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Zusammen stehen sie für mehr als 30 Jahre Caritas-Geschichte

"Damit die Gesellschaft menschlicher wird"

Eichstätt
erstellt am 23.08.2018 um 16:26 Uhr
aktualisiert am 27.08.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Zusammen stehen sie für mehr als 30 Jahre Caritas-Geschichte in der Diözese Eichstätt: Johannes Schmidt (1986 bis 2001), Willibald Harrer (2001 bis 2009), Rainer Brummer (2009 bis 2012) und Franz Mattes (seit 2012). Zum Festjahr "100 Jahre Caritasverband der Diözese Eichstätt", das am 28. September gefeiert wird, haben wir mit ihnen über die Veränderungen in der Arbeit des katholischen Sozialverbandes gesprochen.
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Mehr als 30 Jahre zusammen an der Spitze des Caritasverbands für die Diözese Eichstätt: (von links) Rainer Brummer (2009 bis 2012), Johannes Schmidt (1986 bis 2001), Willibald Harrer (2001 bis 2009) und Franz Mattes (seit 2012).
Mehr als 30 Jahre zusammen an der Spitze des Caritasverbands für die Diözese Eichstätt: (von links) Rainer Brummer (2009 bis 2012), Johannes Schmidt (1986 bis 2001), Willibald Harrer (2001 bis 2009) und Franz Mattes (seit 2012).
Foto: Redl
Eichstätt
Herr Schmidt, Herr Brummer, Herr Harrer, Herr Mattes, Sie zusammen haben in den vergangenen mehr als 30 Jahren den Diözesanverband der Caritas in der Diözese Eichstätt geführt. Was waren beziehungsweise sind die gravierendsten Veränderungen in diesen zurückliegenden drei Jahrzehnten?

Mattes: Am sichtbarsten wird die Entwicklung, die unser Verband genommen hat, wohl in den Altenheimen. Früher waren die Einrichtungen dazu da, Menschen im Alter eine Heimstatt zu geben. Die meisten Bewohner waren noch rüstig. Heute stellt sich ein komplett anderes Bild dar: Die Mehrheit der Menschen, die von uns in den Heimen betreut werden, muss gepflegt und zum Teil intensiv versorgt werden - oft bis zum Tod durch palliative Begleitung.

Harrer: Neben dieser Entwicklung hat gleichzeitig der bürokratische Aufwand immens zugenommen. Hinwendung zum Menschen, was immer oberste Prämisse unserer Arbeit ist und sein muss, und der zunehmend wachsende Kostendruck haben in der Vergangenheit mehr und mehr zu einem nur schwer zu bezwingenden Spagat geführt zwischen Menschlichkeit und Wirtschaftlichkeit. Vor allem die 2005 vom damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber durchgezogenen Sozialkürzungen haben diesen Spagat zu einer gefährlichen Gratwanderungen gemacht. Trotz gestiegener Anforderungen und weniger Erstattung durch den Staat wurde Personal eingestellt, um die Aufgaben erfüllen zu können. Dies gilt auch heute wieder angesichts der vielfältigen Aufgaben in der Flüchtlingsbetreuung, der wir uns mit Unterstützung anderer Sozialorganisationen wie dem Malteser Hilfsdienst gestellt haben und weiter stellen.

Schmidt: Lassen Sie mich kurz zurückblicken. Jakob Weidendörfer, Caritasdirektor von 1961 bis 1986, hat in seinen 25 Jahren den Verband strukturell auf die Beine gestellt. Er hat mit dem Bau von Alten- und Pflegeheimen begonnen, hat viele in den Pfarreien vorhandene Krankenpflegevereine wieder aktiviert und in die Arbeit der Caritas integriert. Wichtig war dabei immer, Rücksicht auf die bestehenden Strukturen in den Pfarreien und den Gemeinden zu nehmen. Als er nach 25 Jahren ausgeschieden ist, zählte die Caritas in der Diözese etwa 1200 Mitarbeiter. Heute sind es knapp 2700. In meiner Amtszeit ab 1986 stand es dann an, die vielen eher kleinen Krankenpflegestationen und -verbände zu größeren Einheiten in Form der Sozialstationen zusammenzuschließen.

Brummer: 1995 wurde auch die Pflegeversicherung eingeführt. Dies bedeutete eine Modernisierung des gesamten Systems und eine Aufgabenerweiterung.

Schmidt: Und seit Ende der 1970er-Jahre waren wir von einem weiteren strukturellen Problem betroffen: dem fehlenden Nachwuchs in den Ordenshäusern, deren Mitglieder sehr engagiert in unseren Einrichtungen oft in leitenden Funktionen tätig waren. Deren Rund-um-die-Uhr-Einsatz musste plötzlich aufgefangen werden, was zusätzliches Personal notwendig machte.

Harrer: Mein Vor-Vorgänger Johannes Schmidt hat es schon angesprochen: Eine große Veränderung brachte, bedingt durch den Wegfall der Ordensmitarbeiterinnen, den gestiegenen Anforderungen und dem zunehmend bürokratischen Aufwand, die Professionalisierung der Dienste mit sich. Dies betrifft sowohl Leitungsaufgaben als auch Mitarbeiter.

Inwieweit kann sich die Caritas als sozialer Anbieter noch von anderen professionellen Diensten abgrenzen?

Harrer: Wir dürfen nicht zum Sozialkonzern werden. Unsere Richtschnur ist und bleibt die Menschlichkeit. Wo Caritas draufsteht, muss auch Caritas drin sein. Dies setzen wir bei aller Professionalisierung um. Die Menschlichkeit und die Zuwendung zu den Menschen darf nicht auf der Strecke bleiben.

Mattes: Bereits bei der Einstellung legen wir neben der fachlichen Qualifikation auch Wert auf die Haltung der Bewerber. Wir bieten unseren Mitarbeitern Besinnungs- und Einkehrtage an. Viele interne Veranstaltungen sind religiös geprägt. Die seelsorgliche Begleitung alter, pflegebedürftiger und sterbender Menschen liegt uns sehr am Herzen, in den Seniorenheimen stehen dafür eigene Seelsorgsbeauftrage zur Verfügung.
Harrer: Wir erwarten von unseren Mitarbeitern, dass sie das Mehr an christlicher Caritas trotzt eines sehr engen Zeitkonzepts und trotz aller bürokratischer Hemmnisse aufbringen. Und dazu versuchen wir unseren Beitrag zu leisten.

Mattes: Wir sehen uns nicht als Konkurrenten zu anderen Anbietern wie dem Roten Kreuz, der Arbeiterwohlfahrt oder der Diakonie. Jeder ist in seinem Bereich tätig. Wir als Caritas wollen mit unserer Arbeit einen Beitrag leisten, dass die Gesellschaft menschlicher wird. Das ist unser Anspruch. Allerdings muss uns auch klar sein, dass wir als Caritas, als Kirche, nicht alle Defizite der Gesellschaft bereinigen können.

Wo sehen Sie Ihre Hauptaufgaben in der Zukunft?

Mattes: Zunächst müssen wir sehen, dass wir unsere derzeitigen Aufgaben im Sinne der Caritas bewerkstelligen können. Natürlich würden noch viel mehr Alten- oder Pflegeheime benötigt. Aber hier stößt unser Verband finanziell an seine Grenzen. Allerdings böte sich ein Modell an, das beispielsweise in Gaimersheim und Freystadt bereits gut funktioniert: Die Gemeinde baut das Haus, wir übernehmen die Trägerschaft und damit auch die Dienste.

Finden Sie denn genug geeignete Kräfte?

Mattes: Nein. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt. In einigen unserer Häuser dürfen Plätze nicht belegt werden, weil wir nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung haben.

Die Arbeit Ihres Verbandes wird zu großen Teilen durch den Freistaat oder durch Sozialversicherungsträger refinanziert?

Harrer: Das trifft nur zum Teil zu. Die allgemeine soziale Beratung unserer sieben Kreisstellen beispielsweise wird komplett und nur von der Diözese Eichstätt finanziert. Zudem tragen wir durch die Caritasstiftung dazu bei, dass wir über das allgemeine Maß hinaus sozial tätig werden können. Derzeit verfügt die Stiftung über ein Stammkapital von drei Millionen Euro; davon werden pro Jahr etwa 30000 Euro ausgeschüttet.

Mattes: Auch durch die Mittel aus unseren zwei Mal im Jahr stattfindenden Sammlungen können wir die eine oder andere Not lindern. Von der Gesamtsumme der aus den Sammlungen hervorgehenden Mittel bleiben den Pfarreien 40 Prozent, der Rest wird für allgemeine Aufgaben der Caritas im Bistum verwendet.

Noch eine Frage zum Abschluss: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat vor Kurzem gesagt, Hartz IV bedeute nicht Armut. Was sagen Sie zu dieser Aussage?

Mattes: Dem kann ich nicht zustimmen.

Das Gespräch führte

Hermann Redl

CARITASVERBAND DER DIÖZESE
 

Der Caritasverband für die Diözese Eichstätt wird am 3. September 1918 als erster bayerischer Diözesanverband gegründet.
 
Bischof Leo von Mergel ernennt Domkapitular Karl Vogt zum Vorsitzenden. Der neue Verband will "alle in der Caritas tätigen Kräfte (zusammenschließen), um sie für die Behebung der auftauchenden Bedürfnisse planmäßig zu verwerten und sie in der Öffentlichkeit zur Geltung zu bringen; er will ferner werben, um immer neue Kräfte für die Aufgaben der Caritas mobil zu machen", wie es in einem Schreiben vom 25. Januar 1919 heißt. Als wichtigste Aufgaben werden gesehen: Ausbau der Krankenpflege und der Säuglingsfürsorge auf dem Land sowie die Gründung von Caritasausschüssen in den Pfarreien.

 
  • 1921 gibt es bereits 50 Stationen für ambulante Krankenpflege in der Diözese. Für ihre Vereine werden eigene Satzungen erlassen. Der Verband zählt 34 korporative und 93 persönliche Mitglieder.
 
 
  • 1922: In den Pfarreien existieren mittlerweile 53 Caritasausschüsse. 24 Orte haben eine Kinderbewahranstalt. Ferner zählt man neun Waisenhäuser und Erziehungsanstalten sowie vier Behinderteneinrichtungen. Die Existenznot vieler Menschen (Armut, Hunger) wird nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zum Teil dramatisch.
 
 
  • 1925: An 13 Orten des Bistums befinden sich - vor allem in Klöstern und Anstalten - 29 Einrichtungen für Volksspeisung. Sie geben täglich rund 670 Essensportionen aus.
 
 
  • NS-Zeit: Die Arbeit der Caritas wird erschwert durch Erlasse der nationalsozialistischen Diktatur. Sammlungen werden verboten, das Regime gründet im Gegenzug die NS-Volkswohlfahrt (NSV).
 
 
  • 1945 und folgende: Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs steht die Caritas vor neuen Herausforderungen. Zwei Monate nach Kriegsende schreibt Caritasdirektor Wohlmuth nach Freiburg: ,"Wir stehen vor abgebrochenen Brücken auf allen Gebieten. Die Caritas muß der große Brückenbauer sein und es werden ihr gewiß große und schwere Aufgaben bevorstehen. " Rückwanderer und heimkehrende Soldaten, Kriegsversehrte, Flüchtlinge und Vertriebene, versprengte Familien, alleinstehende ältere Menschen und Kinder geraten in den Fokus. 1945/46 werden im Bistum 30 neue Kindergärten gegründet.
 
 
  • 1952: In Ingolstadt wird ein Ortsverein ""Sozialdienst katholischer Frauen e. V. " gegründet.
 
 
  • 1953: In Ingolstadt errichtet man eine Fürsorgestelle gegen Suchtgefahren.
 
 
  • 1958: Eine Beratungsstelle für Erziehungsfragen nimmt in Eichstätt ihren Dienst auf.
 
 
  • 1962: In der Bundesrepublik Deutschland treten die neuen Sozialgesetze in Kraft: das Bundessozialhilfegesetz und das Jugendwohlfahrtsgesetz. Dies hat einen enormen Zuwachs sozialer Dienste und Einrichtungen zur Folge.
 
 
  • 1963: Das Müttergenesungsheim Schutzengelhaus in Denkendorf, das die örtliche Kirchenstiftung 1950 errichtet hatte, geht in die Trägerschaft des Caritasverbandes Eichstätt über. Im Bistum Eichstätt wird ein Malteser-Hilfsdienst gegründet. In Ingolstadt eröffnet eine Caritas-Kreisstelle.
 
 
  • 1964: Das Einglieder-ungsheim Ingolstadt, heute Caritas-Wohnheime und Werkstätten, ist der erste Bau, den der Caritasverband in eigener Trägerschaft erstellt.
 
 
  • 1965: In der Gabelsbergerstraße in Ingolstadt wird das erste Caritas-Seniorenheim der Diözese Eichstätt eingeweiht. Weitere Seniorenheime wie in Eichstätt oder Greding folgen.
 
 
  • 1976: Das Kinderdorf Marienstein wird eingeweiht. Es betreut Kinder und Jugendliche ab zwei Jahren in stationärer, teilstationärer und ambulanter Weise.
 
 
  • Kernzahlen (1993 und 2017): Vor 25 Jahren verfügte der Verband über 40 eigene Einrichtungen und Dienste und es gab über 24 Krankenpflege- und Sozialstationen. Heute: 37 eigene Einrichtungen und Dienste, 16 Krankenpflege-/Sozialstationen.
 
 
  • 1993: etwa 1500 Mitarbeiter in eigenen Einrichtungen und 500 in den Sozialstationen. Heute: 2661/851.
 
 
  • 1993 betreute der Verband etwa 30000 Menschen in eigenen Einrichtungen und 4633 in den Sozialstationen. Heute: 41765/7551
 
 
  • Mitglieder: 1993: 32523; 2017: 25083.
 
 
  • Jahresumsatz: 1993: 82,3 Millionen DM; 2017: 111,7 Millionen Euro.
 
  • Ergebnis der Caritassammlungen: 1993: 1,93 Millionen DM; heute 867000 Euro.
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