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Fliegender Späher aus Abenberg bei Saddam Hussein im Irak

erstellt am 19.02.2003 um 18:15 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 11:28 Uhr | x gelesen
Hilpoltstein/Abenberg (reh) Dieser kleine Motorsegler aus Mittelfranken könnte den Krieg im Irak verhindern. Wenn er vom Katapult in die Luft geschleudert wird, hört es sich an, als würde ein Rasenmäher abheben. Vom Aussehen her könnte er aus einem Spielzeugladen stammen. Zwei Meter lang und mit einer Spannweite von knapp mehr als vier Metern, erinnert er an einen Modellflieger.
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Die Aufklärungsdrohne Luna wird mit einem Katapult in die Luft geschossen.

Doch die UN haben schon im November bei der Regierung in Berlin angefragt. Denn der Segler der Bundeswehr trägt Videokameras und liefert hochauflösende Bilder zu einer mobilen Bodenstation · und das ganze live. Das ideale Hilfsmittel für die UN-Waffeninspektoren im Irak, die unbemerkt hinter die Palastmauern von Saddam Hussein blicken wollen. Ab Ende Februar soll der kleine Späher helfen zu klären, ob der Irak Massenvernichtungswaffen hat oder nicht.

In der vergangenen Woche wurde er der Öffentlichkeit im oberbayerischen Iffeldorf präsentiert. Weil kein Pilot mitfliegt, ist er eine Drohne und trägt den Namen "Luftgestützte Unbemannte Nah-Auklärungsaustattung" · kurz: Luna.

Das ganze System wird von der Firma EMT·Räbel in Penzberg und Abenberg gebaut. Das Team um Diplom-Ingenieur Hartmut Euer in Penzberg ist für die gesamte Technikverantwortlich. Der Motorsegler stammt selbst aus Mittelfranken. Der Flugzeugbauingenieur Horst Räbel hat ihn 1995 in Abenberg an seinem Reißbrett entworfen, auf eine Ausschreibung der Bundeswehr hin. Ein halbes Jahr habe das gedauert, sagt der gebürtige Nürnberger, alles auf eigene Kosten. Räbel und Euer stachen 30 nationale und internationale Konkurrenten · wie Dornier · aus und erhielten den Zuschlag. Danach entwickelten sie die Drohne weiter, mit Fördermitteln der Bundeswehr. "Die Kleinheit, Einfachheit und Zuverlässigkeit der Luna sind das Erfolgsrezept", sagt der Flugzeugbauer. Schon seit zwei Jahren ist der Prototyp des Systems über dem Kosovo im Einsatz und auch auf einem Nato-Manöver in Norwegen wurde es getestet · mit großem Erfolg.

Vier Stunden kann der Motorsegler in der Luft bleiben, die Reichweite ist durch die Datenfunkantenne auf 80 Kilometer begrenzt. "Wenn man aber noch einen zweiten Segler als Relaisstation hat, dann entsprechend weiter", sagt Räbel und seine Augen leuchten, während er von den technischen Möglichkeiten schwärmt. Bei nur etwa 35 Kilogramm Startgewicht wiegt die Luna nur ein Fünftel der Konkurrenzdrohnen.

Ein Fallschirm bringt das Fluggerät nach getaner Arbeit wieder zu Boden. "Dann gehen zwei Soldaten ins Gelände und bringen sie mit der Hand zurück. Dann rauf damit auf das Katapult und schon kann sie wieder starten", erklärt der Flugzeugbauer. "Bei 250 Kilogramm Gewicht der Drohne braucht man dazu schon einen Bergepanzer", erklärt Räbel die Nachteile der Konkurrenz. "Da geht auch viel mehr kaputt, wenn so eine aufkommt."

20 Jahre hat Räbel schon seine eigene Firma, in den ersten zehn jedoch baute er in Ebersberg und später in Allersberg nur Modellflugzeuge. "Projekte wie Luna sind da schon interessanter", sagt er. 1993 verlegte er den Sitz nach Abenberg und entwickelt seitdem mit Euer Drohnen.

Zusammen haben beide schon in den 60er Jahren bei Heinkel an der Entwicklung des Senkrechtstarters VJ-101 mitgewirkt. Danach bekam Räbel einen leitenden Posten im Management der Panavia Tornado. "Eigentlich hatte ich ausgesorgt." Doch mit 50 Jahren machte er sich selbstständig. Er wollte damals wieder technisch aktiv werden, nennt er den Grund für seinen Ausstieg.

Kaum jemand würde im hintersten Winkel des Gewerbegebiets von Abenberg seine High-Tech-Schmiede vermuten. Von außen unterscheidet sie sich nicht von den benachbarten Hallen · ganz unscheinbar ist sie.

Im Inneren treten sich die zehn Mitarbeiter fast auf die Füße, weil bis 1998 hier nur drei beschäftigt waren. Räbel baut gerade eine weitere Halle an und sucht zusätzliche Spezialisten, weil die Nachfrage nach seinen Motorseglern so groß ist. Entsprechend stolz ist der Flugzeugbauer auf seine Mitarbeiter: "Sie haben durch ihr unermüdliches Engagement und ihr Fachwissen maßgeblich zum Luna-Erfolg beigetragen."

Bundesgrenzschutz interessiertDenn die Drohne könnte der Aufsteiger des Jahres werden. Der Bundesgrenzschutz will den Flieger haben, um die deutschen Grenzen zu überwachen. Aber auch zu zivilen Zwecken eignet sich die Drohne. Unter anderem könnten damit Waldbrände früh erkannt oder radioaktive Verseuchung gemessen werden. Die Möglichkeiten scheinen schier grenzenlos. Deshalb haben die USA, Kanada, China und Russland laut dem Nachrichtenmagazin Spiegel schon ihr Interesse bekundet.

So ganz können Räbel und seine neun Mitarbeiter den Erfolg noch nicht fassen. Zu schnell ging der Aufstieg der Firma. "Wir staunen immer noch darüber. Für uns alle ist das sehr ungewohnt, im Moment öfter in den Medien zu sein", sagt Räbel. Tagesthemen, heute-journal und der Spiegel haben schon über die Luna und ihren bevorstehenden Einsatz im Irak berichtet. 25 Freiwillige der Bundeswehr sollen in Zivil und unter Uno-Mandat mit Hilfe der Aufklärungsdrohne die Waffeninspektoren unterstützen · falls bis dahin der Krieg noch nicht begonnen hat. Schon seit Jahren schulen die Mitarbeiter von EMT-Räbel Soldaten an der Technik. "Deshalb ist bisher auch nicht geplant, dass jemand von uns mit in den Irak geht", sagt der Flugbauingenieur.

Wenn die Luna dort wie geplant am 6. März zum ersten Mal aufsteigt, sitzt Horst Räbel schon wieder an seinem Computer und am Reißbrett. "Nichts in der Technik bleibt stehen", sagt er. Die Mini-Drohnen Aladin und Mikado sind die nächsten Projekte, die schon als Prototypen vorliegen. "Ich könnte mir keinen schöneren Zeitvertreib im Rentenalter denken", sagt der inzwischen fast 70-Jährige.

Christian Rehberger
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