Sonntag, 22. Juli 2018
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Das hörbehinderte Rother Prinzenpaar blickt glücklich auf seine Regentschaft zurück Besondere Tür der Inklusion geöffnet

Eine wohl weltweit einmalige Faschingszeit

Roth
erstellt am 15.02.2018 um 18:52 Uhr
aktualisiert am 19.02.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Roth (HK) Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, wenn sie in den Magen fährt: So hat Herbert Grönemeyer einst eine Frau besungen, die ihr Schicksal mit der jetzt verabschiedeten Prinzessin des Rother Carneval Vereins (RCV) teilt: Die gehörlose Nicky I. hat solche Glücksmomente vor allem auf den Faschingszügen gespürt. Gemeinsam mit ihrem schwerhörigen Ehemann, Prinz Andy I., blickt sie auf eine glückliche Amtszeit zurück.
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Roth: Eine wohl weltweit einmalige Faschingszeit
Überwältigt von der Stimmung beim Allersberger Faschingszug: "Als wir durch das Tor fuhren und die jubelnde Menschenmenge auftauchte, war das ein unbeschreiblicher Augenblick", sagt Andreas Frisch, der mit seiner Frau Nicole und der Hofmarschallin Gitta Reindl ganz oben auf dem Faschingswagen des Rother Carneval Vereins steht. - Foto: Sturm
Roth

Mit dem Aschermittwoch beginnt nun wieder der Alltag für Nicky I. und Andy I. als Nicole und Andreas Frisch. Es bleiben wundervolle Erinnerungen, unter ihnen auch eine ganz metallische: Denn ihre Straße in Pfaffenhofen heißt seit dem Rußigen Freitag nicht nur "Am Mühlbach", sondern auch "Prinzenpaarweg". Sollte das vom Rother Bauhof aufgestellte Schild eines Tages mal wieder entfernt werden, "pflanzen wir es auf unserem Anwesen ein", sagt der ausgeschiedene Prinz. Das sei den Frischs zumindest so zugesagt worden.

Was aber noch viel bedeutsamer ist als die Tatsache, dass nun schon das dritte Regentenduo aus der Straße "Am Mühlbach" kam: Andy I. und Nicky I. waren in der zurückliegenden Session wohl sogar weltweit das erste Paar mit Handicap, das in der Öffentlichkeit als gekröntes Faschingsprinzenpaar regierte. Die Beiden wollen aber nicht das letzte bleiben. Ganz im Gegenteil: Sie hoffen nach ihrer Amtszeit, dass die Tür nun weit aufgestoßen und der Weg für andere Karnevalsregenten mit Behinderung geebnet ist. "Wir haben schon das Gefühl, etwas bewegt und vielen Menschen die Augen geöffnet zu haben", sagt der 37-jährige Andreas Frisch im Gespräch mit unserer Zeitung. Über die Medien habe die Herrschaft des Pfaffenhofener Ehepaars in der närrischen Zeit bundesweit hohe Wellen geschlagen.

Begonnen hat die Geschichte im Januar 2016, als die Frischs ihr neues Haus in Pfaffenhofen bezogen. Mit ihren neuen Nachbarn freundeten sie sich schnell an. Darunter auch die Vorgängerregenten Melanie und David Eggert, die sie im November 2016 zur Dämmerung beim RCV mitnahmen. Schon damals zeigte sich Andreas Frisch nicht abgeneigt, selbst einmal das Zepter zu übernehmen. Im Sommer 2017 wurde ihm und seiner Frau genau das von den Eggerts angeboten. Der Ehemann war sofort Feuer und Flamme, die 38-jährige Ehefrau brauchte noch Bedenkzeit, ist sie doch eher zurückhaltender Natur. Nach einer Woche sagten beide Ja. Aufgrund der besonderen Konstellation ein echter Paukenschlag bei den Narren.

Dank der zwei Gebärdendolmetscherinnen Stephanie Ams und Marion Rexin klappte die Kommunikation gleich bei der Eröffnungssitzung reibungsfrei. Eine Gebärdendolmetscherin stand dabei zum Publikum gewandt. Ihre Gebärden wurden auf eine Leinwand übertragen. Die andere hatte das Prinzenpaar im Blick. Auf diese Art kamen auch die 72 Gehörlosen im Publikum voll auf ihre Kosten, "ein Paar war sogar aus Aachen angereist", erzählt Andreas Frisch über diese rundum besondere Sitzung.

Als Zeichen, dass es losgeht, wurde zu Beginn zweimal das Licht kurz aus- und wieder eingeschaltet. Die Begrüßung übernahm der Prinz verbal und die Prinzessin gebärdet. Der obligatorische Prinzenwalzer musste ausfallen, da ihre Hörschädigung mit Gleichgewichtsproblemen einhergeht. Stattdessen sprang ein Tanzmariechen ein, während die Regenten sich im Walzertakt wiegten.

Insgesamt galt es für das Prinzenpaar, rund 30 Termine wahrzunehmen. Oft auch mal drei bis vier an einem Tag, zwischendurch gab es kleine Pausen. Die bald 13-jährige Tochter Alina war als Tänzerin in der Juniorengarde des RCV fast immer mit dabei. Es sei zwar komisch gewesen, für die eigenen Eltern zu klatschen, stolz sei sie aber trotzdem. So wie die vielen Besucher der RCV-Veranstaltungen, ob mit oder ohne Hörbehinderung.

"Viele kamen begeistert auf uns zu - wir haben von Anfang bis Ende nur positive Rückmeldungen bekommen", sagt der jetzige Ex-Prinz. "Es war einfach eine wunderschöne Zeit, einige Momente hätten auch gerne etwas länger dauern dürfen." Die gesamte Eröffnungsprunksitzung sei ein solcher Moment gewesen, ebenso wie die Verabschiedung im kleinen Kreis am Faschingsdienstag sowie die offizielle Verabschiedung am Aschermittwoch. "Die gingen richtig ans Herz, da sind auch Tränen geflossen." Auch Ehefrau Nicole wird da etwas wehmütig: "Ich werde sie alle sehr vermissen", erklärt sie angesichts der vielen netten "Untergebenen".

Als dritten großen Höhepunkt nennen die beiden den Allersberger Faschingszug, den sie bisher nur als Besucher erlebten. "Als wir durch das Tor fuhren und die jubelnde Menschenmenge auftauchte, war das ein unbeschreiblicher Augenblick". Hinzu kommt im Falle der Prinzessin auch noch die wummernde Musik, die ganz im Sinne Grönemeyers in den Magen fährt und für Nicole Frisch richtig spürbar wird. "Das war für mich Gänsehaut pur", macht sie in Gebärdensprache deutlich.

Beim Festzug in Eckersmühlen durfte sie ähnliches noch einmal erleben, bevor es wieder einmal gleich weiterging: Den Terminkalender hat Hofmarschallin Gitta Reindl engmaschig gestrickt. Überhaupt habe sie alle Details geregelt, "von der Frisur bis zur Unterhose". Und alles so gut organisiert, "dass wir selbst möglichst wenig Stress hatten". Ein weiterer Dank der Frischs geht an den gesamten Verein, die Nachbarn und viele mehr, die ihnen den Rücken stärkten. Das sei auch nötig gewesen. Denn das besondere Prinzenpaar war oft im Stundentakt unterwegs, bis nach Veitshöchheim zur Generalprobe für die Fastnacht in Franken führten die Wege.

Während Alina oft mit dabei war, hieß es für die beiden anderen Töchter Nina (10) und Vanessa (7) immer Babysitter zu besorgen. Die restliche Ferienwoche haben sich die Eltern bewusst frei genommen, um wieder Zeit für ihre drei Töchter zu haben. Und um vom Prinzenpaarrhythmus wieder in den Alltagsrhythmus zu finden: "Es blieb doch einiges liegen - vor allem die Wäsche...". Denn die ist nun nicht mehr die Sache der Hofmarschallin, sondern der beiden Ex-Regenten.

Von Jürgen Leykamm
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