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"In Thalmässing sind die freundlicheren Leute"

erstellt am 24.05.2009 um 18:48 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 18:35 Uhr | x gelesen
Thalmässing (HK) Junge Filmemacher, die von den Filmfestspielen in Cannes direkt zu den Thalmässinger Kurzfilmtagen anreisen: Einen größeren Ritterschlag kann es für diese Veranstaltung kaum geben. Auch deren 15. Auflage im Bunker stieß bei Teilnehmern wie Zuschauern auf Begeisterung.
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Schätzen das besondere Flair in Thalmässing: Die Organisatoren und Sponsoren der Kurzfilmtage (hinten) und die Preisträger.
Letztere waren zudem wieder – im Gegensatz zu anderen Filmfestivals – als Jury bei der Preisverleihung gefragt. Bezeichnenderweise gab es für die Gewinner auch keinen "Oscar", sondern eine "Olga" - eine Figur, die eine Zuschauerin darstellt. Zum Gewinner des mit 1000 Euro dotierten ersten Preises wählte das Publikum das von "Kontrastfilm Mainz" produzierte Werk "Edgar" von Fabian Busch.

Busch lässt einen einsamen Rentner auf der Suche nach Arbeit gehen, um seinem tristen Alltag zu entfliehen. "Edgar" wird auf groteske Art fündig: Er klaut einen Fernseher und wird dafür zu 60 Arbeitsstunden verurteilt.

In die Welt der Spitzmäuse entführt der Streifen von Tomer Eshed, dem Gewinner des zweiten Preises und damit von 750 Euro: "Our Wonderful Nature" zeigt auf witzig animierte Weise das Paarungsverhalten der kleinen Nager. Entstanden ist das Werk an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg. Der Urheber war zur Preisverleihung verhindert, er entsandte aber eine Grußbotschaft – natürlich per Kurzfilm.

Der dritte Preis (500 Euro) wird in Thalmässing traditionell vom Team der Kurzfilmtage vergeben, es entschied sich für "Urs" von Thomas Mayerhofer. "Urs" ist Ein Animationsfilm über ein Mutter-Sohn-Gespann, das dem Leben in einem von der Sonne vergessenen Bergdorf entrinnen will und die helle Gipfelregion erstürmt, umgesetzt an der Filmakademie Baden Württemberg.

Der 500 Euro schwere Preis der Medienzentrale des Bistums Eichstätt, vertreten durch ihren Leiter Thomas Henke, ging an den Streifen "I don’t feel like dancing" von Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf. Die beiden hatten wenige Tage vor ihrem Gastspiel in Thalmässing ihr Werk in Cannes präsentiert. Geschmiedet wurde der Film zwar wie "Our Wonderful Nature" an der Babelsberger Hochschule, könnte aber verschiedener nicht sein: Denn es geht nicht um putzige Tierchen, sondern um den Irrsinn des Krieges: Soldaten lassen es sich bei einem Discoabend in einer zerbombten Stadt gut gehen. Als eine junge Dame einem von ihnen den Tanz verweigert, stellen sie ihr nach und wollen sie vergewaltigen. Erst als die Soldaten gewahr werden, dass die Frau eine Beinprothese trägt, wird ihnen ihr schändliches Verhalten bewusst.

Doch ganz gleich, ob die Filme ernste oder heitere Botschaften offerierten, mehr als eine Viertelstunde durfte keiner der 29 gezeigten Filme dauern, die zuvor aus 300 Einsendungen ausgewählt worden waren. Es sind diese kurzen Spannungsbögen, die den Charme des Genres sowie auch der Thalmässinger Kurzfilmtage ausmachen.

Im Gegensatz zur Dauer der gezeigten Streifen sei die Veranstaltung aber "kein kurzlebiger Event", lobte Ursula Klobe, stellvertretende Bürgermeisterin der Marktgemeinde. Zu verdanken sei dies auch den Sponsoren, die sich als langfristige Unterstützer erwiesen hätten, gaben Peter Hauke und Hans Seidl zu bedenken, die beiden Köpfe des Teams der Kurzfilmtage. Nur durch sie sei es möglich gewesen, wieder zwei Abende zu organisieren, an denen jeweils mehr als 150 Besucher die kunstvollen Kurzfilme sehen wollten. Ein kleines, feines Festival, vom Publikum geliebt und von den Filmemachern durch die Bank als gastfreundschaftlich gelobt. Ein gemeinsames Frühstück im familiären Rahmen dürfte in Cannes wohl nicht so selbstverständlich sein. "In Thalmässing sind die freundlicheren Leute", resümierte Preisträger Dollhopf.

Zudem lieferte es wohl unvergessliche Momente: Ein 100-Sekunden-Film über das Schlangestehen an der Supermarktkasse etwa oder ein rührender Trickfilm über einen Postboten, der seinen Kunden lustige Briefe einfach selber schreibt bis hin zu einem Film mit einer gehörigen Portion Selbstironie: über Sozialschmarotzer, die einem "Super8 Bootcamp" zu Filmemachern resozialisiert werden.

Von Jürgen Leykamm
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