Donnerstag, 17. Januar 2019
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Claus von Wagner knöpft sich in der Rother Kulturfabrik die Finanzwirtschaft vor und erntet tosenden Beifall

Die Abgründe der "feinen Menschen"

Hilpoltstein
erstellt am 11.01.2019 um 15:04 Uhr
aktualisiert am 16.01.2019 um 03:33 Uhr | x gelesen
Roth (HK) Der Kabarettist Claus von Wagner offenbart in der ZDF-Sendung "Die Anstalt" mit Max Uthoff regelmäßig die Abgründe von Politik und Gesellschaft. In der Rother Kulturfabrik wechselte er nun aus der geschlossenen Anstalt in den ebenfalls gut gesicherten Tresorraum einer Bank, denn sein Programm "Theorie der feinen Menschen" behandelt die nicht minder abgründige Parallelwelt der Finanzwirtschaft.
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Der Teufel sitzt im Detail ? und das im besonderen in der Finanzwirtschaft. Claus von Wagner begeistert in der Kulturfabrik.
Der Teufel sitzt im Detail - und das im besonderen in der Finanzwirtschaft. Claus von Wagner begeistert in der Kulturfabrik.
Tschapka
Hilpoltstein
Von hinten schleicht er sich heran an die Bühne, um mitten im Publikum erst einmal zu verkünden, dass er und alle anderen Kabarettisten kurz vor der Arbeitslosigkeit stehen würden. Satire lebe schließlich von Übertreibung, aber angesichts eines Präsidenten Trump falle ihm bald nichts mehr ein. Und wenn man sich die Nachrichten ansehen würde, die praktisch ausschließlich über "Schnee! Im Januar!! In Alpennähe!!!" berichten, so sehe es doch ganz so aus, "als ob die Gesellschaft kein Kabarett mehr braucht, denn offenbar sind alle politischen Probleme gelöst".

Dass das mitnichten so ist, zeigt sein Ein-Mann-Theaterstück mit shakespearhafter Tragik. Er sitzt im Tresorraum der Hausbank seines verstorbenen Vaters - ein Anwalt einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (WPG) - und sortiert dessen Nachlass im Schließfach, nicht zuletzt um Material zu sammeln für eine Rede am nächsten Morgen anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Stiftung, die sein Vater gegründet hatte.

Dabei stößt er auch auf den Schriftverkehr mit einem ominösen Dr. Gump, voller geheimnisvollen Abkürzungen und Begriffen, die, wie er nach und nach feststellt, kriminelle oder zumindest ethisch fragwürdige Geschäftspraktiken seines Vaters und der WPG offenbart.

In Rückblicken wird das schwierige Verhältnis zu seinem Vater klar, dessen einzige menschliche Regung es war, ein einziges Mal mit seinem zehnjährigen Sohn ein Eis essen zu gehen. Das Geld dafür steckte die Mutter dem Sohn zu - der Vater ging nie mit Bargeld aus dem Haus.

Leidvoll erinnert sich Klaus Neumann, wie sich Claus von Wagner in seiner Rolle nennt, auch an die Tatsache, dass Zimmeraufräumen in seiner Familie "fester Bestandteil des BGB" war. Eine "Gerichtsverhandlung" ist ihm noch gut im Gedächtnis. "Ich will einen Anwalt!", habe er als Beschuldigter damals gefordert. "Der ist schon da", erwiderte der Vater kalt lächelnd, und deutete auf sich. Der sei jedoch befangen, und überhaupt wolle er vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. "Was du unter ordentlich verstehst, hat der Zustand deines Zimmers unwiderlegbar bewiesen", erklärte der Vater. Das Urteil lautete damals sieben Jahre keinen Nachtisch, "und auf die Berufung warte ich bis heute noch".

Die Unterlagen im Tresorraum zeigen, dass der Vater mit ganz anderen Dingen beschäftigt war. Kleinanleger ausplündern, die "das Plankton der Finanzwelt darstellen, das Futter für die Finanzhaie". Aber Raubtierkapitalisten hätten sowohl vor als auch nach der Finanzkrise ein leichtes Spiel gehabt, denn schließlich würden 65 Prozent aller Deutschen angeben, von Finanzen keine Ahnung zu haben. "Und die restlichen tun nur so, als würden sie sich auskennen. In der Tat seit die Finanzwirtschaftswelt "ein Puzzle mit 5000 Teilen von einem blauen Himmel, wer soll sich mit so etwas auskennen?".

Ein Physiker hätte ihm das Ganze einst recht plausibel erklärt: "Stellen sie sich einmal vor, wie kompliziert Physik wäre, wenn die Teilchen auch noch denken würden." Tatsache ist, dass das meiste Geld heute nur noch virtuell existieren würde.

"Früher stand auf den Dollarscheinen, dass dem Überbringer der Gegenwert in Gold auszuhändigen sei, heute steht dort ?In god we trust', das sagt doch alles", erkennt Wagner, der außerdem vermutet, dass die Bezeichnung "Geldschein" von "scheinen" kommt. Sie funktionieren durch die weitverbreitete Vorstellung, dass man sich davon etwas kaufen könne, obwohl kein Gegenwert mehr existiert. "Versuchen sie mal, auf der reinen Vorstellung eines Pferdes zu reiten", gibt Neumann zu bedenken.

Viele alte Kulturen seien nicht zuletzt deshalb untergegangen, weil die herrschende Schicht über ihre Verhältnisse gelebt und sich nicht um schwindende Ressourcen gekümmert habe. "Aber heute herrscht die Meinung, dass die Steinzeit schließlich auch nicht wegen Mangels an Steinen zu Ende gegangen sei".

Hin und wieder klingelt das überraschend antike Telefon im Tresorraum und Wagner spricht mit Dr. Gump, der sich keiner Schuld bewusst sei (was Gerichte auch noch bestätigt hatten, wie Neumann in den Unterlagen nachlesen kann) oder mit dem Sicherheitschef der Bank, der ein Problem mit der Belüftung des Raumes meldet. Während die Luft immer knapper wird, beschließt der zunehmend verbittert werdende Neumann, am nächsten Tag doch keine Rede auf seinen Vater zu halten, sondern lieber auf die Tochter von Dr. Gump, die er mal auf einen Charity-Empfang kennengelernt hatte, und die ihm im Gespräch gestand, dass sie "Gutmenschen nervig" finde.

Angesichts des akuten Sauerstoffmangels fällt das Erstellen dieser empörenden Brandrede zunehmend emotional und fiebrig aus, und im letzten Moment öffnet sich dann doch die Panzertür, so dass Klaus Neumann nicht dem Schicksal seines Vater folgen muss, der dem Minus-Lebendig (das Pendant zum Finanz-Sprech-Begriff "Negativ-Wachstum") zum Opfer gefallen ist.

Das Publikum in der bis auf der restlos ausverkauften besetzten Kulturfabrik hielt sich während der überaus rasanten Vorstellung des atemlosen Schnellsprechers mit Applaus zurück, aber am Ende spendete es tosenden Beifall.

Nach den Vorstellungen werde er oft nach Anlagetipps gefragt, sagte Wagner. Und da habe er "trotz aller Konsumkritik" einen guten Ratschlag: "Kaufen sie sich eine CD oder eine Karte für meine nächste Vorstellung, das ist auf alle Fälle gut angelegtes Geld", grinst Claus von Wagner.
Tobias Tschapka
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