamm geschoren und seien die Verlierer der jetzigen Umwälzungen an der Gustav-Adolf-Straße, heißt es da im Tenor. Man sehe dadurch auch die eigene ehrenamtliche Arbeit zum Wohle von Flüchtlingen konterkariert. Die Schlussfolgerung der fünf Unterzeichner: "Jetzt ist die Politik gefragt."

Der Kommunalpolitik hatten die rund 70 Flüchtlinge, die in den erst zwei Jahre alten Wohnungen bzw. Einzelzimmern untergekommen waren, allerdings überhaupt ihre vergleichsweise komfortablen Unterkünfte zu verdanken gehabt. Die Stadtspitze hatte die kommunale Gesellschaft nämlich angehalten, die Häuser gegenüber vom Schulzentrum Südwest für ein Wohnprojekt mit minderjährigen (sogenannten unbegleiteten) Flüchtlingen, anerkannten Asylbewerbern und womöglich einheimischen Auszubildenden und Studenten aus dem Boden zu stampfen.

Die sechs Bauten sollen hier nur 15 Jahre stehen und dann wieder demontiert und das städtische Grundstück später anderweitig verwertet werden. Es kann wohl von einfacherer Bauweise, aber keinesfalls von provisorischen Notunterkünften gesprochen werden. Alle Zimmer wurden den Bewohnern voll möbliert übergeben, die GWG stellte auch einen Hausmeisterdienst.

Bezogen wurden die Wohnungen mit jeweils vier Zimmern für drei Bewohner dann aber ausschließlich von Flüchtlingen mit Bleibestatus, darunter auch einige zunächst noch Minderjährige, die aber inzwischen alle 18 Jahre oder älter sein sollen. Neun dieser Heranwachsenden wurden nach Auskunft aus dem Sozialreferat zuletzt noch von Sozialarbeitern betreut, die bei einigen von der Stadt beauftragten Firmen angestellt sind.

Unter den an der Gustav-Adolf-Straße heimisch gewordenen Neubürgern müssen es mit der Zeit dann einige mit den Regeln des Zusammenlebens - was mitteleuropäische Standards und Erwartungen betrifft - nicht sonderlich genau genommen haben. Es habe wiederholt Nachbarschaftsbeschwerden über nächtliche Lärmbelästigungen, viel häufiger aber Probleme mit der Müllentsorgung, mit der Hygiene in den Sanitäreinrichtungen und mit Vandalismus bei Einrichtungsgegenständen, zum Beispiel in den Gemeinschaftsküchen, gegeben, berichtete GWG-Geschäftsführer Peter Karmann auf DK-Anfrage.

Bereits im vergangenen Sommer, so Karmann, habe es deshalb einen Krisengipfel mit allen Beteiligten von GWG, Stadt und beauftragten Sozialarbeitern gegeben, der aber keine Besserung der Verhältnisse bewirkt habe. Auch Sozialreferent Wolfgang Scheuer bestätigte dem DK gestern diesen erfolglosen Versuch, der "ganz massiven Probleme" an der Gustav-Adolf-Straße Herr zu werden. Nachforschungen, die genauen Verursacher von Schäden, Verunreinigungen und Lärmbelästigungen zu ermitteln, seien wegen der Verschwiegenheit der Bewohner in der Regel im Sande verlaufen.

Dass die GWG jetzt den gesamten Komplex erst einmal entmieten wolle, um die Wohnungen sanieren zu können, leuchtet dem Sozialreferenten ein. Er geht davon aus, dass die Leute, die sich nachweislich unauffällig verhalten haben, später wieder einziehen können.

In diese Richtung äußerte sich auch Peter Karmann, der auch die wirtschaftlichen Herausforderungen des Projekts unterstreicht: Die Gesellschaft könne hier angesichts gedeckelter Mieten längst nicht die nötige Refinanzierung sichern. Karmann betont zudem, dass angesichts der laufenden Entmietung nicht von Kündigungen gesprochen werden könne - vielmehr würden bestehende Verträge nicht verlängert. Die letzten Verträge laufen demnach Ende April aus.

Als erste politische Gruppierung haben die Grünen öffentlich auf die Hinweise der Flüchtlingshelfer reagiert. Fraktionschefin Petra Kleine hat GWG-Geschäftsführer Karmann in einem Schreiben um Aufklärung gebeten. Gegebenenfalls, so hat Kleine in dem Brief angedeutet, benötige die GWG ja bei dem Projekt auch "mehr Unterstützung vor Ort - z.B. durch sozialarbeiterische Betreuung". Eine koordinierte, auf alle Bewohner wirkende Sozialarbeit, so Karmann zum DK, habe er an der Gustav-Adolf-Straße tatsächlich bislang vermisst.
 

Ein Kommentar von Thorsten Stark


Bei diesem offensichtlich aus dem Ruder gelaufenen Projekt zeigt sich wieder, dass gut gemeint nicht gut gemacht bedeuten muss. Dass die Bewohner zum Misslingen ihren Teil beigetragen haben, scheint unstrittig. Aber GWG und Stadt müssen sich die Frage gefallen lassen, wieso sie nicht am ursprünglichen Gedanken der Wohngemeinschaft festgehalten haben. Ursprünglich sollten in den Häusern auch Lehrlinge, Studenten und Sozialarbeiter einziehen. Von diesem Mix hätten alle Seiten profitieren können.

Wenn man aber 70 junge Menschen aus anderen Kulturkreisen weitgehend unter sich lässt, dann muss man sich eigentlich nicht wundern, dass sich deren Sozialverhalten nicht so wie ausgemalt entwickelt und man jetzt vor den Scherben einer an sich guten Idee steht.
 
Bernd Heimerl
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