Montag, 15. Oktober 2018
Lade Login-Box.

Mirjam Schall besiegt mit Schwimmen ihre Krankheit – Jetzt will sie 38 Kilometer durch den Bodensee kraulen

Der Weg zurück ins Leben

Hilpoltstein
erstellt am 25.07.2014 um 18:09 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 19:13 Uhr | x gelesen
Hilpoltstein (HK) Die 3,8 Kilometer Schwimmen am Sonntag beim Challenge waren für Mirjam Schall im besten Fall ein kleines Aufwärmtraining. Die Herausforderung hat sich 37-Jährige aufgehoben: Sie will als Erste die Dreiländerquerung durch den Bodensee schwimmen – 38 Kilometer am Stück.
Textgröße
Drucken
Hilpoltstein: Der Weg zurück ins Leben
Von ihrer schweren Krankheit spürt Mirjam Schall heute nichts mehr. Nach vier Bandscheibenoperationen will sie am Sonntag den Bodensee durchqueren. Das bedeutet 38 Kilometer und rund 16 Stunden Schwimmen – an einem Stück - Foto: Kofer
Hilpoltstein

Mirjam Schall ist völlig entspannt, die Ruhe selbst. Nach dem Einschwimmen für den Challenge sitzt sie am Ufer des Main-Donau-Kanals im Schatten eines Baumes und erzählt von ihrem alles andere als gewöhnlichen Leben. Nach vier Bandscheibenoperationen geht sie diesen Sonntag in Lindau das Rennen ihres Lebens an. „Ich wollte einfach mal was machen, was noch niemand gemacht hat.“ Morgens wird sie in Lindau ins Wasser steigen, nach Rorschach in der Schweiz schwimmen und von dort ins österreichische Bregenz. 38 Kilometer im Badeanzug bei 20 Grad Wassertemperatur. Zweimal muss sie dabei durch den Rheinzufluss. Strömung und Treibholz, „das wird die größte Herausforderung“, sagt Schall. Versorgt wird sie mit einem Kescher vom Begleitboot aus. 16 Stunden kalkuliert Mirjam „Mim“ Schall für die Strecke ein. „Ich will mich nicht unter Druck setzen“, sagt sie. Bisher ist noch kein Mensch diese Strecke geschwommen. „Ich weiß nicht, warum das noch niemand gemacht hat“, sagt sie lächelnd, „vielleicht kann ich die Frage nächste Woche beantworten.“

Trainiert hat „Mim“ bestimmt genug. 846 Kilometer alleine in diesem Jahr. Sie ist schon so oft durch den Rothsee geschwommen, dass sie ihn besser kennt als ihre Westentasche. „Die Angler winken mir schon in der Früh zu.“ Doch der Rothsee ist im Vergleich zum Bodensee nur eine Pfütze.

Dabei hätte Mirjam Schall vor 20 Jahren nicht im Traum daran gedacht, dass sie überhaupt einmal wieder schmerzfrei Sport treiben könnte. Als Jugendliche war sie Triathletin beim TSV Roth. Als Gardetänzerin beim RCV bringt sie es bis zur deutschen Vizemeisterschaft, dann beginnt ein schier endloser Leidensweg. Mit 18 Jahren wird Schall zum ersten Mal an der Bandscheibe operiert, mit 23 zum zweiten Mal, es folgen zwei weitere Operationen, die letzte vor fünf Jahren. Sie liegt monatelang im Krankenhaus und hat starke Schmerzen. „Wenn ich 200 Meter am Stück gehen konnte, war das stark für mich“, schildert die gelernte Arzthelferin ihren körperlichen Tiefpunkt. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die Leiden blieben – sechs Jahre lang. Kein Arzt findet die Ursache. Mirjam Schall recherchiert im Internet und findet es heraus: Ehlers-Danlos-Syndrom. Eine seltene Bindegewebsschwäche, die in ihrem Fall zu übertriebener Beweglichkeit, Bandscheibenvorfällen und chronischen Gelenkschmerzen führt. „Im ersten Moment ist man erleichtert. Man denkt: Gut, ich bin kein Hypochonder. Dann kommt der Schock.“ Denn für das Ehlers-Danlos-Syndrom gibt es angeblich keine Heilung. Die Ärzte sagen: schonen, schonen, schonen.

Doch ein guter Freund und Physiotherapeut gibt ihr einen anderen Rat: Die Krankheit darf nicht dich in den Griff kriegen, sondern du die Krankheit. „Da habe ich wieder angefangen, meine Grenzen auszubauen“, sagt sie heute. Sie engagiert sich in einer Selbsthilfegruppe in Roth, organisiert Veranstaltungen und Infostände. Aber der ständige Kontakt mit ihrer Krankheit ist ihr psychisch zu anstrengend. „Irgendwann konnte ich das nicht mehr.“

Mirjam Schall besinnt sich lieber wieder auf den Sport. „Ich wollte wieder dahin, wo ich eigentlich herkam.“ 2005 fängt sie wieder mit dem Schwimmen an. Sie nimmt sich die Challenge-Staffel im nächsten Jahr vor. „3,8 Kilometer, das war anfangs noch der Horror für mich“, sagt sie. Heute sagt sie nach dieser Distanz: „Gehen wir noch mal rein“ Sie bestreitet mehrere 24-Stunden-Schwimmen. 40 Kilometer ist sie beim letzten geschwommen. Ihre Krankheit spürt sie jetzt nicht mehr.

Seit drei Jahren organisiert Mirjam Schall auch die Schwimmstrecke beim Rothsee-Triathlon. „Langweilig wird’s mir nicht“, sagt sie. „Für mich ist das Schwimmen der Weg zurück ins Leben.“ Ein Weg, den sie auch anderen Betroffenen näher bringen will. „Ich will Leuten, die chronisch krank sind, zeigen, dass das nicht das Ende ist.“

Von Robert Kofer
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!