Sonntag, 16. Dezember 2018
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Wärmestube im Bahnhof versorgt immer mehr Menschen - Armutsgefahr in Nürnberg am größten

"Wir sind an die Belastungsgrenze gestoßen"

Nürnberg
erstellt am 04.12.2018 um 18:03 Uhr
aktualisiert am 08.12.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Nürnberg (HK) In der ökumenischen Wärmestube in Nürnberg hinter dem Hauptbahnhof gibt es nicht nur heißen Kaffee für 25 Cent. Auch eine warme Gratismahlzeit bekommen hier Menschen in Not. Und davon gibt es in Nürnberg immer mehr. "Wir erleben es jeden Tag, dass es enger bei uns wird", sagt Manuela Bauer, die Leiterin der Nürnberger Wärmestube.
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Immer gut gefüllt: Nicht nur der Brotkorb ? auch die Wärmestube.
Immer gut gefüllt: Nicht nur der Brotkorb - auch die Wärmestube.
Pelke
Nürnberg
"2010 haben wir noch 40.000 Essen pro Jahr ausgegeben. Jetzt sind wir bei 55.000 im Jahr 2018 angekommen", sagt Bauer und erklärt, dass die Wärmestube erst kürzlich einen neuen Besucherrekord verzeichnen musste. "Im Oktober haben wir an einem Tag genau 237 Mittagessen verteilt." Bedeutet im Klartext, dass sich zwischen 12 und 13 Uhr genau 237 Menschen für eine kostenlose Mahlzeit an die kleine Essensausgabe in die Schlange gestellt haben. Dabei ist das unscheinbare Haus nur für knapp 100 Personen ausgelegt.

Heute gibt es keinen Schweinebraten mit Kloß und Sauce wie beim kürzlichen Rekordessen. Heute kommt Gulasch in dem Speisesaal auf den Tisch. Sogar eine Suppe gibt es heute dazu. Das ist längst nicht immer der Fall. Seitdem immer mehr Menschen die Nürnberger Wärmestube aufsuchen, muss in der Küche beim Aufstellen des Speiseplans knapper kalkuliert werden. "Früher gab es immer drei Gänge: Suppe, Hauptspeise und Nachtisch. Heute gibt es hauptsächlich Schöpfgerichte. Das ist etwas günstiger", sagt die Leiterin der Wärmestube.

Mehr Menschen bedeutet mehr Stress für alle. Besonders an einem Ort wie der Wärmestube. Wo viele Menschen - ohne Job, ohne Wohnung, ohne Kohle aber mit einem riesigen Problemberg - häufig ganz unten angekommen sind. Thomas passt auf, dass Aggression nicht in Gewalt umschlägt. "Alles wird schlimmer", sagt Thomas. Auf seinem schwarzen Hemd steht "Security" in großen Buchstaben. Im Winter hat Thomas einen zusätzlichen Kollegen als Verstärkung. "Zum Christkindlesmarkt ist es hier noch enger", weiß Thomas aus Erfahrung. Zum berühmten Weihnachtsmarkt würden viele Menschen aus Osteuropa nach Nürnberg zum Betteln kommen. Diese Personengruppe hat mittlerweile mit knapp 60 Prozent den Löwenanteil in der Wärmestube übernommen. Rumänien liegt in der Nationen-Rangliste der Nürnberger Wärmestube ganz vorne. Die Gruppe der afrikanischen und arabischen Kundschaft nimmt ebenfalls seit kurzem zu und liegt momentan bereits bei neun Prozent.

"Die Ausländer haben Überhand genommen", findet Günther und zeigt auf einen Mann mit dickem Bauch und noch dickerem Handy am Ohr, der abseits von den anderen Besuchern mit Mitgliedern seiner Großfamilie am Tisch hockt. "Die bringen sogar ihre Kinder hierher mit", sagt Günther und schüttelt mit dem Kopf. "Kinder in der Wärmestube. Muss man sich mal vorstellen", echauffiert sich Günther und gönnt sich heute nach dem Essen noch einen Kaffee. Der kostet 25 Cent.

Die süße Schnecke gibt es von Felix gratis dazu. "Ich bin seit 20 Jahren dabei. Hier wird es von Tag zu Tag voller", sagt der ehrenamtliche Mitarbeiter hinter seiner Kaffee- und Kuchentheke und angelt mit seiner Zange nach der nicht mehr ganz knusprig aussehenden Rosinenschnecke. Selbstbedienung gibt es in der Wärmestube nur noch beim Brot. Aber auch auf den Brotkorb hat Felix ein wachsames Auge.

Selbst für Zeitschriften müssen die Besucher neuerdings ein Pfand hinterlassen. Für Haartrockner und Rasierapparate gilt das sowieso. Zufrieden zieht Günther mit Schnecke und Kaffee ab und macht es sich im freundlich eingerichteten Speisesaal gemütlich.

"Wir sind an die Belastungsgrenze gestoßen", sagt Manuela Bauer. Der große Speisesaal und der kleine Aufenthaltsraum würden bereits aus allen Nähten platzen. "Ohne die Terrasse wären wir verloren", sagt die Leiterin der Wärmestube und zeigt auf die rauchenden Menschen im Freien. "In keiner anderen Großstadt in Bayern leben so viele arme Menschen wie in Nürnberg", verweist Bauer auf den Armutsbericht. Nur in Dortmund sind die Menschen laut einer bundesweiten Studie häufiger von Armut bedroht.

In der Wärmestube wird diese Nürnberger Armutsentwicklung am deutlichsten sichtbar, ist sich Manuela Bauer sicher. Hier stauen sich immer mehr Hilfsbedürftige. Hier wird Essen mittlerweile im Akkord verteilt. "Wir haben schon das Frauencafé gestrichen, weil einfach zu viele Leute kommen." Über 80 Prozent der Besucher sind Männer. 56 Prozent sind Ausländer.

Im Nürnberger Rathaus sucht man derweil noch immer nach Antworten, warum die Stadt in der bundesweiten Armutsstatistik kürzlich auf den vorletzten Platz abgerutscht ist. Demnach verdienen in Nürnberg rund 23 Prozent der Menschen weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens und gelten daher als armutsgefährdet. Im April wurde die Stadtspitze von den schlechten Zahlen überrascht. Denn eigentlich war die Arbeitslosigkeit in der fränkischen Metropole zuletzt zurückgegangen.

Im Referat für Jugend, Familie und Soziales hat man die Nürnberger Branchenstruktur mit ihren relativ niedrigen Löhnen als eine Ursache für die erhöhte Armutsgefahr ausgemacht. Tatsächlich sei der Zuwachs der Beschäftigtenzahlen in Nürnberg von Juni 2013 bis Juni 2017 zu 37 Prozent in den drei Wirtschaftszweigen mit den niedrigsten Bruttomonatsverdiensten erfolgt, erklärt Elisabeth Fuchsloch vom Sozialreferat. Obendrein sei das niedrige Qualifikationsniveau für die gestiegene Armutsgefahr in Nürnberg verantwortlich. Zwar habe das Bildungsniveau in Nürnberg in den letzten Jahren spürbar zugenommen. "Dennoch hat Nürnberg im Großstadtvergleich im Juni 2017 mit knapp 15 Prozent den drittgrößten Anteil Beschäftigter ohne beruflichen Ausbildungsabschluss und mit 20 Prozent den viertniedrigsten Akademikeranteil unter den Beschäftigten", zählt Elisabeth Fuchsloch weitere Hintergründe der gewachsenen Armutsgefahr auf.

Manuela Bauer hofft derweil, dass die Stadt Nürnberg schon bald eine weitere Wärmestube in der City eröffnet. Gespräche darüber würden bereits laufen. Bis dahin wollen sie in der Wärmestube durchhalten. Irgendwie das bevorstehende Winterchaos überstehen. Damit die Menschen eine warme Mahlzeit bekommen, während es draußen immer kälter wird.

Würmestube Nürnberg

  • Bei rund 55.0000 Euro liegt das Jahresbudget der Nürnberger Wärmestube.75 Prozent trägt die Stadt. Den Rest der ökumenischen Wärmestube teilen sich die evangelische Stadtmission und die katholische Caritas als Träger.

 

  • Die Stadtmission Nürnberg bittet unter dem Motto "Erste Hilfe gegen Armut" um Spenden für die Wärmestube. Mit den Spendengeldern könnte den Menschen aus der Wärmestube unkompliziert geholfen werden. Das Spendenkonto hat die Stadtmission Nürnberg bei der Evangelischen Bank eingerichtet.

 

Nikolas Pelke
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