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Der Nürnberger Künstler Tobias Witt gibt "dem Glas seinen natürlichen Charakter zurück"

Ein kleines Farbuniversum

Nürnberg
erstellt am 21.02.2017 um 18:39 Uhr
aktualisiert am 25.02.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Nürnberg (HK) Tobias Witt, 32-jähriger Glasmacher aus dem "Quelle-Heizhaus" in Nürnberg, wollte dem Glas seinen "natürlichen Charakter" wiedergeben. Entstanden sind außergewöhnliche Objekte, die man sogar als Vase verwenden kann.
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Nürnberg: Ein kleines Farbuniversum
Auch als Blumenvase kann man Witts außergewöhnliche Objekte verwenden. - Fotos: Pelke
Nürnberg

Wir betrachten uns darin, wir trinken daraus und gelegentlich werfen wir es sogar vor Wut gegen die Wand. Und doch, sagt Tobias Witt, bleibt Glas vielen zeitlebens verblüffend fremd. "Glas hat etwas Unmenschliches." Meteoriten zerschmelzen im Augenblick des Aufpralls zu glasigen Tektiken. Blitzeinschläge über den Wüsten hinterlassen glänzende Fulgurite im Sand. Vulkane spülen mit ihren Eruptionen flüssiges Gestein wie Obsidian aus dem Erdinneren an die Oberfläche. "Das sind alles Glasarten. Es gibt so viele davon. Das ist der Wahnsinn. Selbst bei der Explosion von Atombomben entsteht Glas." Glas ist eine erkaltete Flüssigkeit ohne Kristallgitter. Glas teilt sich mit Wasser laut Witt viele Eigenschaften wie die Lichtbrechung, Transparenz oder Oberflächenspannung. "Glas wird im Feuer zu einer Flüssigkeit, die dem Wasser nicht unähnlich ist. Da wird es völlig verrückt. Und total faszinierend."

Am Glasofen zieht der 32-jährige Glasmacher aus Nürnberg eine triefend nasse Zeitung hervor. "Das ist das wichtigste Werkzeug. Die Zeitung lege ich 24 Stunden, bevor ich in die Hütte gehe, ins Wasser. Schließlich will ich mich nicht verbrennen", sagt Witt und legt sich den nassen Zeitungslappen und die feuerfesten Handschuhe zurecht. Dann zieht er seine "Pfeife" aus dem Koffer und öffnet die Tür zu dem Ofen. Über Nacht ist aus einem rohen Glasklumpen bei 1200 Grad Celsius eine feurige Flüssigkeit entstanden. "Mit der Pfeife stelle ich jetzt den Kontakt zu dem Material her. Wir Menschen können Glas ohne Werkzeug nicht berühren oder bearbeiten", erklärt Witt und führt das eine Ende der langen Pfeife zum Mund, das andere Ende zum glühenden Glas im Ofen. Dabei lässt er die Pfeife durch seine Hände rotieren und pustet vorsichtig Luft durch die Öffnung. Jetzt hat er einen glühenden Klumpen am Haken. "Wichtig sind die Drehbewegung, sonst haut mir das Glas von der Pfeife ab", erklärt Witt und bearbeitet die Feuerkugel mit den Händen, die sich hinter der Zeitung verbergen.

Derweil hat sich ein dicker roter Tropfen am hinteren Ende der Pfeife gebildet. "Ich beginne beim geometrischen Grundkörper der Kugel", erklärt Witt. Die Tropfenform biete sich an, weil Glas eben auch nur eine Flüssigkeit sei. Vom Kölbl zum Objekt lautet die Devise. Kölbl - so heißt die Kugelform in der wunderlichen Zunftsprache der Glasmacher.

"Ich muss jetzt permanent das Glas kontrollieren und kühlen, damit es mir nicht abhaut", sagt Witt und dreht die Pfeife wie ein Derwisch um die eigene Achse. "Jetzt tunke ich die Kugel ein paar Mal in das flüssige Glas im Ofen", sagt Witt und lässt die Kugel bis zur Hälfe in dem Feuerofen verschwinden. Durch diese Prozedur entstehen Zusatzflächen in unterschiedlichen Glasstärken an der Kugel, die sich beim Ausblasen mit der Pfeife ungleichmäßig verformen. "Die Formensprache der Ausbreitung überlasse ich dem Glas. Durch dieses Tunken entsteht dieser Rand mit den vielen Reflexionen."

Entdeckt hat er es, als er an einem alten Ofen in Irland herumprobiert hat: "Da ist plötzlich vor mir ein Objekt entstanden, das durchaus den Hauch von einem Gefäß in sich getragen hat, aber einen vollkommen neuen Körper darstellte. So etwas hatte ich noch nie gesehen", erinnert sich Witt und schaut sich sein aktuelles Werk genauer an. "Es schaut ein bisschen wie ein amorphes Organ aus. Oder wie das Herz eines Außerirdischen", findet Witt. Ursprünglich habe er dem Glas nur seinen natürlichen Charakter zurückgeben wollen. "Ich wollte extra nicht daran denken, ein menschliches Objekt zu schaffen. Nun habe ich ein kleines Farbuniversum geschaffen, das wie ein Meteorit auf der Erde gelandet ist."

Von Nikolas Pelke
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