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Aus Speisefett und Pflanzenöl wird Biokraftstoff: Firma Lesch gibt Startschuss für Sammlung in Privathaushalten

"Großartige Idee, fundiertes Konzept"

Thalmässing
erstellt am 14.11.2018 um 18:29 Uhr
aktualisiert am 17.11.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Thalmässing (HK) Fürth macht nächste Woche den Anfang, die ILE Jura-Rothsee mit den Kommunen Allersberg, Greding, Heideck, Hilpoltstein und Thalmässing zieht im Lauf des Dezembers nach: Privatleute sollen dann ihr Altfett und gebrauchte Speiseöle in der heimischen Küche sammeln und in einem Container abgeben - ähnlich wie dies beim Altglas seit Jahrzehnten geschieht. Bei der Recyclingfirma Lesch ist gestern der Startschuss zu diesem einzigartigen Pilotprojekt in Deutschland gefallen.
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Was eine eigentlich schnöde Unterzeichnung von Kooperationsverträgen zwischen Kommunen und einer Firma in diesem Fall für eine Bedeutung hat, wird ersichtlich, wenn man alleine die Politiker anschaut, die sich in der neuen Halle der Firma Lesch - die noch nicht bezogen ist - anschaut. Zwei Bundestagsabgeordnete standen dort einträchtig neben einem Partei-Landesvorsitzenden und einem Landrat. Einzig, um den Bürgermeistern und dem Firmeninhaber Heiko Lesch dabei zuzusehen, wie sie ihre Unterschrift leisteten. Und wahre Lobeshymnen auf ein Projekt zu singen, das es so in Deutschland kein zweites Mal gibt. Bis März 2020 sollen die Bürger im südlichen Landkreis Roth sowie in Teilen von Fürth und Erlangen unter dem Motto "Jeder Tropfen zählt" ihr Fett und Öl sammeln, damit daraus am Ende Biokraftstoff gewonnen werden kann.

"Wir reden über einen geschlossenen Kreislauf", sagte Marlene Mortler, die hiesige Wahlkreisabgeordnete und agrarpolitische Sprecherin der CSU im Bundestag, "das ist eine tolle Sache." Jetzt könne jeder Einzelne, der von der Politik mehr Umweltschutz fordere, zeigen, dass er diesen praktisch betreibt, niemand habe eine Ausrede. Denn durch ein ausgeklügeltes Sammelsystem mit kleinen Behältern und großen Containern an öffentlichen Standorten könne der wertvolle Rohstoff ohne großen Aufwand der Wiederverwertung zugeführt werden. "Sie machen es dem Verbraucher ziemlich leicht", attestierte Mortler der Firma Lesch.

Von einer "großartigen Idee mit fundiertem Konzept", sprach Carsten Träger, der umweltpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Er komme nach Thalmässing auch "als stolzer Fürther - wir sind ganz vorne mit dabei". Das Sammeln von Speisefett in Privathaushalten könne sich zu einem wichtigen Baustein des Klimaschutzgesetzes entwickeln, das die Große Koalition im kommenden Jahr auf den Weg bringen wolle. "Vor allem im Verkehrsbereich müssen wir deutlich besser werden."

In diesem heißen und trockenen Sommer sei jedem Menschen deutlich vor Augen geführt worden, dass es höchste Zeit zum Handeln sei. "Ich bin zuversichtlich, dass das System angenommen wird", zeigte sich Träger optimistisch.

Mit der Akzeptanz der Menschen stehe und falle das Projekt, erklärte Hubert Zenk, der sich als Projektleiter bei der Firma Lesch um das Sammeln von Speisefetten und -ölen in Privathaushalten kümmert. "Wir treffen den Nerv der Zeit", sagte er. Bei all seinen vielen Gesprächen, ob mit Politikern oder gar in Schulen, habe niemand die Sinnhaftigkeit des Vorhabens bezweifelt. Jetzt müsse sich in den nächsten eineinhalb Jahren erweisen, ob das Sammelsystem auch wirtschaftlich betrieben werden könne. Ohne die finanzielle Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) hätte das Thalmässinger Unternehmen das Pilotprojekt nicht aus der Taufe heben können. Doch immer noch bleibe eine finanzielle Herausforderung für die Firma Lesch und spiegle deren nachhaltige unternehmerische Ausrichtung wider.

Die vielen Vorschusslorbeeren der Bundespolitiker nahm Landrat Herbert Eckstein zum Anlass, ein klein wenig auf die Euphoriebremse zu treten. "Die Wahrheit liegt auf dem Platz", bemühte er eine Analogie aus dem Fußball, die zeigt, dass auch die beste Vorbereitung sich erst als wertvoll erweist, wenn hinterher auch das Ergebnis stimmt. "Die Leute machen dann mit, wenn sie es als vernünftig erachten." Ungeachtet einiger etwaiger Probleme, die in der Probephase ruhig auftreten dürften, dürfe es nicht geschehen, dass die Menschen enttäuscht würden. Sprich: Wenn wie beim Gelben Sack am Ende viele Dinge doch im Brennofen landen, macht irgendwann keiner mehr mit. Dabei sei es beim Klimaschutz Zeit zu handeln: "Geredet und Erkenntnisse haben wir genug."

Da wusste sich Eckstein einig mit Eike Hallitzky, dem bayerischen Landesvorsitzenden von Bündnis90/Die Grünen. "Es geht ums Machen", sagte dieser. Denn über 90 Prozent aller verbrauchten Stoffe in der Welt stammten aus nicht erneuerbaren Ressourcen, das könne nicht so weitergehen. Das Sammelprojekt trage dazu bei, "ein Bewusstsein zu schaffen, dass jeder Mensch etwas tun kann". Zudem sei es ein hervorragendes Beispiel, dass es nicht immer um "die große technische Revolution geht". Mit Innovationsgeist sei schon viel gewonnen. Er hoffe, dass er in nicht allzu ferner Zukunft die markante, grüne Sammelflasche auch in seiner Heimatstadt Passau vorfinde, sagte Hallitzky - der zum Abschluss seiner Rede einen Ausflug in die mehr oder minder politische Farbenlehre wagte. Er wünsche der Firma Lesch, sagte er, "dass sie mit ihrer durch und durch grünen Idee demnächst tiefschwarze Zahlen schreibt" - so der Obergrüne.

PILOTPROJEKT IN DER HEIMISCHEN KÜCHE

Aus gebrauchtem Bratfett oder dem Öl von eingelegten Oliven, auch aus verdorbener oder abgelaufener Butter oder Margarine kann Biokraftstoff hergestellt werden. Aus 1,2 Kilogramm Altspeisefett lässt sich Biokraftstoff für 20 Kilometer gewinnen, wie die informative Schrift auf den grünen Sammelbehältern verrät. Altfett zu sammeln ist also gelebter Schutz von Ressourcen.

Die grünen Flaschen werden in nächster Zeit kostenlos ausgegeben. In Thalmässing beispielsweise verteilen sie Mitarbeiter der Firma Lesch, in Hilpoltstein gibt es eine Abholstation. Andernorts werden die Sammelbehälter mit dem Gemeindeblatt oder über die Ortssprecher verteilt, in Fürth übernimmt diese Aufgabe eine Mittelschule. Die unterschiedlichen Ausgabearten seien Teil des Pilotcharakters, sagt Projektleiter Hubert Zenk. Man müsse sehen, welches System am besten funktioniert.

Ebenso die Standorte der Container: Hier auf öffentlichem Grund, dort auf dem Parkplatz eines Supermarkts: "Man muss sich auf die einzelnen Gemeinden einstellen", erklärt Zenk das Prozedere. Und am Ende überprüfen, welcher Standort wo am besten angenommen wird, um Schlussfolgerungen für ähnlich strukturierte Orte ziehen zu können, wenn der Pilotversuch erst einmal in Richtung Bayern und Deutschland geöffnet wird. Das ist am Ende - wohl März 2020 - schließlich das Ziel. Am einzelnen Sammelbehälter kann der Verbraucher seine Flasche einwerfen und erhält sofort einen sauberen Behälter zurück.

Die vorgesehenen Standorte:

  • Allersberg: Edeka-Markt Semmelroth, Neumarkter Straße 14a; Am alten Festplatz.

 

  • Greding: Edeka Wickner, Kindinger Straße 36; Pumpwerk am Altstadtparkplatz.

 

  • Heideck: Containerplatz im Höfener Weg am Netto-Markt.

 

  • Hilpoltstein: Wertstoffsammelstelle am Altstadtring (Nähe Nopotel); Aldi, Siemensstraße 4; Edeka Greiner, Neuburger Straße 1.
  • Thalmässing: Rewe-Markt, Nürnberger Straße 22. luf
Volker Luff
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