Montag, 22. Oktober 2018
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Schöpfungstag lädt mit Vortrag und Markt der Möglichkeiten zum Überdenken des Lebensstils ein

Zurück zur menschlichen Natur

Eichstätt
erstellt am 10.10.2018 um 18:44 Uhr
aktualisiert am 13.10.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Eichstätt (HK) Wie finden wir eine Lebensform, die besser zu uns passt? Wie gehen wir verantwortungsvoll nicht nur mit der Umwelt, sondern auch mit menschlichen Ressourcen um? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des diözesanen Schöpfungstags, den das Bistum Eichstätt zum Gedenktag des Umwelt-Heiligen Franz von Assisi veranstaltete.
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Ein Gebärdensprachen-Workshop (oben), eine Kleidertauschbörse (unten rechts) und der Vortrag ?Raubbau an der Seele? des Psychotherapeuten und Buchautoren Wolfgang Schmidbauer (unten links) setzten beim Schöpfungstag Impulse zum Thema ?Mensch! Wo ist Deine Natur??.
Ein Gebärdensprachen-Workshop (oben), eine Kleidertauschbörse (unten rechts) und der Vortrag "Raubbau an der Seele" des Psychotherapeuten und Buchautoren Wolfgang Schmidbauer (unten links) setzten beim Schöpfungstag Impulse zum Thema "Mensch! Wo ist Deine Natur?".
Kusche
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Unter dem Motto "Mensch! Wo ist Deine Natur?" lockten die Organisatoren um Nachhaltigkeitsreferentin Lisa Amon viele interessierte Besucher, darunter auch Familien mit Kindern, ins Priesterseminar. Den ganzen Nachmittag war ein abwechslungsreiches Programm geboten.

Der moderne Mensch betreibt heute in zweifacher Weise Raubbau - an seinen psychischen wie an den physischen Ressourcen. So lautete die Grundthese des Psychotherapeuten und Autoren Wolfgang Schmidbauer aus München, der auf der Grundlage seines Buches "Raubbau an der Seele - Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" einen Vortrag hielt. Für den Psychoanalytiker, Jahrgang 1941, steht eines fest: Zur Ausbeutung und Verschmutzung unseres Planeten Erde gesellt sich immer öfter die lähmende Erschöpfung des Menschen, dessen Gesundheit durch übermäßigen Konsum und Leistungsdruck hochgradig gefährdet ist. So können Burnout und Depressionen einerseits, aggressive Verhaltensweisen wie Mobbing, Narzissmus oder blanke Wut andererseits die Folgen von Überfluss und Überbelastung sein: "Vor allem die Depression ist eine Zeitkrankheit", betonte Schmidbauer.
 
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Die Personengruppen, die insbesondere von Depressionen betroffen sind, sprächen für sich: Erzieher, Pflegekräfte im Alten- und Krankenpflegebereich, Mitarbeiter in Callcentern, auch Theologen seien dreimal so stark gefährdet wie Menschen, die beispielsweise im Handwerk tätig sind. Ständige Überbelastung, die Konfrontation mit Negativem, Unzufriedenheit und die Unfähigkeit, die eigenen körperlichen Grenzen zu erkennen, könnten fatale Folgen haben, warnte Schmidbauer eindringlich: "Die Depression ist keine Krankheit, die Menschen aus heiterem Himmel befällt, sondern die Folge einer Verleugnung eigener Belastungsgrenzen, eigener Leistungsfixierung sowie der unbewussten Vorstellung, negative Gefühle ließen sich durch Anpassung vermeiden."

Schmidbauer, der früher in einem einfachen Steinhaus ohne Wasser und Strom in Italien lebte und dort das Gefühl von Freiheit und Autonomie erleben durfte, sieht vor allem in einem Irrglauben eine große Gefahr. Es ist der Glaube daran, dass unser Leben durch Leistung und Konsum kontrollierbar wird und das mit Glück gleichzusetzen sei: "Aus dem Homo sapiens wurde inzwischen der Homo consumens, der aus seiner Unzufriedenheit heraus nach immer mehr Überfluss und Gier strebt und sich dadurch einer dramatischen Überforderung aussetzt", analysierte Schmidbauer. Sich mit weniger zufrieden zu geben, sich Zeit zum Nachdenken und für Muße zu nehmen, stoße in unserer schnelllebigen Gesellschaft auf sehr geringe Akzeptanz. Konsum und Leistung seien keine Glücksgaranten, sondern vielmehr Ursachen für die steigende Zahl von Erkrankten mit Depressionen, Burnout und massiver Erschöpfung, die immer häufiger und schneller zu Medikamenten griffen: "Die Psyche ist aber viel zu kompliziert, als dass sie mit Antidepressiva behandelt werden könnte", warnte Schmidbauer.
 
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Was also tun gegen den immer noch ungebremsten Konsumwahn? In einer von Michael Heberling moderierten Gesprächsrunde erörterten Referent Schmidbauer und Generalvikar Isidor Vollnhals verschiedene Aspekte zum Problem des Raubbaus an der Natur - der menschlichen Natur wie der Umwelt. Diesem Raubbau zu begegnen, dafür gibt es für Schmidbauer eine zentrale Lösung: das Leben wieder mit Sinn zu füllen, und zwar durch handwerkliches Tun, Entschleunigung und die Aufwertung sozialer Begegnungen. "Wir müssen uns wieder mehr auf die Sinnlichkeit und Beziehungsfähigkeit des Menschen als dessen Natur besinnen." Riesige "Apparate" wie Großstädte, Großbetriebe, Bürokratien, gepaart mit Leistungs- und Erwartungsdruck und dem Primat des Geldes entsprächen nicht der Lebensform, die zur Lebensnatur des Menschen passe. Diese Erkenntnis sowie auf Distanz zu Verschwendungs- und Überflusskonsum zu gehen, könne, so Schmidbauer, dazu beitragen, dass der Homo sapiens den Homo consumens überleben kann.
 

Inspiration und Mitmach-Aktionen

Ein vielfältiges Programm aus Mitmachangeboten, Führungen, Ausstellungen und Informationen rund um Nachhaltigkeitsthemen im und um das Priesterseminar war beim Schöpfungstag ebenfalls geboten.

Zum Entspannen, Meditieren und Kraft-Tanken luden Mitglieder des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) des Diözesanverbandes Eichstätt in zwei Workshops ein. Sozialpädagogin Marietta Schmidt stellte die Schöpfungsgeschichte in den Mittelpunkt ihres Workshops und ließ diese für ihre Teilnehmer in Tanz, Gesang, Impulsen und Bildern sinnlich begreifbar werden. Martha Gottschalk von der Frauenpastoral im Bistum Eichstätt beschäftigte sich zusammen mit ihren Besuchern mit dem Thema "Mein Name sei Mensch"; Diözesanreferentin Teresa Loichen bot einen Oasenworkshop mit Impulsen zum Auftanken an.

Gut besucht war der "Markt der Möglichkeiten", der mit einer "Stoffwechselparty" des KDFB nicht nur für eine gelungene Kleidertauschbörse, sondern mit Hunderten von gut erhaltenen Büchern auch für neuen Lesestoff gegen eine kleine Spende sorgte. Viele Gäste versuchten sich beim Fertigen einer T-Shirt-Tasche ohne Nähen, das der Verbraucherservice Bayern im KDFB anbot, oder informierten sich bei den vielfältigen Aktionen wie der Handy-Sammelaktion von missio und Kolping, der Schuhsammelaktion der Kolpingjugend und des Kolping Dachverbands Eichstätts oder der Aktion des Weltgebetstags der Frauen "Stifte machen Mädchen stark", die syrische Mädchen in einem Flüchtlingscamp im Libanon unterstützt.

Eine Gruppe aus jungen und älteren Interessierten fand sich auch beim Workshop "Gebärdensprache" ein, der von der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ) angeboten wurde.

Einen besonderen Bezug zum Thema des diesjährigen Schöpfungstags hat auch der Subregens des Priesterseminars, Bernhard Fleckenstein, mit einer Fotoausstellung mit dem Titel "Außen vor & mitten drin" hergestellt. In einer Fotoreihe fokussiert er verschiedene Motive aus dem Umkreis des Priesterseminars, an denen er "nicht schon wieder einfach nur achtlos vorbeigehen", sondern innehalten, verweilen, sich selber berühren lassen will und seine Gedanken dazu ausdrücken möchte.

Eine Lernstation über Honig- und Wildbienen, Führungen durch die Seminargärtnerei, das Collegium Orientale und das Bischöfliche Seminar St. Willibald sowie eine Filmpräsentation zu kirchlichen Umweltprojekten im Bistum Eichstätt und ein Dokumentarfilm rundeten den diözesanen Schöpfungstag ab. Den Abschluss bildete eine Ökumenische Vesper in der Kreuzkapelle des Priesterseminars, die von dem SMS-Chor/Gute Noten aus Pollenfeld musikalisch gestaltet wurde.
Dagmar Kusche
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